rheinische ART
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rheinische ART 01/2021

Archiv 2020

CODEX MANESSE
Letzte Station Mainz?

 

Für manch exquisite Exponate in Ausstellungen gilt bereits bei der Eröffnung: So etwas gibt´s vermutlich nie wieder öffentlich zu sehen. Der Codex Manesse in der Mainzer Sonderschau „Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht“ dürfte hierzu zählen.

 

Große Adler-/Pfauenfibel, um 1000, Landesmuseum Mainz © GDKE Rheinland-Pfalz – Landesmuseum Mainz; Foto: Ursula Rudischer. Die Große Mainzer Adlerfibel ist einzigartig und eines der prachtvollsten Beispiele mittelalterlicher Handwerkskunst. Bildquelle Landesmuseum Mainz 2020

 

Die Manessische Liederhandschrift ist eine der berühmtesten deutschen Gedichtschriften aus dem Mittelalter. Sie entstand um 1300 mit diversen späteren Nachträgen unter der Patronage des Zürcher Patriziers Rüdiger Manesse. Es ist ein gewaltiges, prachtvolles Buch mit 426 beidseitig beschriebenen Pergamentblättern, Format 35,5 × 25 cm - und höchst empfindlich!

 

Meister Heinrich Frauenlob, Codex Manesse, Universitätsbibliothek Heidelberg © Universitätsbibliothek Heidelberg. Die Große Heidelberger Liederhandschrift: Codex Manesse, Zürich, um 1300; Deckfarbenmalerei; Bildquelle Landesmuseum Mainz 2020

 

Goldene Bulle, Wien © Österreichisches Staatsarchiv. Die Goldene Bulle, Exemplar des Erzbischofs von Mainz, ist ein bedeutendes europäisches Grundgesetz, das seit 2013 auf der UNESCO-Liste des Weltdokumentenerbes eingetragen ist. Bildquelle Landesmuseum Mainz 2020

 

Diese Kollektion höfischer Dichtung stammt von über einhundert Autoren, aufwendig illustriert in einer als einzigartig geltenden Qualität.

     Bis 1888 waren die Besitzverhältnisse wechselhaft und unklar. Seither ist die Universitätsbibliothek Heidelberg die Heimat des Buches, daher auch die verbreitete Bezeichnung Große Heidelberger Liederhandschrift.

     Was so ungewöhnlich an diesem Exponat ist: Es muss unter speziellen kryptoklimatischen Bedingungen gelagert werden und Transporte erfolgen unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen. So gelangte der Codex auch nur mit starkem Polizeischutz als Leihgabe für die Sonderausstellung nach Mainz.

     Noch verblüffender ist, dass die Handschrift lediglich alle fünfzehn bis zwanzig Jahre ihre „Residenz“ in Heidelberg verlässt. Zuletzt wurde sie 2006 in Magdeburg öffentlich gezeigt, davor 1991 in Zürich. In Mainz war sie bis Ende Oktober zu sehen und es gilt als wahrscheinlich, dass es die letzte Präsentation vor Publikum gewesen sein könnte. Also: Endstation Mainz?

 

Der Codex Manesse war in der Ausstellung im Rahmen des „Kaiserjahres“ aber nur ein Highlight. Den Kuratoren ist eine Versammlung hochkarätiger Schaustücke und kulturhistorisch bedeutenden Dokumente gelungen. Dazu haben renommierte Leihgeber aus ganz Europa beigetragen.

     Spitzenwerke sind unter anderen das Armreliquiar Karls des Großen aus dem Pariser Louvre, die kostbare Heiratsurkunde der Kaiserin Theophanu mit Otto II. aus dem Jahre 972, die Grabkrone der Kaiserin Gisela und ein aus dem Staatsarchiv in Wien ausgeliehenes Exemplar der Goldenen Bulle. Jenes urkundlich verfasste kaiserliche Gesetzbuch also, das ab 1356 als „Grundgesetz“ des Heiligen Römischen Reiches galt und Regelungen für die Krönung der römisch-deutschen Könige und Kaiser durch die Kurfürsten bereitstellte.

