rheinische ART
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rheinische ART 10/2015

Archiv 2015

FOTOGRAFIEN VON WALKER EVANS

Tiefenscharfe Wirklichkeit


In der Ära des großen Fotojournalismus überragte er alle Kollegen. Der amerikanische Fotograf Walker Evans hat mit seiner Arbeit die Gattung der Dokumentarfotografie geprägt wie kein anderer.

 

Walker Evans Roadside Stand near Birmingham/ Alabama (Stand am Straßenrand in der Nähe von Birmingham/ Alabama) 1936, Foto © Walker Evans Archive, The Metropolitan Museum of Art/ Albers Museum 2015

 

Um zu verstehen, welcher Stellenwert Walker Evans (1903-1975) zukommt, sei daran erinnert, dass ihm das New Yorker MoMA (Museum of Modern Art) noch zu Lebzeiten zwei Expositionen ausrichtete.

Die erste 1938, da war er 35 Jahre alt und hatte sich als Chronist der „Großen Depression“ einen Namen gemacht, und noch einmal 1971, vier Jahre vor seinem Tod, als große Rückschau auf sein Lebenswerk. Wann hat es das in der Fotografie jemals gegeben? Die Evans-Schau von 1938 war für das zeitgenössisch-orientierte MoMA, das neun Jahre zuvor gegründet worden war, überhaupt die erste Fotoausstellung, die es organisierte.

 

Walker Evans Garage in Southern City Outskirts (Garage am südlichen Stadtrand) Atlanta, Georgia, 1936 Foto © Walker Evans The Getty Museum/ Albers Museum 2015


Retrospektive
Jetzt präsentiert das Josef Albers Museum Quadrat Bottrop mit "Tiefenschärfe“ die bis dato umfassendste Retrospektive des Mannes, der sich nie als Fotojournalist sondern stets als Fotokünstler verstand. Zwar war Evans noch 2012 in Köln mit „unbekannten" Bildern zu sehen gewesen und letztjährig gab es einen Blick auf Werke von ihm im Berliner Gropuis-Bau.

     Das Albers Museum zeigt dagegen, erstmals in Europa, alle wichtigen Werkgruppen des Amerikaners komplett oder mit herausragenden Beispielen. Museums-Chef Heinz Liesbrock über die Arbeiten des Künstlers: "Es gibt nach Walker Evans keinen Fotografen von Statur, der nicht davon beeinflusst wurde." Die hochinteressante Schau bedurfte einer vierjährigen Vorbereitung, so Liesbrock. Rund 200 Fotografien in Vintage- und Lifetime-Qualität aus öffentlichen und privaten Sammlungen in den USA und Europa spiegeln Evans´ gesamte künstlerische Laufbahn: von der frühen Straßenfotografie um 1930 über seine Bilder der "Großen Depression" bis zu den späten Farbaufnahmen.

 

Janice Loeb, Walker Evans, Washington D.C., um 1936 © Walker Evans Archive, The Metropolitan Museum of Art New York/ Albers Museum 2015

 

Walker Evans Ellie Mae Burroughs, Alabama Cotton Tenant Farmer Wife (Die Bäuerin Ellie Mae Burroughs, Frau eines Pächters in Alabama), August 1936 . Silbergelatineabzug 20,3 x 25,4 cm. Privatsammlung © Walker Evans Archive, The Metropolitan Museum of Art New York / Albers Museum 2015

 

Walker Evans Sharecropper´s Family (Teilpächter-Familie) Hale County, Alabama, März 1936, Silbergelatineabzug 19,2 x 24,2 cm. © Museum of Modern Art New York, SC2015.1.35/ Albers Museum 2015

 

Beobachter Die nüchternen, dokumentarischen Schwarz-Weiß-Bildserien aus den schweren Krisenjahren in den USA und den folgenden Reformzeiten, die Evans zusammen mit über zwanzig weiteren Fotografen - darunter Dorothea Lange, Arthur Rothstein und Russell Lee - für die legendäre Farm Security Administration (FSA) 1935/1936 anfertigte, machten ihn berühmt.

     Es waren sozusagen Arbeiten im Staatsauftrag. Die Bundesbehörde benötigte damals fotografisches Material für ihre New-Deal-Hilfsprojekte, die sie für die von der Depression besonders hart getroffene Landbevölkerung entwickelte. Evans schuf ikonische Arbeiten, die emotionslos, kühl, die Armut und Einfachheit der Landarbeiter dokumentierten. Zu den berühmten Aufnahmen dieser Zeit gehört sein Portrait der Bäuerin Ellie Mae Burroughs 1936. Und es waren diese frühen fotografischen Zeugnisse, die das New Yorker MoMA zwei Jahre später mit einer eigenen Exposition unter dem Titel American Photographs adelte.

