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rheinische ART 03/2011

 

Archiv 2011: aus "Kunst erleben"

Der Blick aufs Tatsächliche: Neue Sachlichkeit

 

Gefühl ist Privatsache

 


…und borniert, meinte Bertolt Brecht 1926. Der Verstand hingegen sei loyal und umfassend. Das rigorose Urteil des Literaten galt den Expressionisten und ihren gefühlsbestimmten Darstellungen. Brechts Spruch ist Titelgeber der Ausstellung zur Neuen Sachlichkeit im Bonner Kunstmuseum. Die sehenswerte Schau zur Kunst zwischen den Kriegen liefert keinen Blick auf die vermeintlich „Goldenen Zwanziger“ der Weimarer Republik. Die vorwiegend grafischen Werke von George Grosz, Otto Dix, Franz Radziwill, Max Beckmann und 36 anderen Zeitgenossen bieten über weite Strecken das malerische Abbild einer Gesellschaft im Massenelend und Nachkriegschaos, vom Krieg traumatisiert und von politischen Unruhen zerrüttet.

 

 

 

 

Den Besucher erwartet bereits im ersten Raum das Thema Krieg, Tod, Schrecken und soziale Schieflage.

 

Der Weltkriegsteilnehmer Otto Dix klagt in seinen Blättern das Grauen der Schützengräben und die kranke Gesellschaft unbarmherzig an. „Nächtliche Begegnung mit einem Irrsinnigen“ oder „Totentanz Anno17 (Höhe Toter Mann)“ aus seinem, anlässlich des Antikriegsjahres 1924 erstmals veröffentlichten, berühmten Radierzyklus „Der Krieg“ sind schwere Kost. Zerfetzte Körper, mit Gasmasken bewehrte Gesichter, Krüppel und andere entsetzliche Szenarien stellen illusionslos und nüchtern dar, was war und ist. Die Neue Sachlichkeit eben – unsentimental, desillusioniert, radikal und provokant.

 

Der neusachliche Malstil und seine Strömungen

 

Als Kunstform in der Malerei entstand die Neue Sachlichkeit als Reaktion auf den Expressionismus unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg. In der Weimarer Republik gehörte sie mit ihren separaten Stilrichtungen Verismus, Klassizismus und Magischer Realismus zu den prägenden Erscheinungen der Kunst in Deutschland. Eingang in die Kunstwelt erlangte der Begriff Neue Sachlichkeit erstmals 1925, anlässlich einer nachexpressionistischen Kunstausstellung in Mannheim durch den Kunsthistoriker Gustav Friedrich Hartlaub. Gemein sind allen drei Stilrichtungen sachliche Ausdrucksform und strenge Bildanordnung, scharf konturierte Formen und überdeutliche Wiedergabe von Gegenständen bis hin zur Starrheit, sowie der schattenlose, kühle und detailgenaue „…Blick auf die Wirklichkeit und den Menschen zwischen sozialer Misere und Banalität des Alltags“, so das Kunstmuseum in seiner Besprechung. Die Bonner Schau bietet ein umfassendes Panorama der drei stilistischen Richtungen.

 

Verismus, Klassizismus und Magischer Realismus

 

Der Verismus als politische Kunst innerhalb der Neuen Sachlichkeit greift in der Weimarer Republik extrem kritisch die sozialen Missstände auf und sympathisiert mit sozialistischen und kommunistischen Zielen. Ihre Hauptvertreter sind vor allem die sog. Berliner Veristen wie u.a. Otto Dix, George Grosz und Conrad Felixmüller. Sie arbeiten mit grotesk verzerrten, karikierten Bildern aus der Halbwelt, dem Rotlicht-Milieu und dem Arbeiterproletariat. Otto Dix´ Zeichnung „Suleika, das tätowierte Wunder“ und die Radierung eines blinden verkrüppelten auf dem Trottoir hockenden „Streichholzhändlers“ zählen zu den eindringlichen Darstellungen dieses Genres.
   Der veristischen Richtung steht der apolitische und eher akademisch wirkende Klassizismus mit seinen traditionellen Techniken und Malweisen als idealisierende Richtung gegenüber. Er bediente in den 20er-Jahren mit oft naturbezogenen Gemälden die verbreitete nachkriegsbedingte Sehnsucht nach Idylle, Harmonie und Schönheit.