 

Armreliquiar Karls des Großen © bpk | RMN - Grand Palais | Daniel Arnaudet. Maasgebiet, 1165-1173, Eichenholzkern; getriebenes, punziertes und vergoldetes Silberblech; Bronze gegossen, graviert, ziseliert und vergoldet; Grubenschmelzemails; Paris, Musée du Louvre, Département des Objets d’art. Bildquelle Landesmuseum Mainz 2020


Die Ausstellung zeigt zusammenhängend, dass das mittelalterliche Rheinland zwischen Aachen/Köln und Basel, vor allem die Region um Mainz, Ingelheim und Speyer, vor rund 1000 Jahren ein europäisches Machtzentrum war. Mit einem engen Netzwerk und „dynamischen Beziehungsgeflechten von Herrschern und Beherrschten“, wie es im Landesmuseum heißt.

    

Cappenberger Barbarossakopf, 1156-1160, Kath. Kirchengemeinde St. Johannes, Schloss Cappenberg © Andreas Lechtape / Kath. Kirchengemeinde St. Johannes. Bildquelle Landesmuseum Mainz 2020

 

Adelheidkreuz, Reichskreuz König Rudolfs von Rheinfelden, Vorderseite: Ende 11. Jh., Rückseite: 1141-1170, Benediktinerstift St. Paul im Lavanttal © Gerfried Sitar, Museum im Benediktinerstift St. Paul im Lavanttal. Kopie: St. Blasien, Kolleg St. Blasien e.V. – Dauerleihgabe des Erzbischöflichen Ordinariats Freiburg. Bildquelle Landesmuseum Mainz 2020

 

Zeitlich umfasst die Präsentation die Jahrhunderte zwischen der Kaiserkrönung Karls des Großen im Jahr 800 bis zu dem 1190 gestorbenen Friedrich Barbarossa.

     In dieser Zeit prägten Kaiser und Päpste im Machtpoker die Geschicke halb Europas. Die Kaiser waren glanzvolle Monarchen und Beauftragte Gottes, geschickte Politiker aber auch unerbittliche, ja regelrecht grausame Feldherren. Ihren Machterhalt verdankten sie einem ausgeklügelten Spiel mit den „Säulen ihrer Macht“. Dies waren die weltlichen und geistlichen Fürsten, Bischöfe, jüdischen Gemeinden und städtische Bürger.

 

Die Schau verdeutlicht: Mit dem Vertrauen der Herrscher gegenüber Landesfürsten, Bischöfen oder Beamten war es nicht weit her.

     Ständige Präsenz und Kontrolle waren unabdingbar. Daher ritten die mittelalterlichen Kaiser mit ihren Hunderte Menschen umfassenden Hofstaat mehr oder weniger ständig durch die Lande und regierten aus dem Sattel. „Ein Kaiser musste Furcht verbreiten und Liebe auf sich ziehen“, so der wissenschaftliche Leiter der Schau Bernd Schneidmüller.

     Das gefiel nicht jedem. „Mir sind die Reiche und Länder untertan“ dichtete Kaiser Heinrich VI. (1553–1610), festgehalten im Codex Manesse. Vermutlich war das gekrönte Haupt der Literatur, Kunst und Musik sehr zugetan und tatsächlich mehr Dichter als Regent.

     Seine Herrschaft, so textete er weiter, hänge allein an einer Frau, seiner Geliebten. „Ehe ich sie aufgäbe, gäbe ich lieber die Krone her.“ Eine schiere Liebesdichtung des notorischen Ehe- und Herzensbrechers, wie man heute weiß. Seine Mätressenliste soll etwa 20 Liebschaften umfasst haben, bei unklar hoher Dunkelziffer. Welche Bettgefährtin ihn so auf Macht und Reichtum hätte verzichten lassen? Antwort offen!
K2M


Die Mainzer Präsentation ist eingebunden in einen großen Ausstellungsreigen des Landes Rheinland-Pfalz. 2016 wurde in Trier „Nero – Kaiser, Künstler und Tyrann“ gezeigt, 2018 eine Schau zu Karl Marx (mehr). Für 2022 ist in Trier eine Exposition zum Untergang des Römischen Reiches geplant.


 Das Original des Codex Manesse war in Mainz bis zum 25. Oktober 2020 zu sehen, als Ersatz dient ein Faksimile.


Die Landesausstellung „Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht. Von Karl dem Großen bis Friedrich Barbarossa“ dauert bis zum 18. April 2021.
Landesmuseum Mainz
Große Bleiche 49-51
55116 Mainz
Tel. 06131 / 28570
Öffnungszeiten (Derzeit wegen der Corona-Pandemi geschlossen.)
DI 10 – 20 Uhr
MI – SO 10 – 17 Uhr