rheinische ART
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rheinische ART 04/2015

Archiv 2015

DIE WIRKUNG DES GÖTTLICHEN
Ästhetik pur
von Georg Simet

 

Die Bundeskunsthalle in Bonn bringt unter dem Titel „Der Göttliche“ eine außerordentliche Hommage an Michelangelo Buonarroti (1475-1564). Wer allerdings erhofft, Originale des italienischen Meisters, der die Fresken in der Sixtinische Kapelle im Petersdom malte, zu sehen, sei gewarnt. Denn die von den Renaissance-Spezialisten Georg Satzinger, Bonn und Sebastian Schütze, München kuratierte Ausstellung zeigt kein einziges Original.

 

Thomas Struth
 Audience 07, Florence 2004
, Chromogenic Print, Kunstsammlung Nordrhein-
Westfalen, Düsseldorf © Thomas Struth

 

Was gezeigt wird, ist vielmehr, wie er auf seine Zeitgenossen wirkte, warum er – freilich wie andere auch – den Beinamen „der Göttliche“ erhielt und weswegen er bis heute verehrt und rezipiert wird.

     Der Rundgang der Schau ist wie eine Art expressionistisches Stationendrama in szenische Entitäten separiert. In jedem Raum wird ein Themenkomplex, ausgehend von einzelnen prägenden Werken Michelangelos wie beispielsweise die Skulpturen des David, Moses oder die Malerei in der Sixtinischen Kapelle mit der Erschaffung Adams, wirkungsgeschichtlich in Szene gesetzt.
     Dabei werden insbesondere Michelangelos Einflüsse auf die Kunst seiner Zeit ausführlich dokumentiert, um deutlich zu machen, warum seine Zeitgenossen wie Giorgio Vasari (1511-74) „den Gipfel der Kunst in Michelangelos Einzelgestalten mit ihrer absoluten Beherrschung von Zeichnung und menschlicher Anatomie verwirklicht“ sahen*.

 

Ruina Gaspare und Girolamo de Grandi Die Erschaffung Adams
, um 1540, Holzschnitt
, Wien, Albertina © Albertina, Wien

 

Göttlich ist der Göttliche für Michelangelos Zeitgenossen, weil er als Künstler mit seinen „göttlichen Händen“ Werke schuf wie das der Erschaffung Adams. In diesem Bild, so hält der Biograf Vasari (mehr) fest, wirkt es, als dass in ihm Adam „erneut von diesem höchsten und seinem ersten Schöpfer gebildet zu sein scheint, und nicht nur mit dem Pinsel nach dem Entwurf eines Menschen wie er [Michelangelo] selbst.“

 

Michelangelos David

Candida Höfer Accademia Firenze
, 2008
, C-Print, Edition 2/6, © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

 

Das Potenzial zur Gottähnlichkeit hat prinzipiell zwar jeder Künstler, sofern er fähig ist, eine creatio ex nihilo, eine Schöpfung aus dem Nichts, die eigentlich nur (ein) Gott vermag, zu leisten. Doch nur die wenigsten, wie Raffael oder Leonardo da Vinci, haben zudem das Vermögen zur Vollendung ihrer Schöpfung: Zur Vollkommenheit.
     An dieser Stelle sei daran erinnert, dass Michelangelo unter anderem mit dem ebenfalls göttlichen Leonardo da Vinci (1452-1519) in Wettbewerb stand. 1503 nimmt dieser an den Beratungen zur Aufstellung von Michelangelos David teil, der dann auf der Piazza della Signoria in Florenz für alle Bürger sichtbar aufgestellt wurde.

 

Buch des Leseunkundigen Kunst war damals eine res publica, eine öffentliche Angelegenheit. So wie in den Stadtstaaten der Antike Götterstatuen öffentlich zur Schau gestellt wurden, wurde auch in den christlich beeinflussten Zeiten danach das Göttliche öffentlich ausgelegt. Gregor der Große (540-604) gab die Richtung vor: Kunst solle litterae laicorum, das Buch der Leseunkundigen sein.

     Dieser Hinweis ist wichtig, weil auch die Ausstellung auf das Erstaunen, das die Skulptur des David noch heute auslöst, anspielt und rekurriert. Die Fotografien "Audiences" 5, 7 und 16 aus 2004 von Thomas Struht (*1954) sind dementsprechend ein Schlüsselwerk der Ausstellung, weil sie uns das Göttliche des David in den be- und entgeisterten Gesichtern selbst heutiger Besucher widerspiegeln.

 

Auguste Rodin
 Das eherne Zeitalter, 1876, Bronze, Stiftung Museum Kunstpalast, Düsseldorf
 © Stiftung Museum Kunstpalast, Foto: Horst Kolberg – ARTOTHEK

 

Yves Klein L’Esclave de Michel-Ange (Der Sklave des Michelangelo), 1962, Farbpulver und Kunstharz
 auf Gips © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

 

Ausstellungsansicht: Vorne von Markus Lüpertz Apoll, 1989, Bronze, bemalt, Privatsammlung
Hinten von Michael Dannenmann Porträt Markus Lüpertz, 1996, Foto: David Ertl, 2015 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

 

Die Aktstatue So heterogen die über 200 gezeigten Künstlerarbeiten in ihrer Zusammenschau auch sind - ihre Verteilung auf und ihre Anordnung in den einzelnen Räumen sind sorgfältig und wohl durchdacht.