   Das Kunstmuseum Bonn zeigt zu dieser Stilrichtung Arbeiten von Alexander Kanoldt, Carlo Mense und Georg Schrimpf. In diese Kategorie ist auch Christian Schads „Halbakt“ von 1929 einzuordnen, eine Leihgabe des Wuppertaler Von-der-Heydt-Museums, und quasi der Star der Ausstellung. Wie kaum ein anderer Maler seiner Zeit verstand es der Ex-Dadaist Schad, Menschen emotionslos wirkend in einer „eingefrorenen Haltung“, mit transparenter Haut und durchschimmernden blauen Äderchen, sachlich exakt und fast medizinisch-distanziert, zu malen. Der berühmte „Halbakt“ zeigt seine Muse Maria Spangenmacher beeindruckend „hautnah“.
   Schließlich werden mit Carl Grossberg und Franz Radziwill zwei führende Vertreter der Unterform Magischer Realismus präsentiert. Als Verschmelzung von Realität, Traum und Sinnestäuschung stehen die mystisch-magischen Bilder dieser neusachlichen Stilrichtung dem Surrealismus nahe.
   Die Ausstellung zeigt rund 130 Aquarelle, Zeichnungen und druckgrafische Arbeiten aus dem umfangreichen Bestand des Berliner Kupferstichkabinetts. 35 Leihgaben, vorzugsweise Gemälde, ergänzen die Präsentation und verdeutlichen die enorme Vielfalt des Phänomens Neue Sachlichkeit. Zahlreiche in Bonn zu sehende Exponate sind bislang nur selten gezeigt worden.
Klaus M. Martinetz

 

Ausstellung: „Gefühl ist Privatsache“ – Otto Dix, George Grosz und die Neue Sachlichkeit
Dauer: bis zum 15.05.2011

Kunstmuseum Bonn
Museumsmeile
Friedrich-Ebert-Allee 2
53113 Bonn
Tel. 0228 / 77 - 6260

Öffnungszeiten:
DI - SO 11 - 18 Uhr
MI 11 - 21 Uhr

 

 

Mehr zum Thema
Das Ende der Neuen Sachlichkeit wurde mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 und der Gleichschaltung der Medien eingeläutet. Fast alle Künstler dieser Richtung, vor allem jene mit sozialkritischen Bildthemen wie Beckmann, Dix, Grosz, wurden mit Ausstellungsverbot belegt und als „entartet“ eingestuft. Ihre Werke wurden aus den öffentlichen Sammlungen entfernt. Von Conrad Felixmüller (1897-1977) wurden in der NS-Ausstellung „Entartete Kunst“ (1937) rund 40 Werke gezeigt. In den folgenden zwei Jahren konfiszierten und vernichteten die Nationalsozialisten über 150 Arbeiten des Spätexpressionisten und neusachlichen Malers.

Die Neue Sachlichkeit war auch gut ein Jahrzehnt stilbestimmend bei Literatur, Film und Fotografie. Literarisch wichtige Vertreter waren vor allem Hans Fallada, Lion Feuchtwanger, Alfred Döblin und Egon Erwin Kisch. In der Fotografie setzte der rheinische Fotograf August Sander (1876-1964) mit seinen dokumentarisch-sachlichen Arbeiten völlig neue Akzente. Sein Portraitprojekt „Menschen des 20. Jahrhunderts“ gilt als kunst- und kulturhistorisch einzigartiges, epochemachendes Fotowerk (rheinische-ART 07/2010).

 

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