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rheinische ART 07/2021

Archiv 2021

ARCHITKTUR
Gehrys Schachtelturm


Im wirtschaftsschwachen mediterranen Städtchen Arles im oberen Rhône-Delta soll ein Kultur- und Kunstzentrum für neue Dynamik sorgen. Stichwort: Bilbao-Effekt. Kann das funktionieren?

 

Frank O. Gehry LUMA Museumturm in Arles: „Der Turm ist für mich zuallererst eine Antwort auf die römischen Anlagen – wie sie besitzt er eine archaische Robustheit.“ Zitat aus: DER SPIEGEL Nr. 26 vom 26.6.2021. Foto © LUMA Arles/ Gehry Partner Foto Iwan Baan 2021

 

Die Idee ist nicht neu und der Bezug zur baskischen Metropole Bilbao ein wenig abgegriffen. Mit Kunst und Kultur lässt sich, jedenfalls in coronafreien Zeiten, bekanntlich durchaus Geld verdienen, lassen sich infrastrukturelle Impulse erzeugen und Arbeitsplätze sichern.

 

Schimmernde Lichtspiele Tag und Nacht: der Gehry-Turm, neues Wahrzeichen in der antiken Stadt Arles. Foto © LUMA Arles/ Gehry Partner Foto Iwan Baan 2021

 

Dem Provinzstädtchen Arles, dieser über 2000 Jahre alten Römergründung, die Motivlieferant für Vincent van Goghs farbgewaltige und betörende Gemälde war, geht es nicht sonderlich gut.

     Die Arbeitslosigkeit in der 50.000 Einwohner zählenden Stadt ist hoch, die Industrieproduktion – so sie denn noch da ist – niedrig. Das Amphitheater, Römerartefakte im Museum und das unter anderen vom französischen Starfotografen Lucien Clergue 1968 mitgegründete internationale Festival Rencontres des la Photographie machten die Kommune bekannt (mehr).

     Tourismus und Festivalbesucher waren bisher ein Rettungsanker, aber nicht ausreichend und eine ökonomische Wende längst überfällig.

 

Jetzt wurde auf einem ehemaligen Werkstatt-Gelände der französischen Eisenbahn SNCF der Kultur-Hotspot LUMA Arles mit dem Parc des Ateliers eröffnet. Ein Kulturzentrum der Sonderklasse, das als größtes privates Bauprojekt dieser Art in Europa gefeiert wird.

     Gekostet hat es über 150 Millionen Euro. Finanziert wurde es von der Schweizer Milliardärin Maja Hoffmann, Miterbin des Baseler Pharmakonzern F. Hoffmann-la Roche AG.

     In der Preisklasse, das ist selbstverständlich, agieren auch Baumeister der ersten Riege. Und so ist das Wahrzeichen von LUMA Arles ein 56 Meter hoher glitzernder Museumturm aus verschachtelten 11.000 Aluplatten vom Reißbrett des berühmten Frank O. Gehry. Der US-kanadische Architekt ist für seine dekonstruktivistischen, oft lichtdurchfluteten Glas- Stahl-Konstruktionen berühmt, wie er sie zum Beispiel für die Fondation Louis Vuitton in Paris realisierte (mehr).

 

Inwertsetzung eines Bahndepots: Atelierhaus der LUMA Foundation auf dem elf Hektar großen neuen Kulturgelände nahe der Altstadt von Arles. Foto © LUMA Arles/ Gehry Partner Foto Joana Luz 2021


Offiziell heißt das spektakuläre Museumsbauwerk in Arles „Arts Resource Building“. Er überragt das Kulturgelände, das weit mehr werden soll als ein Schauhaus für zeitgenössische Kunst. LUMA Arles wird, so sehen es die Unternehmerin Hoffmann und die Planer, eine interdisziplinäre Kultur-Denkfabrik in der französischen Provinz. Ein Areal, auf dem Ideen entwickelt und Austausche zwischen den Themen Kultur, Ökologie, Umweltschutz oder Menschenrecht gepflegt werden sollen. Ein ambitioniertes Projekt, das Künstler, Philosophen, Forscher und Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen zusammenbringen soll.

