rheinische ART
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rheinische ART 05/2014

Archiv 2014

EIN RHEINISCHES INTERMEZZO. OTTO DIX IN DÜSSELDORF

Vier wilde Jahre

 

An der Kriegs-Kunst des Malers Otto Dix kommt derzeit niemand vorbei: In Erinnerung an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren werden seine Radierungen bundesweit ausgestellt. Warum gerade Dix? Kein anderer Künstler des 20. Jahrhunderts hat seine Fronterfahrungen derartig intensiv, düster, bedrückend und beeindruckend in Bildern verarbeitet wie er.

 

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August Sander portraitierte Otto Dix 1925/26. Eintragung in sein Feldnotizbuch 1916 an der Somme-Front: „Auch den Krieg muss man als ein Naturereignis betrachten.“ Foto: Remmert und Barth, Düsseldorf

 

Otto Dix´ Arbeiten zählen neben denjenigen Jacques Callots, Goyas und Picassos zu den bedeutendsten Darstellungen des Krieges überhaupt. Ein großes Werk, der Radierzyklus Der Krieg, geschaffen in Düsseldorf, ist derzeit mit einer Bildauswahl in der Hamburger Kunsthalle zu sehen. Erstmals seit Langem werden dort ferner die in Originalgröße ausgeführten Vorarbeiten für sein gleichnamiges monumentales Kriegs-Triptychon von 1932 ausgestellt. Ab April zeigen die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden die vier Tafeln in einer umfassende Dix-Schau

 

Otto Dix (1891−1969) meldete sich 1914 freiwillig zum Militär. Dix war bis zum Kriegsende aktiv auf Schlachtfeldern an der West- und Ostfront eingesetzt und fertigte in den Schützengräben unmittelbar an der Kampflinie Hunderte, oft gespenstische Zeichnungen und Gouachen im realistisch-expressiven Stil. Diese Front-Skizzen ließ er in Dresden deponieren und nutzte sie ab 1920 bei der Aufarbeitung seiner Eindrücke in ersten Kriegsbildern.
     Dix war zu diesem Zeitpunkt ein mittel- und namenloser Maler. 1920 markiert in etwa auch den Beginn jener Schaffensphase, die durch seine enge Verbindung mit oder durch seine Residenz in Düsseldorf geprägt war. Erste Arbeiten sandte er 1920 zwecks Verkauf an die Düsseldorfer Kunsthändlerin Johanna Ey (mehr). Im Oktober des Folgejahres kam es zum ersten Besuch von Dix bei „Mutter Ey“ in deren Neuer Galerie am Hindenburgwall.

 

 

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Otto Dix , Bildnis Dr. Hans Koch, 1921
Collage und Öl auf Leinwand, 100,5 x 90 cm, Köln, Museum Ludwig ML 76/02739
Sammlung Haubrich

 

Der Mediziner und sein Maler Es war eine Reise ins Rheinland, die ungeahnte Folgen haben sollte. Dix erhielt einen Portraitauftrag - den ersten in seiner Karriere - von dem vermögenden und namhaften Düsseldorfer Kunstsammler, Mäzen und Arzt Hans Koch. Koch war ein Mann mit eigener Galerie für moderne Malerei und besten Kontakten in die rheinische Kunstszene. Im Zuge der Portrait-Arbeiten verliebten sich Dix und Koch´s Ehefrau Martha. Das 1921 von Dix vollendete Bildnis war für den Auftraggeber wenig schmeichelhaft. Es zeigt den Urologen mit offenem Kittel, aufgekrempelten Ärmeln, Spritze und Katheder in den Händen, unrasiert, mit vernarbten Schmissen im aufgedunsenen Gesicht, irritiert durch den Kneifer blickend, umgeben von kühl-metallisch wirkender Praxistechnik. Ein Bild wie aus dem Gruselkabinett. Ob Koch das gut fand ist nicht belegt. Vermutlich aber nicht, denn zwei Jahre später, nachdem ihn seine Gattin für den Maler verlassen hatte, ließ er sich scheiden und veräußerte das vom Nebenbuhler gefertigte, ihn eher hässlich und entstellend zeigende Gemälde über seinen Freund, den Galeristen Karl Nierendorf. Für 420 Goldmark ging es an den Kölner Rechtsanwalt und Kunstfreund Joseph Haubrich. Für Haubrich war es das erste Gemälde seiner später großartigen Moderne-Sammlung (mehr).