     Ausstellung und gleichnamiges Buch - letzteres ein Klassiker der Fotoliteratur - waren eine hoch ästhetische aber gleichwohl auch völlig realistische und nichts beschönigende Beschreibung der US-Gesellschaft in den Dreißigerjahren. Evans war ein rationaler, distanzierter Beobachter der Szenerie und wollte es auch bleiben. Mit dem Zusatz „No politics whatever“ ließ er sich diese Rolle auch schriftlich in den FSA-Kontrakt eintragen. Seine Fotografien jener Periode beeinflussten langfristig ganze Generationen von Fotografen, Schriftstellern und Filmregisseuren.

 

Walker Evans Parked Car, Small Town Main Street, 1932. Foto © The Museum of Modern Art, New York. Lily Auchincloss Fund / Albers Museum 2015

 

Die Schau im Albers Museum macht deutlich, das Evans mehr war als der Fotograf der armen ländlichen Wanderarbeiter und Baumwollfarmer in den Südstaaten, der trostlosen Antlitze und des ökonomischen Niedergangs der Dreißigerjahre, obwohl gerade diese Motive ihm ja den Ruhm einbrachten. Museumsdirektor Heinz Liesbrock und der amerikanische Mitkurator John T. Hill, ausgewiesener Kenner des Evansschen Werkes und ehemals vom Fotokünstler als Nachlassverwalter bestellt, arbeiten dies anhand selten gezeigter Bildserien heraus.

 

Walker Evans  Louisiana Plantation House ("Belle Helene"), 1935. Beispiel für ein typisches neoklassizistisches Südstaaten-Herrenhaus im Stil der Antebellum Architecture, der Zeit vor dem Bürgerkrieg. Silbergelatineabzug 20,3 x 25,4 cm. © Sammlung Marcia Due und Jerry L. Thompson/ Albers Museum 2015 

 

Walker Evans Coal Dock Worker (Kohlendock-Arbeiter), Havanna 1933, Silbergelatineabzug 16,5 x 11,7 cm. © Sammlung Marian und Benjamin A. Hill/ Albers Museum 2015

 

Getränkeschild aus der Evans´Sammlung von Schildern 1966-1975; © Walker Evans Archive, The Metropolitan Museum of Art New York/ Albers Museum 2015 Foto ©rART 2015

 

Walker Evans Subway Portrait New York, 1938-1941 (U-Bahn-Portrait) © Walker Evans Archive, The Metropolitan Museum of Art New York/ Albers Museum 2015

 

 

Blick in die Ausstellung: Walker Evans Beauties of the common Tool, Fortune, Juli 1955. "Unter den preiswerten, fabrikmäßig hergestellten Waren wirkt keine so anziehend auf die Sinne wie das gewöhnliche Handwerkszeug." Katalog S. 316. Werkzeuge im Uhrzeigersinn: Blechschere, Rollgabelschlüssel, Verschlagöffner, Zange. Foto ©rART 2015

 

Unbekannte Werke Hierzu zählen etwa die Fotografien viktorianischer Architektur (Victorian Architecture, 1933), die durch ihre Klarheit und den fast puristischen Stil bestechen. Ferner jene über die Antebellum Architecture, die großen und eleganten Plantagenhäuser der Südstaaten, die er 1935/36 fertigte. Oder die auch politisch interessanten Cuba –Reportagebilder von 1932/33, die in einem Fotoband neuaufgelegt fast 80 Jahre später als „lyrische Beobachtungen von Havannas Straßen und Menschen“ (New York Times Book Review 2011) gefeiert wurden. Die kubanische Bildserie wird als eigentlicher "...Beginn von Evans´Laufbahn als ernst zu nehmendem Künstler" (Katalogtext) gewertet.

     Auch mit Florida´s Gulf Coast von 1941 bewies Evans seinen besonderen Blick für die Dinge am Rande. Wochenlang portraitierte er Amerikas Freizeit-Region Nummer Eins, mit überraschenden Ergebnissen. Natürlich lieferte er, wie konnte es anders sein, keine stereotypen Postkartenmotive mit Sonne, Sand und Meer. Der sensible Evans bannte die Gegensätze auf seine Filme: verfallene Häuser, Campingwagen, drängende Straßenszenen, saturierte Rentner, Zirkustiere im Winterquartier im Küstenstädtchen Sarasota, das blinde Paar in Tampa City Square Hall. Ein ganz anderes Florida!
      Sein Faible für die populären Objekte seiner Gegenwart belegt ferner Evans Foto-Sammlung alltäglicher Schilder und anderer Ephemera, die er - als Erweiterung seines Blicks mit der Kamera – zusammentrug und damit auch die Sujets der Pop Art (mehr) vorwegnahm.


