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rheinische ART 07/2021

Archiv 2021

CHARLES WILP
Der ARTronaut der Bonner Republik


Es gibt je nach Kulturkreis Weltraumfahrer mit den Bezeichnungen Astronauten, Kosmonauten und Taikonauten. Aber es gab nur einen ARTronauten.

 

Charles Wilp: „Kunst ist Werbung und Werbung ist Kunst“. Im Jahr 2004 wurde der Fotograf und Werbefachmann in die Hall of Fame der deutschen Werbebranche aufgenommen. Werbefoto N.N. Bosco tonic, 1969. Fotoquelle © Ingrid Freifrau von Droste zu Hülshoff Wilp

 

Charles Wilp (1932-2005) hieß dieser Weltraumbegeisterte. Ein Tausendsassa, Paradiesvogel, Künstler, Filmregisseur, Texter und exzentrischer Starfotograf in der Welt der Kunst und Werbung.

 

  

Grenzgänger zwischen Kunst und Kommerz. Charles Wilp mit Models I (Aktion „Wilp Kanzler“) um 1970. Foto © bpk / Charles Wilp. Foto in der Ausstellung "Kunst im Rausch der Werbung".

 

Eine Revolution in der Werbung der 1960er Jahre – „Sinnliche Unschärfe“: lasziv blickende Nonnen mit Afri-Cola. Die pikante Werbeserie lief unter dem Slogan „Sexy-mini-super-flower-pop-op-cola alles ist in Afri-Cola“. Foto © Charles Wilp

 

Seine Vita, womöglich ein wenig aufgehübscht, lässt schon früh Affinitäten zu Raketen, Raumfahrt und Unendlichkeit erkennen.

     Zu Wilps Hinterlassenschaften gehören nicht nur bildgewaltige Fotoarbeiten, sondern ferner Werbekonzepte, Filme, Publikationen und für die Ewigkeit gedachte Werbeslogans für Unternehmen oder Produkte wie Volkswagen, Pirelli, Afri-Cola, Stiebel Eltron, diverse Bierbrauer und sonst wen.


Nun sind gleich zwei Ausstellungen dem markanten Rheinländer gewidmet. Im Hildener Gewerbepark-Süd ist es sein Fotoschüler Ansgar Maria van Treeck, acht Jahre in Diensten des Meisters, der mit „Kunst im Rausch der Werbung“ an seinen Mentor erinnert.

     Korrespondierend dazu zeigt das nahe gelegene Wilhelm-Fabry-Museum „Into Space“ und greift damit Wilps Faible für Weltall und Schwerelosigkeit auf, letztere soll für ihn nach eigenem Bekunden „die Triebkraft der Kreativität“ gewesen sein.

 

Vermutlich sagt heute nicht jedem Kunstfan U30 der Name Charles Wilp etwas. Dies ist bedauerlich. Zumal sein Weggefährte und Zeitgenosse Joseph Beuys, mit dem er so manche progressive Idee und Aktion realisierte oder doch wenigsten ablichtete, es einnehmend vermochte, bis in die Gegenwart in aller Kunstmunde zu bleiben (mehr). Wenn auch „im derzeitigen Klima einer moralisierenden Geschichtsrezeption“, wie die Neue Zürcher Zeitung mit Blick auf die Schauen zu Beuys' 100. Geburtstag befand.


In den 1950er und 1960er Jahren gehörte der aus Witten stammende und in Düsseldorf residierende Charles Paul Wilp zur Crème der deutschen Kreativszene. Bekannt, befreundet und teils vertraut mit international agierenden Figuren wie Yves Klein, Man Ray, Andy Warhol, Jean Tinguely, der ZERO-Gruppe und vielen anderen.

     Als erster Künstler ließ Wilp 1986 eigene Werke, die sogenannten „Space Sculptures“, mit ins All reisen. Er selbst gab sich den Namen „ARTronaut“, nahm an mehreren Parabelflügen zwecks Raumflugschulung teil und schaffte hingegen den wirklichen Sprung ins All nicht.