 

Düsseldorfer Jahre Der Handel über die Ey´sche Galerie entwickelte sich günstig. Dix wurde ständiger Geschäftspartner, Mitglied in der Künstlervereinigung Junges Rheinland, er siedelte schließlich im Herbst 1922 nach Düsseldorf über und lebte und arbeitete bis 1925 in der Stadt. Diese wenigen, durchaus aber wilden Düsseldorfer Jahre sind ein Meilenstein in der beruflichen und persönlichen Entwicklung des Künstlers, wie die Galerie Remmert und Barth im Katalog zu ihrer Dix-Ausstellung 2011 betonte.
     1923 heirateten der 32-jährige Otto Dix und Martha Koch; „Jim“ und „Mutzli“, so ihre Kosenamen, blieben ihr Leben lang zusammen. Der Arzt Hans Koch tröstete sich, indem er seine jahrelange Geliebte Maria, die ältere Schwester seiner Ex-Frau, ehelichte. Mit der war bis dato übrigens sein Freund, der Galerist Nierendorf, verbandelt.

 

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Otto Dix, Sturmtruppe geht unter Gas vor, 1924 , (aus der Folge: „Der Krieg“, Radierwerk VI, Blatt 12, Mappe 2.II)
Radierung, Aquatinta und Kaltnadel , Hamburger Kunsthalle / bpk,
VG Bild-Kunst, Bonn 2014 , Foto Christoph Irrgang

 

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Otto Dix, Trichterfeld bei Dontrien von Leuchtkugeln erhellt, 1924 , (aus der Folge: „Der Krieg“, Radierwerk VI, Blatt 4, Mappe 1.IV), Radierung und Aquatinta auf Zinkplatte , Hamburger Kunsthalle / bpk, , VG Bild-Kunst, Bonn 2014, Foto Christoph Irrgang

 

 

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Otto DixRuhende Kompagnie, 1924,  
(aus der Folge: „Der Krieg“, Radierwerk VI, Blatt 14, Mappe 2.IV) , Radierung und Aquatinta auf Zinkplatte , Hamburger Kunsthalle / bpk, VG Bild-Kunst, Bonn 2014
Foto Christoph Irrgang

     In künstlerischer Hinsicht waren die Jahre am Rhein die entscheidenden für den gebürtigen Thüringer. Der Maler Heinrich Nauen verschaffte ihm ein Atelier in der Kunstakademie und die Radiertechnik studierte er bei Wilhelm Heberholz (1881-1956). 1923 begann er mit dem Radierwerk Der Krieg. Die schließlich 50 Blätter umfassende Grafik-Mappe vollendete er ein Jahr später.

 

Nichts fürs Wohnzimmer Es handelt sich um Ätz- und Aquatinta-Radierungen - realistisch scharfe und grandiose Momentaufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg - die das Höllische dieser Urkatastrophe und das wahre Gesicht der militärischen Konfrontation zeigen. Das Erscheinen der Kollektion 1924 in der Berliner Galerie Nierendorf, die eine Auflage von 70 Exemplaren herausgab und sie gleichzeitig in 15 Städten ausstellte, kam einer Sensation gleich.
     Kompromisslos zeigt Dix den Krieg in all seiner Grausamkeit und Bestialität. Überwiegend wird heute davon ausgegangen, dass Dix bis Mitte der 20er Jahre traumatische Erinnerungen verarbeitete: in Bildern von elenden Kriegskrüppeln, zerfetzten Körpern in Drahtverhauen, Leichen und Leichenteilen auf Bäumen und in Granattrichtern. Wobei eine gewisse gegenseitige künstlerische Anregung durch andere traumatisierte Kriegsveteranen aus dem Kreis um Johanna Ey, wie etwa Otto Pankok und Gert Wollheim, eine Rolle gespielt haben mögen. Diese schockierend realistischen Dix´schen Kriegsdarstellungen von Toten und Verwundeten sind in das kollektive Bildergedächtnis eingegangen.