Subway Portraits
Zu den Glanzlichtern seines Schaffens gehören letztlich auch seine einzigartigen Schnappschüsse aus den New Yorker U-Bahnen. Zwischen 1938 und 1941 nahm Walker Evans mit versteckter Kamera eine „fotografische Untersuchung“ der U-Bahn-Fahrgäste vor. Die Bilder erschienen unter dem Titel Many are called (Viele sind berufen). Evans portraitierte heimlich, quasi durchs Knopfloch, was im Übrigen als umstrittenes Verfahren angeprangert wurde, Menschen in den Zügen - in Gedanken verloren, träumend, sinnend oder mit leerem Blick starrend. Er selbst sah diese Art von Fotografie als eine Rebellion gegen die traditionelle Studiotechnik. Es sind zeitlose Bilder, lediglich durch die Kleidermode temporär einordnungsbar. Aber als Dokumente großstädtischen Lebens in einer Weltmetropole bahnbrechend und der Zeit voraus.

 

Literatur Die Kuratoren lenken den Blick noch auf einen anderen Aspekt: den außerordentlichen Einfluss der Literatur auf Evans Arbeit. Insbesondere waren es die französischen Schriftsteller Gustav Flaubert und Charles Baudelaire. Nicht umsonst, so das Albers Museum, sei sein vielleicht bekanntestes Projekt, das Buch American Photographs von 1938 ein Beleg dafür, dass Fotografie in Evans´ Worten „…die literarischste aller grafischen Künste…“ sei.

 


Walker Evans Houses and Billboards (Häuser mit Plakatwänden) Atlanta, 1936. © Walker Evans Archive, The Metropolitan Museum of Art New York/ Albers Museum 2015

 

Vorbild Im Jahr 1903 in St. Louis geboren, studierte Evans ab 1923 Literatur an der Pariser Sorbonne. Er interessierte sich grundsätzlich für die europäische Fotografie, daher sind Impulse der beiden großen Fotografen Eugène Atget und August Sander (mehr) prägend für sein künstlerisches Werk und der „transatlantische“ und distanzierte Blick auf die US-amerikanische Kultur ein Markenzeichen seines Œuvres. Zurück in den Staaten erkannte Evans, dass die Motive, nach denen er suchte, im Alltäglichen zu finden waren, auf den Straßen und in den kleinbürgerlichen Wohnungen. Er blickte auf seine Heimat Amerika mit den Augen eines Fremden und entdeckte im scheinbar Vertrauten einen neuen Zauber. Was ihn faszinierte, waren die Zeichen und Symbole der kommerziellen Welt, eine gesichtslose, anonyme Architektur, die vernachlässigten Ränder der industriellen Landschaft und die Nöte der Menschen in der Wirtschaftskrise. Evans entwickelt sich in den 1930er Jahren zu einem der weltweit bedeutendsten Fotografen, seine Arbeiten wurden für viele Künstler zu einem Orientierungspunkt.

Claus P. Woitschützke


Die Ausstellung wurde vom Josef Albers Museum und dem High Museum of Art, Atlanta, gemeinsam erarbeitet. Es ist die erste umfassende Retrospektive, die in Europa startet. Sie wird danach im High Museum of Art, Atlanta (Juni bis September 2016) und der Vancouver Art Gallery (29. Oktober 2016 bis 22. Januar 2017) gezeigt.


Die Leihgaben stammen aus dem Museum of Modern Art (MoMA) New York, dem Metropolitan Museum of Art New York und dem J. Paul Getty Museum sowie bedeutenden Privatsammlungen.

 

Die Ausstellung wird gefördert durch die Terra Foundation for American Art Chicago/Paris (mehr), The Josef and Anni Albers Foundation und die Kulturstiftung des Bundes.


Die Ausstellung „Walker Evans. Tiefenschärfe. Die Retrospektive“ kann bis zum 10. Januar 2016 besucht werden.
Josef Albers Museum Quadrat Bottrop

Im Stadtgarten 20

46236 Bottrop

Tel. 020041 29716

Öffnungszeiten:

DI-SA 11-17 Uhr

SO und Feiertage 10-17 Uhr


Literatur-/ Kataloghinweis

Hrsg. John T. Hill, Heinz Liesbrock
Walker Evans: Tiefenschärfe
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag,

408 Seiten, 25,5x27, 50 farbige Abbildungen, 350 s/w Abbildungen,

ISBN: 978-3-7913-8222-7, € 69,00

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

  

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