     Das wird beispielsweise im, den Aktstatuen gewidmeten, Raum deutlich. Der Blick geht in der Vertikalen geradewegs über Auguste Rodins (1840-1917) wohlproportionierten, gern gezeigten Jüngling (mehr) mit dem bezeichnenden Titel "Das eherne Zeitalter" (1875/76) hin auf die Fotografie "Academia Firenze" von 2008 von Candida Höfer (*1944), in dem Michelangelos "David" im Zentrum steht.
     Rodin scheint – so lautet die Botschaft – mit seinem Jüngling Michelangelos Schönheitsideal des David zu teilen, zu beherzigen und zu revitalisieren. Flankiert wird Rodins Jüngling von Yves Kleins (1928-62) komplett in psychedelisches Blau getauchtem, kleinformatigen "L’Esclave de Michel-Ange" von 1962 und von Markus Lüpertz‘ (*1941) partiell farbigen, klobigem "Apoll" von 1989, dessen Attribut - die Leier -, selbst deformiert, marginalisiert, wie weggeworfen, vielleicht gerade noch dazu gestellt ist.

     

In diesem Spannungsfeld der Rezeption zwischen Anpassung und Wagnis, verklärender Tradierung und radikalem Traditionsbruch bewegt sich die ganze Ausstellung. Antagonistisches Denken freilich ist auch Michelangelo eigen. Das zeigen seine Personifikationen der Verlebendigung von Tag gegen Nacht, Morgen- gegen Abenddämmerung, aber auch von vita activa in Gestalt der überlegt handelnden Lea gegen vita contemplativa in Gestalt der ins Gebet vertieften Rahel.
     Dass sich allegorische Bezüge unter anderem auch bei Rodin zeigen und beide Dante Alighieris (1265-1321) "Göttliche Komödie" (1321) lieben und hierauf dezidiert Bezug nehmen – Michelangelo unter anderem im Sturz der Verdammten, Rodin im Höllentor, erst posthum in Bronze gegossen – sind weitere Aspekte, denen in der Ausstellung leider nicht nachgegangen wird. Doch immerhin ist gleich zu Beginn des Rundgangs Rodins "Der Mann mit der gebrochenen Nase", 1863/64, zu sehen; sein angeblich erstes Werk, in dem er zum einen mit dem Ideal der Makellosigkeit bricht und zum andern just damit Michelangelo nicht länger verklärt.

     Besonders deutlich wird dieser Bruch in der Rezeption, indem die Kuratoren bewusst Rodins Kopf dem idealisierten Portrait Michelangelos, ca. 1640, von Daniele de Volterra (1509-66) entgegensetzen und so die Schau gekonnt eröffnen.

 

Pietà-Rezeption Das Konstruktionsprinzip, den Raum (als Spannungsfeld der Rezeption) in vertikal und horizontal zu- und gegeneinander laufende Polaritätsfelder zu gliedern, ist auch in anderen Räumen grundgelegt.

     Besonders krass wirkt der Blick aus dem Andachtsraum mit einer Nachbildung der Pietà Rondanini (1552), Michelangelos letztem Werk, hin auf die dargebotene linke Seite von Alfred Hrdlickas (1928-2009) "Gladiator II" (1971), einer Skulptur aus griechischem Marmor, Verkörperung eines expressiv-robust-männlichen Willens zur Gewalt/zur Macht/zum Sieg.

     Der Antagonismus zwischen diesen beiden Werken ist so extrem, dass er lange nachwirkt – und einen Bezug zu Nietzsches Sentenz „Dionysos gegen den Gekreuzigten“ evoziert, die das Ende seines Buchs "Ecce homo. Wie man wird, was man ist" (1888/89) beschließt. Dieser Titel wiederum umspielt das Rezeptionsmotto der Ausstellung mit. So verweisen viele der aufgezeigten Rezeptionslinien noch weiter und weiter, über sich selbst hinaus.

