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rheinische ART 10/2015

Archiv 2015

AKTIONSKUNST IN AACHEN

„Verdamp lang her!“ *

 

Das Fluxus-Festival in der Technischen Hochschule Aachen im Jahre 1964 wirkte wie ein Startschuss, in dessen Nachfolge Aachen zu einem lebhaften Zentrum für Aktionskunst in Deutschland avancierte.

 

Der Bildhauer und Konzeptkünstler Franz Erhard Walther (* 1939) während des Festivals der Neuen Kunst am 20. Juli 1964 im Audimax der TH Aachen, Foto: Peter Thomann © Ludwig Forum Aachen 2015

 

Was sich in der Hochschulstadt in jenen wilden Jahren abspielte, dokumentiert derzeit eine Ausstellung mit dem Titel „ACTION!“ – Aktionskunst in Aachen seit 1964 (mehr).

     Es waren die ebenso berühmten wie berüchtigten Aufruhr-Jahre in Gesellschaft und Politik, initiiert von einer nach Mitbestimmung und neuen Wegen suchenden deutschen Studentenschaft. Hier kochte die Luft – nicht nur in den progressiven Kunstzentren Düsseldorf und Köln. Respektlose Kunst-Avantgardisten und mutige Galeristen hatte die aus Amerika herübergeschwappte Fluxus-Bewegung für sich entdeckt und probten die Rebellion gegen alles Herkömmliche, Traditionelle, Altbackene, gegen das Wirtschaftswunder an sich und den Muff von „Tausend Jahren" unter den Talaren, wie es 1967 in der Hamburger Universität plakatiert wurde .

 

Der US-amerikanische Maler, Fotograf und Land-Art-Künstler Alan Sonfist (*1946) während der Aktion Autobiography (Dialog mit Tieren) im Aachener Tierpark 1977, Foto: Wolfgang Becker © Ludwig Forum Aachen 2015

 

Fluxus in Köln Seinen Start hatte diese neue antiautoritäre Kunstbewegung in Köln bereits 1961. Und irgendwie waren alle, die Jahrzehnte später „very comfortable“ im Kunstbetrieb verankert waren, als junge Rebellen bei den damals als Happening gefeierten Aktionen dabei.

     Es war, als stiegen die Dadaisten der Zwanzigerjahre (mehr) als neuer Geist aus der Kulturflasche: Aktionskunst hieß das Zauberwort. Da wurden Ausstellungen mit Lesungen verbunden, Konzerte mit Ausstellungen, teils irre zelebriert und bar jeglicher Gefälligkeit. Alles durfte sein, gegen alles durfte man auch sein – ein gewaltiges Kontrastprogramm kultureller Neuigkeiten.

 

Akteure Nam June Paik, der gerade Dreißigjährige spätere Medien- und Videokünstler (mehr), brillierte in einem von Karlheinz Stockhausen veranstalteten elektronischen Musiktheater am Klavier - mit Schnuller im Mund - und streute Reis in das staunenden Kölner Publikum. Wolf Vostell (mehr), gut doppelt so alt, inszenierte mit Cityrama das erste Happening in Deutschland überhaupt. Die Düsseldorfer Zero-Leute (mehr) mit Heinz Mack, Günther Uecker und Otto Piene wollten - da sie ja eh bei „Null“ anfingen - etwas völlig Neues, Revolutionäres. Wie Piene mit seinem „archaischen Lichtballett in Farbe nach Jazz und Morse-Ton“. Und für die mehr erotische Seite trug zum Beispiel die US-Künstlerin Dorothy Iannone (*1939), ihr Hauptthema war schließlich die sexuelle Befreiung, so allerlei bunte Bilder bei (mehr).

 

Plakat zum FESTUM FLUXORUM FLUXUS, Staatliche Kunstakademie Düsseldorf, 2. und 3. Februar 1963 Fotoquelle: Wikipedia

 

Beuys Letztlich war es Joseph Beuys, der im Herbst 1961 in Düsseldorf zum Professor ernannt worden war und mit kontrovers diskutierten Aktionen und Installationen auf sich aufmerksam machte. Im Februar 1963 etwa in der Aula der Düsseldorfer Akademie mit zwei Fluxus-Abenden unter dem Titel „Festum Fluxorum Fluxus“. Das dabei aufgeführte Musikstück „566 for Henry Flynt“ des US-Minimalmusikers La Monte Young, bei dem Fluxus-Aktivist Daniel Spoerri auf einem Stuhl sitzend die Kaffeemühle drehte, war im Gegensatz zu dem „Zinkbütten-Pissoir“ von Paik eher harmlos.

     Ein Jahr später, im Juli 1964, hatte Beuys bei einer Fluxus-Schau in der TH-Aachen dann eines seiner Schlüsselerlebnisse. Aufgebrachte Studenten verpassten ihm beim „Festival der Neuen Kunst“ eine blutige Nase. Die Attacke und das Blut brachte der malträtierte Künstler gleich wirkungsvoll mit Kruzifix in die Performance ein. Es war einer jener Aktionsbausteine, die Joseph Beuys zur deutschen Leucht- und Lichtgestalt in der weltweiten Aktionskunst-Szenerie werden ließen.

 

Kurz und gut: die Fluxus-Aktionen stellten eine Kunst dar, die nicht für die Ewigkeit geschaffen war. Die Protagonisten schufen mit ihren Performances und Happenings Kunstformen, die keine materiellen Werke hervorbrachten, sondern nur für den Augenblick ihrer Aufführung existierten.
      Neben Köln und Düsseldorf war Aachen die dritte rheinische Stadt in den Sechzigerjahren, in der die Kunstrichtung Fluxus mit zahlreichen Aktionen von sich Reden machte. Der Fluxus-Eklat im Aachener TH-Audimax, brennende Ritterburgen im Alten Kurhaus: Anhand seltener Originaldokumente rekonstruiert das Forschungsprojekt "Plattform Aachen" in seiner aktuellen Ausstellung ausgewählte Beispiele von Aktionen jener Jahre, die in der alten Kaiserstadt stattgefunden hatten.
 

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Zeitungsartikel, Fotos und vermeintlich unscheinbare Drucksachen die einzige Spur darstellen, die an die provokativen Kunstereignisse erinnern. Doch wieviel „Erzählung“ steckt in der damaligen Berichterstattung, und wie sehr prägt sie unsere heutige Sicht auf das Geschehen? Warum sind einige Aktionen heute fast vergessen, während andere zu kunsthistorischen Mythen wurden? Diesen Fragen geht Kurator Benjamin Dodenhoff mit der Schau nach.

K2M

 

* "Verdamp lang her" (Verdammt lange her) ist ein Musiktitel aus dem Jahre 1981 der im Dialekt singenden Kölner Rockband BAP mit Frontmann Wolfgang Niedecken.

 

Die Ausstellung „ACTION! Plattform Aachen - Aktionskunst seit 1964“ ist bis zum 31.03.2016 zu sehen.

Ludwig Forum

Jülicher Straße 97–109

52070 Aachen

Tel. 0241 1807-104

Öffnungszeiten DI, MI, FR 12-18 Uhr

DO 12-20 Uhr

SA,SO 11-18 Uhr

 

 

 

 


 

 

 

 

 

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