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rheinische ART 06/2014

Archiv 2014

LVR 1914 – KONSUMGENOSSENSCHAFTEN IM RHEINLAND
Rote und schwarze Genossen

 

Menschenunwürdiges Wohnen, Arbeitslosigkeit, eine allgemeine Verelendung, fehlende gesunde und preiswerte Lebensmittel – die Industrialisierung zeigte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre hässlichsten Seiten. Auch wenn mehr Menschen in Wohlstand lebten - in vielen europäischen Ländern nahmen die sozialen Gegensätze zwischen „oben“ und „unten“ extrem zu und sorgten für eine explosive politische Stimmung.

 

Postkarte der sozialistischen Arbeiterbewegung, Leipzig, um 1910:
„Mann der Arbeit, aufgewacht! Und erkenne deine Macht! Alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm es will.“ Quelle: LVR, 1914 Mitten in Europa, Katalogbuch zur Ausstellung, S.85, Essen 2014

 

Eine Folge dieser Situation war die Gründung von genossenschaftlich organisierten Betrieben der Selbstversorgung durch die Arbeiterschaft, den Konsumgenossenschaften. Ihr erklärtes Ziel war es, den Mitgliedern eine sichere Versorgung vor allem mit Lebensmitteln zu reellen Preisen zu bieten und ein Korrektiv gegen schlechte Arbeitsbedingungen und Preissteigerungen zu bilden. Auch im Deutschen Reich galt das Motto der ersten in England gegründeten Konsumgenossenschaft: „Wir wollen unsere wirtschaftlichen Angelegenheiten in die eigenen Hände nehmen und darin behalten.“
     In kaum einer anderen rheinischen Stadt ist die Bedeutung dieser Einrichtungen so gut dokumentiert und erkennbar wie in Wuppertal. Die Industriestadt im Bergischen, 1929 aus ehemals fünf im Tal der Wupper gelegenen selbstständigen Städten - darunter Elberfeld und Barmen - gebildet, war eine regelrechte Hochburg der genossenschaftlichen Idee. Mehr als ein Viertel der Bevölkerung dort gehörte um 1905 einem Konsumverein an.

 

Jugendstilfassade des ehemaligen Lager- und Kontorhauses der Genossenschaft „Vorwärts“ in Wuppertal-Barmen, Münzstraße. © Förderverein „Konsumgenossenschaft Vorwärts Münzstraße“ e.V. / Foto Wolfgang Ebert

 

Lastwagen der Konsumgenossenschaft „Vorwärts“. Während des Krieges wurden Fuhrwerke, Pferde und Lkw für Militärzwecke requiriert. 

© Medienzentrum der Stadt Wuppertal

 

Gründungen Unter dem Titel „Mit uns zieht die neue Zeit…“ beleuchtet in Wuppertal eine Schau die Entwicklung der Konsumgenossenschaften im Rheinland zwischen 1900 und 1918.
Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der 1899 in Barmen mit nur 45 Familien gegründeten Genossenschaft „Vorwärts“. Nach sechs Jahren hatte das Unternehmen bereits 3.800 Mitglieder und 1912 unter der Führung von Carl Eberle, dem Leiter der Gewerkschaftskommission Elberfeld-Barmen und Redakteur der sozialdemokratischen Zeitung „Freie Presse“, war die Liste der Genossen auf 14.000 angewachsen. Es waren die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts, die als große Gründungsphase für Genossenschaften in die Wirtschaftsgeschichte eingingen, nachdem das Sozialistengesetz 1890 abgeschafft, vormalige Parteiverbote weitgehend aufgehoben worden waren und die Anfeindungen und Diffamierungen vor allem der Sozialdemokratie langsam abnahmen.

 

 

Plakat als Ausdruck für das Selbstverständnis der Genossenschaft. Im Hintergrund die Silhouette der 1928 gebauten Zentrale der "Vorwärts"- Konsumgenossenschaft. Nach der Schließung von "Vorwärts" 1933 und der Wiedereröffnung nach dem Zweiten Weltkrieg gingen Organisation und Gebäude im Coop-Verband, der größten deutschen Konsumgenossenschaft im Lebensmittel-Einzelhandel, auf.
© Förderverein "Konsumgenossenschaft Vortwärts, Münzstraße" e.V.

 