     Immerhin hatte der Werbefachmann und Ausnahmekünstler in den 1980ern im „Geschlossenen Militärstädtchen No.1“, im Deutschen auch „Sternenstädtchen“ genannt und damals sowjetisches Trainingszentrum für Kosmonauten, einen „Raumflugtauglichkeitsschein“ erworben.

 

 

MIR-Tresor mit einem Kunstblatt auf Weltraumpapier; geflogen an Bord der Raumstation MIR, an Bord gestempelt und signiert von dem deutschen Astronauten Ulf Merbold und russischen Raumfahrern. Foto © Ansgar Maria van Treeck

 

Die Schau „Into Space“ präsentiert den ungewöhnlichen naturwissenschaftlichen Ansatz in Wilps Œuvre: den Weltraum und dessen Eroberung durch den Menschen.

     Wilp war es auch, der für Kunst erstmals Materialien aus der Weltraumtechnik nutzte und als „Space-Art“ auf den Markt brachte. Beispielsweise hinter Glas Teile von Sonnensegeln für die Energieversorgung der sowjetischen MIR-Raumkapseln, oder Collagen aus goldbedampfter Satellitenfolie.

     Die Raumfahrt stand stets im Zentrum seines Denkens. 1961 ernannte ihn Yves Klein zum „Prince of Space“ und überließ ihm kurz vor seinem Tod symbolisch 777777 Kubikmeter endlosen sensibilisierten Raum.

 

N.N. Bundesverteidigungsminister Helmut Schmidt und Charles Wilp, Bonn 1976. Foto © Courtesy: Ingrid Freifrau von Droste zu Hülshof Wilp.

 

Mit dem Franzosen und Nouveau Réalisme-Mitbegründer Klein hatte Wilp bereits zwei Jahre zuvor die Langspielplatte „Tanz der Leere“ produziert. Auf ihr ist lediglich das Kratzen der Saphir-Nadel beim Abspielen zu hören; es gab mehr als 20.000 Käufer.
     Das sinnliche Schweben und die Schwerelosigkeit suchte er auch in der Werbung optisch erfahrbar zu machen. Inspirationen für seine berühmte Afri-Cola-Kampagne, bei der sich junge Frauen in Nonnentrachten hinter beschlagenen Glasscheiben am deutschen Erfrischungsgetränk laben, sollen nach eigenen Aussagen aus dem US-Raumfahrtzentrum Huntsville (Alabama) stammen. „Sinnliche Unschärfe“ nannte er das!

 

Volkswagen-Werbung: Wilp kreierte für die Agentur DDB den VW-Käfer als „Ei des Kolumbus“. Die Motive für den VW-Konzern machten ihn zu einem der gefragtesten Fotografen in der deutschen Werbebranche. Foto © Charles Wilp

  

Charles Wilp war nicht nur ein künstlerisches Original, sondern auch ein überaus vielseitig Begabter, ein Gesamtkunstwerk an sich.

     Die Werbung als Marketinginstrument krempelte er mit frechen, frischen und innovativen Ideen regelrecht um. Der damals Enddreißiger war auf diesem Gebiet Pionier, dessen Kampagnen, so heißt es in den Ausstellungen, ebenso zur (Wirtschafts-)Geschichte geworden sind wie sein omnipräsenter orangefarbener Overall.

     Auch mit diesem Job-Dress, kreiert vom französischen Haute Couture-Haus Courrège, lag der unschlagbare Selbstvermarkter Wilp im Trend. Der Ganzkörperanzug darf als Anleihe an der ab 1970 in Kunstkreisen populär gewordenen indischen Sannyasin-Kluft der spirituellen Bhagwan-Bewegung katalogisierte werden.

     Für Wilp, der nicht zu den Yoga-Jüngern gerechnet wurde, dürfte vor allem der hohe Wiedererkennungswert des Jumpsuit ein Wahlkriterium gewesen sein, schließlich kam er aus der Werbung!