 

Annibale Carracci Pietà
, ca. 1604, Öl auf Leinwand
, Neapel, Soprintendenza Speciale per il P. S. A. E. e Museo e Gallerie Nazionali di Capodimonte © Photo Scala, Florenz – courtesy of the Ministero Beni e Att. Cultura

 

 

Valie Export Strickmadonna, 1976, Fotografie. Oberösterreichisches Landesmuseum, Landesgalerie Linz © VG Bild-Kunst Bonn 2014

 

Der spielerische Umgang mit der Pietà-Thematik wird zudem durch die Referenz auf die erste, 1500 in einer Kapelle im St. Peter aufgestellte Pietà-Skulptur von Michelangelo deutlich. Valie Export (*1940) verlieh ihr einen neuen, recht profanen Bezugsrahmen, indem sie vor das fotografierte Original im Abstand von zirka fünf Zentimetern ihr Foto "Die Strickmadonna" (1976) nagelte. Dieser Arbeit gegenüber wiederum ist in einem eigenen kleinen Raum Sam Taylor-Johnsons (*1967) Videoinstallation "Pietà" (2001) zu sehen, die das Figurenensemble nachstellt und es mit ihr in der Rolle als Maria zwei Minuten lang in actu, im Prozess des Haltens/des – nicht nur physischen, sondern auch emotionalen und spirituellen – Stützens (des Körpers von Jesus durch Maria) zeigt und aus-, präsent hält.

 

Alfred Hrdlicka Gladiator II (Männliche Figur), 1971, Marmor, Sammlung Würth © Sammlung Würth

 

Non finito Ein weiterer Aspekt, der den beiden Kuratoren wohl wichtig ist und die ganze Ausstellung begleitend durchzieht, ist das Prinzip des non finito, des Unvollendeten. In der Tat sind Michelangelos Werke häufig nicht zu Ende geführt. Doch dies war, was die Ausstellung verschweigt, wohl nur zum Teil Absicht. Dass er Skulpturen nicht zu Ende arbeitete, geschah – wie in Vasaris Das Leben des Michelangelo (Erstdruck 1550) en détail nachzulesen – häufig aus zeitlichen oder finanziellen Gründen oder aufgrund physischer Erschöpfung, oft auch aus Kriegsgründen. (Im Raum der Kämpfer findet sich unter anderem eine Skulptur Giovanni da Bolognas (1529-1608), "Florenz triumphiert über Pisa", 1565, die auf den endgültigen Sieg der Schönen von 1509 anzuspielen scheint.) Gleichwohl war Michelangelo - der übrigens auch ein Dichter war, dessen Verse von einigen der Welt berühmtesten Komponisten vertont wurden - ein Kind seiner Zeit und so neoplatonisch beeinflusst.

 

Ein Gedicht, datiert auf ca. 1536, beginnt er mit den Versen:


„Es kann der beste Künstler nicht erdenken,
Was nicht der Marmor schon in sich enthielt,
Und der allein erreicht, worauf er zielt,
Dem Geist und Sinne seine Hände lenken.“

 

Da aber zwar der Geist willig, doch der Stoff recht widerständig sein kann, sind der Verwirklichung der Idee (Platon), der Formung des Stoffs (Aristoteles), Grenzen gesetzt. Ein besonders eindrückliches Exemplar der Unvollendetheit einer Skulptur par excellence ist Fritz Wotrubas (1907-75) "Stehende Figur" (1975). In ihr sind lediglich – erst – die Körperhaltung, insbesondere die Beinstellung „vermittelst des Wegnehmens“ (Michelangelo, Brief an B. Varchi, 1547) durch Meißelschläge freigelegt. Eine weiter gehende Befreiung liegt allein im Auge des Betrachters.

 

Federico Zuccari Michelangelo als Moses
, 1580er Jahre, Öl auf Leder, © Macerata, Musei Civici Palazzo Buonaccorsi
 Foto: Fabrizio Centioni, Macerata

 

Die einzelnen thematischen Perspektiven, die die Ausstellung mit cirka 200 Exponaten aus fünf Jahrhunderten andeutet, werden und können weder in Breite noch Tiefe entfaltet und erörtert. Was gezeigt wird, ist eine erste Annäherung an das Göttliche in den Werken des Göttlichen, gespiegelt allein in den Exponaten der Zeitgenossen und der Künstler, die nach Michelangelo kamen (und noch kommen). Es wird auch nicht thematisiert, inwiefern Michelangelo von anderen beeinflusst ist, auf Früheres und Zeitgenössisches Bezug nimmt. So wird die Frage danach, ob und inwiefern er die Forderung an die Kunst seiner Zeit erfüllte, ein „Kenner des Altertums“ (Pomponius Gauricus, De Sculptura, 1504) zu sein, erst gar nicht gestellt. 

     Die Ausstellung ist offen, sie ist essentiell und bewusst non finito. Gerade indem die einzelnen Kunstwerke in möglichem Zu- und Gegeneinanderspiel inszeniert werden, ist die Ausstellung Ästhetik pur. Sie ist offen konzipiert, herausfordernd und extrem anregend.

 

Die Ausstellung „Der Göttliche – Hommage an Michelangelo“ ist bis zum 25. Mai 2015 zu sehen.
Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland
Museumsmeile Bonn
Friedrich-Ebert-Allee 4
53113 Bonn

Tel.  0228 / 9171–200
Öffnungszeiten
DI + MI 10 – 21 Uhr
DO – SO 10 – 19 Uhr

 


* (Ulrich Pfisterer, Die Kunstliteratur der italienischen Renaissance, 2002, 95)

 

 

 

 

 

 

 

 


 

  

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