rheinische ART
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rheinische ART 10/2014

Archiv 2014

EROS UND KUNST

Zwischen Comic, Pop-Art und Kamasutra

 

Man kann nicht gerade sagen, dass es eine Wiederentdeckung ist. Aber Dorothy Iannones früher bunter Bilderkosmos, in dessen Zentrum ausnahmslos die Sinnenfreude leuchtet, ist erst in den letzten Jahren wieder ins Blickfeld gerückt. Derzeit hat die alte Dame der Erosmalerei Hochkonjunktur.

 

Dorothy Iannone Inspiring, 1967,  Filzstift auf Papier 34 x 27.5 cm ©Dorothy Iannone

 

Dorothy Iannone Danger In Düsseldorf (Or) I Am Not What I Seem, 1973, Künstlerbuch, 24.5 x 17.6 cm ©Dorothy Iannone

 

Das Lebenswerk der heute 81 Jahre alten Amerikanerin, die seit 1976 in Berlin wohnt, wurde zuletzt in großen Häusern präsentiert. 2009 im New Museum of Contemporary Art New York, vier Jahre später im Camden Arts Centre in London, im Pariser Palais de Tokyo und diesjährig gleich zweimal: in der Berlinischen Galerie in Berlin-Kreuzberg und derzeit im Migros Museum Zürich unter dem deutschen Titel „Zensur und der unbändige Drang nach Liebe und Göttlichkeit“.

 

 

Erotik-Avantgardistin Dorothy Iannone (*1933, Boston) begann in den frühen 1960er Jahren mit ihren Darstellungen. Es waren die "Swinging Sixties", die Zeit der Hippies, der Flower-Power-Bewegung und Woodstock. In Düsseldorf, wohin die Künstlerin 1968 ihrem Liebes- und Lebensabschnittspartner, dem Aktions- und Objektkünstler Dieter Roth, gefolgt war, der eine Professur an der Kunstakademie angenommen hatte, fing der Werbedesigner und Fotograf Charles Wilp den Zeitgeist ein. Der Schüler des Fotografen Man Ray (mehr) textete und filmte den legendären Getränkeslogan „sexy-mini-super-power-pop-op-cola – alles ist in Afri Cola“. Später lichtete Wilp auch das liebestolle Künstlerpaar ab – weitere Kreative auf dem Gruppenbild mit Dame: die Freunde Daniel Spoerri, Norbert Tadeusz (mehr) und Gotthard Graubner (mehr).

 

Dorothy Iannone My Caravan, 1990, Gouache auf Leinwand auf Holz, 34.5 x 27.5 cm ©Dorothy Iannone

 

Revolution Es waren Jahre des Aufbruchs, der Revolution, vor allem der sexuellen. Und in der war Dorothy Iannone mit ihrer höchst freizügigen, entwaffnenden Kunst eine der Hohen Priesterinnen. Da Revolutionen die Eigenschaft haben, alles umzudrehen, und ihre Kunst längst nicht allen gefiel, stieß die unkonventionelle, wilde Dorothy auf Widerstand und Ablehnung. In einigen Fällen gab es auch so etwas wie Berufsverbot. Denn das, was sie zu bieten hatte, war in jenen Jahren nicht jugendfrei. Es waren Darstellungen bedingungsloser Liebe und - besonders markant - schematischer Geschlechtsmerkmale, auf stilisierte Körper appliziert und in Kombination mit unmissverständlichen Texten. Als „männliche Muse“ diente ihr sieben Jahre lang Dieter Roth, der für sie Gedichte schrieb. Dorothy malte ihren Dieter vielfach, künstlerisches Ergebnis ihres erotischen Alltags war unter anderem die Werkreihe „Dialogues“ von 1968/1969.

     Heute erfahren ihre Werke vielleicht ein freundliches Schmunzeln, als Pornos mag sie keiner sehen. Als gute und akkurate Zeichnungen gehen sie durch, mit bunten Farben, floraler Ornamentik, feinen Linien, mit schönen nackten Frauen in erotischer Comic-Ästhetik.