Genossenschaftliche Farbenlehre In ganz Deutschland erfuhren die Konsumgenossenschaften als „Kinder der Not“, die eine preisgünstige Lebensmittelversorgung ihrer Mitglieder garantierten und eng miteinander kooperierten, einen enormen Zuspruch. Dabei waren die Gründungen aus betriebswirtschaftlicher Sicht schwierig: der jeweils örtlich eingesessene Handel bekämpfte die Selbstversorger als unliebsame Konkurrenten, es herrschte Kapitalmangel, Lieferboykotts und Standortnachteile kamen hinzu. Die bemerkenswert hohen Beitrittszahlen auch der frühen Konsumvereine waren jedoch kein spezifisches Phänomen der Industriestädte an der Wupper. In Köln etwa wurde 1901 die Konsumgenossenschaft „Hoffnung“ mit 1.800 Mitgliedern gegründet, zehn Jahre später zählt sie fast 24.000 Mitglieder und schrieb einen Umsatz von 5,6 Millionen Mark in die Bücher.
      Die im katholischen Kölner Raum etablierten Versorgervereine schlossen sich ab 1913 zum Reichsverband deutscher Konsumvereine e.V. zusammen, der als Spitzenverband die „Kölner Richtung“ repräsentierte. Dies war ein an der christlich-wirtschaftlichen Tradition orientierter Verband im Sinne des Begründers der Gesellenvereine, Adolph Kolping (1813-1865). Die Mitglieder wurden als „schwarze“ Genossen bezeichnet. Eine andere, nämlich die sogenannte „Hamburger Richtung“ vertraten dagegen die weniger der Kirche als den Arbeitervereinen, Gewerkschaften und der Sozialdemokratie nahestehenden Konsumgenossenschaften, dazu zählte auch „Vorwärts“ in Wuppertal. Sie galten in der gesellschaftlichen Farbenlehre als „rote“ Genossen und organisierten sich seit 1903 im Zentralverband deutscher Konsumvereine e.V. mit Sitz in Hamburg.

 

Expansion Mit der dynamischen Entwicklung der Konsumgenossenschaften vor Beginn des Ersten Weltkriegs wuchs auch ihr Einfluss auf Architektur, Stadtentwicklung und Produktionstechnik. Zwischen 1905 und 1908 errichtete zum Beispiel „Vorwärts“ in Wuppertal an der Münzstraße ein monumentales Lager- und Kontorhaus mit Jugendstilfassade außen und einer modernen Technik innen. Den Kern der Betriebsanlage bildete eine hochrationelle Brotfabrik mit modernsten Produktionsverfahren, die über einen unterirdischen Gleisanschluss versorgt wurde; mit Aufzügen gelangten Rohstoffe auf vier Produktionsetagen und Fertigwaren in den Versand. Die Großbäckerei produzierte zeitweise bis zu 50.000 Brote täglich. Während des Ersten Weltkriegs wurde die Massenherstellung von Backwaren auch für die Kriegswirtschaft genutzt.

 

Historische Zeichnung des „Vorwärts“- Lager- und Kontorgebäudes an der Münzstraße. © Medienzentrum der Stadt Wuppertal

 
Wirtschaftsschub In den Nachkriegsjahren gab es drei große Konsumgenossenschaften in der Industrieregion Wuppertals: „Vorwärts“ in Barmen, „Hoffnung“ in Velbert und „Befreiung“ in Elberfeld. 1924 schlossen sie sich zur „Konsum- und Produktionsgenossenschaft Vorwärts-Befreiung“ zusammen. Mit 800 Beschäftigten und 48.000 Mitgliedern galt „Vorwärts-Befreiung“ reichsweit als eine der größten genossenschaftlich organisierten Versorger. 1931 erhielt die Kooperation in Wuppertal eine neue Betriebszentrale.
     Errichtet im architektonisch anspruchsvollen Bauhausstil mit einer Betriebsfläche von 130.000 qm war es das größte Genossenschaftsgebäude in Deutschland. Heute ist es ein eindrucksvolles und geschütztes Baudenkmal.

 

► Die Wuppertaler Schau ist in drei Themenbereiche gegliedert. Teil 1 widmet sich ökonomischen Aspekten wie zum Beispiel der Mitgliederversorgung der Konsumgenossenschaft „Vorwärts“. In Teil 2 werden die demokratische Funktion der Genossenschaften und ihre Rolle für das Selbstbewusstsein der Arbeiter aufgegriffen. Dieser Expositionsteil verdeutlicht, dass die Versorger-Vereine nicht allein für eine in materieller Not lebenden Arbeiterschaft wichtig waren, sondern von ihr generell als Teil einer neuen Lebensform verstanden wurden. Deutlich wird ferner, welche fortschrittliche Rolle Frauen in derartigen Betrieben einnahmen. Gut die Hälfte aller Beschäftigten bei „Vorwärts“ waren Frauen. Sie gehörten zu den ersten, deren Arbeitsbedingungen nach Tarifverträgen geregelt wurden. Teil 3 zeigt schließlich den Wandel, den der Erste Weltkrieg für die Konsumgenossenschaften mit sich brachte.


Die Wuppertaler Ausstellung ist Teil des LVR-Verbundprojekts „1914 – Mitten in Europa. Das Rheinland und der Erste Weltkrieg“. Damit erinnert der Landschaftsverband Rheinland (LVR) nicht nur an diesen ersten weltumspannenden Konflikt der Menschheitsgeschichte, sondern thematisiert auch die zahlreichen Einflüsse der Moderne, die den Alltag im Rheinland fundamental verändern sollten.

cpw

 

Die Ausstellung „Mit uns zieht die neue Zeit…“ Konsumgenossenschaften im Rheinland 1900-1918 wird bis zum 14. September 2014 gezeigt.
Ehemalige Konsumgenossenschaft Vorwärts e.V.

Münzstraße 53

42281 Wuppertal-Barmen

Öffnungszeiten

DO - SO 14 - 17 Uhr

 

 

 

 

 

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