     Der berühmte Bilbao-Effekt (mehr), mit dem gerechnet wird: Pro Jahr sollen bis zu einer halben Million Besucher nach Arles strömen, die einen entsprechenden ökonomischen Mehrwert erzeugen. Ob die derzeitige Infrastruktur bei Gastronomie, Hotellerie und Verkehr dafür ausreicht und ob der Baukomplex dem historischen Ort nicht die Authentizität raubt, ist eine von zahlreichen kritischen Fragen.

 

Gehry-Bauten mit Edelstahlfassende im Düsseldorfer Neuen Zollhof (Medienhafen) Foto © rheinische ART 2021

 

Eine andere lautet: Ist es die extravagante Architektur, als „Spektakel-Baukunst“ oder noch übler als „Bling-Bling-Architektur“ verspottet, die künftig Besucherzahlen nach oben schnellen lassen soll oder sind es das neue Museum und die Kunst- und Austauschprojekte des Think Tanks?

     Baumeister Gehry, mittlerweile 92 Jahre alt (mehr), missfallen derartige öffentliche Kritiken zutiefst. In einem SPIEGEL-Interview erklärte er jüngst: „Es ist beleidigend, von einer `Bling-Bling-Architektur´ zu sprechen. Finden Sie nicht?“

     Wie auch immer: Die Chancen für mehr wirtschaftliche Prosperität stehen nicht schlecht und das Beispiel Bilbao ist noch immer Impuls- und Hoffnungsgeber für Stadtplaner.

     Es war ja Gehry, der das 1997 eröffnete Guggenheim-Museum in der baskischen Hafenstadt Bilbao entworfen hatte und damit der eher für Stahl und Reedereien bekannten unattraktiven Industriemetropole zu erstaunlichem Renommee und Aufschwung verhalf. In der Tat gelang es mit dieser Kultureinrichtung, dem wirtschaftlichen Verfall der krisengeplagten spanischen Kommune einen Kontrapunkt entgegenzusetzen.

     Das betont der Architekt immer wieder. „Bilbao war eine ruhige Stadt mit einem traurigen Gesicht“, so Gehry. Seit der Guggenheim-Eröffnung seien „viele Milliarden Euro durch den Tourismus in die Stadt geflossen. Und ich kann Ihnen nur sagen, in Bilbao freuen sich die Leute über diese Entwicklung.“
Bezüglich Gehry-Bauten ist ein Blick in heimatliche Regionen angebracht. Denn auch Gehrys Häuser im Düsseldorfer Medienhafen sind touristische Anziehungspunkte geworden und längst bekannte Charakteristiken des Stadtbildes.
cpw

 

 Die Luma Stiftung wurde 2004 in der Schweiz von Maja Hoffmann ins Leben gerufen, um Aktivitäten von freien Künstlern und Pionieren sowie Institutionen in den Bereichen bildende und darstellende Kunst, Fotografie, Publizistik, Dokumentarfilm und Multimedia zu fördern. Die Stiftung realisiert, unterstützt und ermöglicht anspruchsvolle künstlerische Projekte, die sich um ein umfassendes Verständnis von Umweltfragen, Menschenrechten, Bildung und Kultur bemühen. Quelle: LUMA Foundation Westbau Zürich

 

LUMA Arles
Parc des Ateliers
45 Chemin des Minimes
33 Avenue Victor Hugo
13200 Arles
Öffnungszeiten
Täglich von 10 - 19.30 Uhr

 

Zitate: DER SPIEGEL Nr. 26 vom 26.6.2021, S. 100 ff. Interview von Ulrike Knöfel und Britta Sandberg mit Frank O. Gehry: „Warum sollte ich aufhören? Weil ich 92 bin?“

 

 

 

 

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