 

Dorothy Iannone Lolita, 2010, Gouache und Acryl auf Papier auf Holz, 35 x 43 x 13 cm ©Dorothy Iannone

 

Dorothy Iannone Censorship And The Irrepressible Drive Toward Love And Divinity, 1999, Künstlerbuch 29.2 x 20.7 cm

©Dorothy Iannone

 

Liebe, Leidenschaft, Sex und Freundschaft, das sind ihre Themen, ein ganzes Künstlerleben lang. Ihr Œuvre umfasst Gemälde, Zeichnungen, Collagen, Videoskulpturen, Hörstücke, Objekte und Künstlerbücher. Die Arbeiten durchzieht, so das Migros Museum, ein erzählerisches Moment, das sich ebenso aus Literatur, Geschichte und Mythologie speist wie aus persönlichen Erlebnissen, Gefühlen und Beziehungen. Kaum eine andere Künstlerin hat ihr Intimstes, ihre Leidenschaft, ihre Gefühle, ihr Begehren und ihren Sex in Kunst verpackt so öffentlich ausgestellt. Ihre Affairen und „Männergeschichten“ verarbeitete sie bereits 1968 in einem Künstlerbuch.

     Auf jeden Fall dürfte sie eine der ersten gewesen sein, die Erotisches derart direkt präsentierte. Die britische Künstlerin Tracy Emin (*1963), die sich in einem ähnlichen Genre tummelt, wirkt dagegen mit ihren kompromisslos persönlichen Arbeiten eher roh. Die große Einzelausstellung von Iannone in der Schweiz beleuchtet retrospektiv ihr Schaffen und nimmt ihren Ausgangspunkt beim Künstlerbuch The Story Of Bern, das 1969 als Reaktion auf die Zensierung ihrer Arbeiten entstand.

 

Dorothy Iannone People, 1966 - 1967, Filzstift auf Papier auf Holz 33 Teile: Dimensionen variabel ©Dorothy Iannone

 

Zensur Und mit Zensur hatte die mutige und alle damaligen Konventionen sprengende Pionierin zahlreiche Erfahrungen gemacht. Ihre doch sehr eigene Bildsprache, die irgendwie etwas von Pop-Art, art brut und Kamasutra im Comic-Style hat, wurde schnell mit dem Etikett „Pornographie“ versehen. Das tat ihren Ausstellungen nicht gut. In Stuttgart beschlagnahmte die Polizei 1967 ihre „People“ bei einer Schau. In Bern überklebten die Kuratoren der dortigen Kunsthalle 1969 erst das Genitale mit braunem Klebeband und hängten das meiste dann doch ab. Im vermeintlich liberalen Düsseldorf, damals Meeting-Point der Fluxus-Bewegung (mehr), wurde ihre Schau 1970 zwar unzensiert in der Kunsthalle ausgestellt. Einen Tag nach der Eröffnung lagen allerdings die „Dialogues“ teilweise zerstört am Boden. Immerhin schuf sie in der rheinischen Kunstmetropole ihre zeitadäquaten „Swinging Boxes“ genannten singenden Kästen - und nahm mit der damals noch jungen Band „Kraftwerk“ (mehr) Musikstücke auf.

K2M

 

Die Ausstellung „Dorothy Iannone: Censorship And The Irrepressible Drive Toward Love And Divinity“ (Zensur und der unbändige Drang nach Liebe und Göttlichkeit) wird bis zum 09. November 2014 gezeigt.

Migros Museum für Gegenwartskunst
Limmatstrasse 270
CH–8005 Zürich
Tel. +41 44 277 20 50

Öffnungszeiten
DI, MI, FR 11–18 Uhr
DO 11–20 Uhr
SA, SO 10–17 Uhr

 

 

 

 

 


 

 

  

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