 

Düsseldorf  Für Otto Dix war es gleichzeitig der Ort, an dem er seine Portraitkunst weiterentwickelte. Trotz seiner sehr eigenwilligen, ja teilweise radikalen, verzerrenden und überspitzten Malweise, wurde Dix zu einem der berühmtesten und gefragtesten Portraitisten Deutschlands.
Bei den NS-Machthabern war der Künstler verfemt. Sein Gemälde Schützengraben von 1923, das wohl bedeutendste Anti-Kriegsbild seiner Zeit, wurde als „gemalte Wehrsabotage“ auf der Münchener Ausstellung „Entartete Kunst“ verunglimpft, zahlreiche Dix-Gemälde aus Museen entfernt, beschlagnahmt und teils zerstört.

 

Köln Auch bei Konservativen und der Kirche, die Heldentum und Vaterlandstreue als Soldatenbild pflegten, gab es heftige Ablehnung. Den Schützengraben etwa kaufte der Leiter des Kölner Wallraf-Richartz-Museum, Hans F. Secker, 1923 an, was einen Skandal auslöste. Bürgermeister Konrad Adenauer (mehr) und die einflussreiche bürgerlich-liberale Kölnische Zeitung betrieben die Entfernung aus dem Museum und schließlich die Rückgabe an den Galeristen Nierendorf. Der Berliner „Kunstpapst“ Julius Meier-Graefe ätzte anlässlich der Bildpräsentation: „..dieser Dix ist - verzeihen Sie das Wort - zum Kotzen.“ Und Museumsleiter Secker war für den Berliner Kritiker lediglich ein „unreifer Galerie-Direktor“ aus der Provinz, der es einfach nicht besser wisse. Das Gemälde ist seit 1940 verschollen.

 

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Otto Dix, Der Krieg, Kartons zu dem Triptychon in Dresden, 1930
Kohle, weiße und Farbige Kreide, Deckweiß, , Bleistift auf grauem Karton , Hamburger Kunsthalle / bpk, , VG Bild-Kunst, Bonn 2014, Foto Elke Walford

 

 Das monumentale Triptychon Der Krieg entstand in einer späteren Phase (1929-1932) in Dresden, wo Dix eine Professur an der dortigen Kunstakademie inne hatte. Es gab mehrere Entwürfe in Originalgröße auf Karton. Das Triptychon selbst entstand als Ölbild auf Holztafeln. Die vier Tafeln, in altmeisterlicher Manier ausgeführt, gehören zu den überragenden Arbeiten deutscher realistischer Malerei im 20. Jahrhundert.
cpw

 

Literaturhinweis DIX IN DÜSSELDORF
Otto Dix und die Düsseldorfer Künstlerszene, 1920 bis 1925
Katalog zur Ausstellung vom 6. September bis 2. Dezember 2011, Mit einem Text von Peter Barth aus dem Jahre 1983, überarbeitet 2011,
224 Seiten, 80 Werk- und 60 dokumentarische Abbildungen, Düsseldorf 2011


Die Hamburger Ausstellung „Otto Dix. Der Krieg“ wird bis zum 27. April 2014 gezeigt.
Hamburger Kunsthalle
Saal der Meisterzeichnungen
Glockengießerwall 1
20095 Hamburg
Tel. 040 / 428 131 200
Öffnungszeiten
DI- SO 10-18 Uhr
DO 10-21 Uhr, vor Feiertagen 10-18 Uhr


Die Dresdner Ausstellung „Otto Dix. Der Krieg – Das Dresdner Triptychon“ wird vom 5. April bis zum 13. Juli präsentiert.
Galerie Neue Meister im Albertinum Dresden
Georg-Treu-Platz
01067 Dresden
Tel. 0351 / 49142000
Öffnungszeiten
täglich 10 bis 18 Uhr,
MO geschlossen

 

 

 

 

   

 

 

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