 

Blick in die Ausstellung „Kunst im Rausch der Werbung“. Unter dem Titel „Das Bundeskabinett vorgestellt von Charles Wilp“ sollten die „On Location“ entstandenen Politiker-Portraits in einem Informationsbuch vorgestellt werden. In unkonventionellen Posen (v.l.n.r.): Helmut Schmidt, Walter Scheel, Willy Brandt, Hans-Dietrich Genscher, Käthe Strobel. Foto © rheinische ART 2021


Die Kabinettausstellung „Kunst im Rausch der Werbung“ präsentiert zahlreiche werbetechnische Arbeiten von Wilp. Dennoch ist diese Ein-Raum-Schau weit mehr als die Zelebrierung von Marketingkunststücken eines Fotografen. Sie ist eine faszinierende Begegnung mit den politischen Protagonisten der Bonner Republik der frühen Siebziger.

     Wilp erhielt nach der Wahl Willy Bandts zum Kanzler 1969 den Auftrag, die Kabinettmitglieder und ihren Chef zu portraitieren. Die moderne Sichtweise, in der der Starfotograf unter anderen Finanzminister Schmidt, Kanzler Brandt, Außenminister Scheel oder Innenminister Genscher in Szene setzte, passte offensichtlich gut zu der sozialliberalen Koalition unter dem SPD-Kanzler. Es war der erste Machtwechsel in der Bonner Demokratie. Und des Kanzlers Vision „Wir wollen mehr Demokratie wagen“ prägte den Zeitgeist der damaligen Bundesrepublik.

 

Statt Fotos für das Kabinett Fotos für das Volk: Wilp platzierte 1972 Fotos von Spitzenpolitikern in einer „skurrilen“ Schau in einem Oberhausener Einkaufzentrum. Im Bild: Innenminister Hans-Dietrich Genscher mit Spraydose gegen Luftverschmutzung. Foto © Ingrid Freifrau von Droste zu Hülshof Wilp

 

Allerdings sollte die Bilderschau in Bonn 1972 von dem Misstrauensvotum gegen Kanzler Brandt im April des Jahres überschattet werden. In Anbetracht des unklaren Ausgangs der Vertrauensfrage interessierten die Wilp-Fotos in jenen dramatischen Tagen kaum jemanden. Der Fotograf eröffnete daraufhin in einem Oberhausener Einkaufszentrum kurzerhand eine sehr eigenwillige „Ausstellung“ und brachte seine Arbeit unters Volk. Er präsentierte den verblüfften shoppenden Besuchern seine lebensgroßen Politikerportraits - auch garniert mit Bikini tragenden Models mit Einkaufswagen, werbewirksam zwischen Konserven und Kartoffeln, Haarspray und Hautcremes platziert. Es war eine sehr spezielle Inszenierung der eigenen Art des schillernden Multitalents Wilp.

     Die Fotos lassen das Gespür des Mannes hinter der Hasselblad-Kamera für die Seele seiner Objekte erahnen. Charles Wilp, soviel kann man heute sagen, schuf Politikerfotografien der Extraklasse: kraftvoll, eindringlich, ausdrucksstark, mit verhaltenen, aber höchst individuellen Attributen. Es sind eigenwillige Blicke auf die bundesdeutsche Politiker-Führungsriege jener bewegten Bonner Jahre. Dem Fotografen und Künstler Charles Wilp wünscht man eine umfassende Retrospektive in einem großen Haus. Das dürfte nicht langweilig werden.
cpw

 

Die Ausstellung „Kunst im Rausch der Werbung“ kann bis zum 25. Juli 2021 besucht werden.
Kunstraum Gewerbepark-Süd
Hofstraße 64
40723 Hilden
Öffnungszeiten
DI – FR 14.00 – 18.00 Uhr
SA, SO 11.00 – 16. Uhr
Der Eintritt ist frei

 

Die Ausstellung „Into Space“ wird bis zum 26. September 2021 gezeigt.
Wilhelm-Fabry-Museum
Benrather Straße 32a
40721 Hilden
Telefon: 0 21 03 / 59 03
Öffnungszeiten
DI, MI, FR 15 – 17 Uhr
DO 15 – 20 Uhr
SA 14 – 17 Uhr
SO 11 – 17 Uhr

 

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Zitat: Boxen für mehr Bürgerfreiheit von Christian Saehrendt; Neue Zürcher Zeitung vom 19. Juni 2021 S. 6

 

 

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