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rheinische ART 03/2013

 

ARCHIV 2013
Hans Poelzig - Architekt

 

Expressionist in Stein

 

 

Hans Poelzig: Lichthof im "Haus des Rundfunks" (1929) Berlin © Bildarchiv Monheim

 

Hans Poelzig: Turmhaus am Bahnhof Friedrichstraße, Berlin, 1921, Projekt, Wettbewerbsbeitrag, Kennwort "Zentral", Schaubild, Lösung B - Kohle auf Transparentpapier, 108,0 x 75,0 cm
© Architekturmuseum der TU Berlin

 

Als Kreateur bis dahin nie gesehener Bauformen avancierte er in den 1910er bis 1930er Jahren zu einem Star der deutschen Architekturgilde. Er zählte zu den führenden Baumeistern der Weimarer Republik, war visionärer Planer und Wegbereiter der architektonischen Moderne und der Neuen Sachlichkeit: Der Architekt, Hochschullehrer und Künstler Hans Poelzig (1869-1936). Auch im Rheinland hat er Spuren hinterlassen.

 

Obwohl er lange vor der Bauhaus-Architektur als moderner Baumeister galt, erreichte er - bedingt durch sein ausschließliches Wirken innerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches - nie das internationale Renommee anderer deutscher, zum Teil emigrierter, Architekturgrößen seiner Zeit wie etwa Walter Gropius, Mies van der Rohe, Erich Mendelsohn oder Bruno Taut. Zudem hat wenig von ihm, der viele Industriebauten schuf, die Zeit überdauert. Das Oberschlesische Landesmuseum (OSLM) in Ratingen widmet dem gebürtigen Berliner eine Sonderschau.
    Denn Poelzigs Karriere begann 1900 in der schlesischen Kapitale Breslau mit der Berufung an die Königlich-Preußische Kunst- und Kunstgewerbeschule, deren Direktor er drei Jahre später wurde. Als Hochschulprofessor hatte er zahlreiche Ämter inne. So war er etwa ab 1916 für vier Jahre Stadtbaurat in Dresden und Anfang der 1930er Jahre Stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Werkbundes, dem er seit 1907 angehörte. 1932 wurde er zum Vizepräsidenten der Berliner Akademie der Künste gewählt, trat jedoch ein Jahr später wieder zurück. Auslöser der Demission war der steigende Druck durch die Nationalsozialisten, denen er nicht, wie sein monumentaler Baustil vermuten lassen könnte, nahestand. Wie kaum ein anderer hat Poelzig auf dem Kunstcharakter der Architektur bestanden. Als "symbolische Form" war sie für ihn über alle funktionalen, sozialen und schließlich selbst ihre politischen Voraussetzungen erhaben.

 

Neue Raum- und Formschöpfungen

 

Hans Poelzig: Lichtspielhaus Babylon, Berlin-Mitte, 1927-1929, Zuschauerraum, Blick von der Bühne zum Rang (Foto auf Papier)         

© Architekturmuseum der TU Berlin

 

Ab der Jahrhundertwende gab es kaum eine Bausparte in Deutschland, in der Poelzig nicht tätig wurde oder in der nicht zumindest seine Meinung gefragt war: Wohnhäuser, Stadtquartiere, Industrie- und Bürobauten, Warenhäuser, Theater, Kinos, Rundfunk- und Messegebäude. In Berlin, der Stadt die er selbst nicht sehr schätzte, realisierte er in den 1920er Jahren spektakuläre Bauwerke im Stil der Moderne, die ihn berühmt machten. Markante Beispiele sind der Umbau des Großen Schauspielhauses (1919), das „Haus des Rundfunks“ (1929) in Charlottenburg und acht Mehrfamilien-Wohnhäuser mit dem Kino Babylon rund um den heutigen Rosa-Luxemburg-Platz aus demselben Jahr.

 

Auftürmende Architekturgebilde

 

Der Mann, der sich selbst in der besten deutschen Bautradition verhaftet sah, hatte einen unverkennbaren Hang zum Monumentalen. Zahlreiche sogenannte „Poelzig-Bauten“, vorzugsweise Industrie- und großstädtische Verwaltungsgebäude, wurden von zeitgenössischen Kritikern gerne als „Kolosse auf tönernen Füßen“ verspottet, als sich auftürmende Architekturgebirge mit wuchtiger und einschüchternder Wirkung, deren Unheimlichkeit durch dunkelrote Sand- oder düstere Backsteinfassaden noch verstärkt würde.
   Der bekennende Preuße (1919: „Ich bin fanatischer Preuße, nicht Deutscher…“) konnte aber auch anders – wie etwa in Frankfurt am Main.

 

Hans Poelzig: Das Verwaltungsgebäude der IG-Farben in Fankfurt am Main (1928 - 1931), heute Teil der Johann Wolfgang Goethe-Universität © Bildarchiv Monheim

 

 

 

Das lichtvolle, klar gegliederte und hell schimmernde IG-Farben-Haus, Konzernsitz der I.G. Farben, galt 1931 als das größte Verwaltungsgebäude Europas: Ein repräsentatives Bürohaus-Ensemble, auch 2000-Fenster-Haus genannt, siebenstöckig, als 254 Meter langer Riegel mit sechs Querflügeln konstruiert. Seit 2001 nutzt die Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität den restaurierten "Poelzig-Bau" als Teil ihres neuen Campus Westend.
    Als Künstler widmete sich der Architekt Poelzig auch anderen Bereichen. Gemälde, Zeichnungen, Möbelentwürfe, Keramik- und Porzellanarbeiten, Film- und Theaterkulissen waren neben der Architektur seine Wirkungsgebiete.

 

Villa in Krefeld

 

 

Hans Poelzig: Das Privathaus von Ilse und Fritz Steinert in Krefeld, heute "Villa Poelzig" genannt © Bildarchiv Monheim

 

Blick in das originale Treppenhaus im

ehemaligen Haus Steinert, der heutigen

"Poelzig-Villa" © Bildarchiv Monheim

 

Von Poelzig gibt es mehrere Entwürfe zu Bauvorhaben im Rheinland, die allerdings nie realisiert wurden. Zu diesen zählen ein Kölner Kaufmannshaus von 1922, ein Stadttheater in der Textilstadt Rheydt 1926 oder auch ein Bismarck-Denkmal auf der Elisenhöhe bei Bingen (1911), das als Nationalmonument in seiner Architektur kolossale Größe repräsentieren sollte.
   Eine demgegenüber kleine architektonische Rarität aus der Ideenschmiede Poelzigs existiert bis heute in Krefeld: die expressionistische Poelzig-Villa. Es ist die einzige Villa, die der Architekt je für eine Privatperson baute. Er schuf dieses Gebäude von 1929-1931 für die Textilfabrikanten und Kunstsammler Ilse und Fritz Steinert. Der giebelständige Backsteinbau verfügt über eigenwillige Dachformen und Geschosshöhen, der gesamte Baukörper gilt als bautechnisch ungewöhnlich.
Die Geschichte dieses Hauses ist bewegt. Gediegenes Interieur entsprach schon beim Einzug des Bauherrn Steinert dem expressionistischen Exterieur: es gab ein Mosaik von Thorn Prikker (mehr), eine großartige Balustrade mit geschwungenem Treppenaufgang, kunstvolle Bleiglasfenster und ein Terrakottarelief von Ewald Mataré (1936) an der Eingangsfassade. Fritz Steinert, ein begeisterter Kunstsammler und Mäzen, machte die Poelzig-Villa zu einem privaten Treffpunkt für Kunst und Künstler.
    Die Tradition setzte sich nach Kriegsende mit frühen Kunstausstellungen fort. Das Haus war 1947 Ort des ersten Deutschen Werkbundtages und 1950 der Rahmen für eine Exposition von Mataré-Schülern mit dem zu diesem Zeitpunkt 29 Jahre alten Joseph Beuys (mehr). Vor dem Abriss gerettet und renoviert dient das Haus heute wieder als private Galerie für Fotografen und beherbergt das Bildarchiv Monheim mit historischer und moderner Baukunst.

 

Krefeld war kurz nach dem Zweiten Weltkrieg die erste Kommune, die Hans Poelzig mit einer Retrospektive ehrte. Im Kaiser-Wilhelm-Museum fand von 17. Februar bis zum 18. März 1951 eine Schau statt, in der Bauten, Entwürfe und Gemälde des großen expressionistischen Baumeisters gezeigt wurden.
Claus P. Woitschützke

 

Die Ausstellung „Hans Poelzig. Architekt, Lehrer, Künstler“ kann noch bis zum 24. Februar besucht werden.
Oberschlesisches Landesmuseum
Bahnhofstr. 62
40883 Ratingen
Tel. 02102-9650
Fax 02102-965240
Öffnungszeiten:
Täglich 11.00 bis 17.00 Uhr
MO geschlossen


Das Poelzig-Haus in Krefeld ist seit 2006 für die Öffentlichkeit zugänglich. Besichtigungstermine nach telefonischer Vereinbarung.
Bildarchiv Monheim GmbH
Poelzig-Haus
Kliedbruchstraße 67
47803 Krefeld
Tel. 02151 / 5656 796

 

 

©Fotos: Oberschlesisches Landesmuseum Ratingen (2), Bildarchiv Monheim (4)

 

 

                     

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