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rheinische ART 03/2021

Archiv 2021

ZUKUNFTSKONZEPTE
Leere Kirchen – Abriss? Umbau?


Vielen Kirchengebäuden in Nordrhein-Westfalen droht Leerstand, Verfall, Verkauf oder Abriss. Ein Architekturprojekt möchte Sakralbauten bewahren und unterstützt Kirchengemeinden bei ihren Bemühungen um Erhalt und Umnutzung.

 

Innenraum der neugotischen Kirche St. Johann Baptist in Krefeld von 1894 (Katholische Kirchengemeinde Maria Frieden). Foto © Baukultur Nordrhein-Westfalen, Michael Rasche

 

Was sich da am Kirchenhimmel zusammenbraut, ist seit geraumer Zeit bekannt und keine Kleinigkeit – denn es geht um eine große Zahl sakraler Immobilien.

     Rund 6000 Kirchen gibt es im Bindestrichland Nordrhein-Westfalen. Dies ist nicht nur ein enormer Bestand. Es ist auch ein einzigartiger Beweis für eine lange und reiche Bautradition, die alle Größen und Stilepochen umfasst und die das Bild vieler urbaner Quartiere, ja ganzer Städte, prägt. Das Problem: Bis zu 30 Prozent dieser Gebäude werden langfristig leer stehen! Es drohen Abriss, Verkauf, bauliche Anpassung oder Umnutzung.

 

Denkmalgeschützter Backstein-Expressionismus (mehr): St. Michael in Oberhausen (Katholische Kirchengemeinde St. Marien Alt-Oberhausen). Foto © Baukultur Nordrhein-Westfalen, Michael Rasche

 

Was also ist zu tun, um diesen Reichtum an Architektur und stilistischen Glanzstücken zu bewahren?

     Das Projekt „Zukunft – Kirchen – Räume“ hat sich dem Bewahren von Kirchenbauten verschrieben. Getragen wird es von den Kooperationspartnern Baukultur Nordrhein-Westfalen, der Architektenkammer NRW, der Ingenieurkammer-Bau NRW, der RWTH Aachen sowie mitwirkend von den (Erz-)Bistümern und Landeskirchen.


Die Projektpartner hatten 2019 einen Aufruf an Kirchengemeinden, Pfarreien und bürgerschaftlich Engagierte gerichtet, sich um finanzielle Hilfen für Bauerhaltungen zu bewerben (mehr).

     Aus den Einreichungen wurden zunächst acht Kirchenprojekte ausgewählt, die bis Anfang dieses Jahres bei der Entwicklung neuer Konzepte für die bauliche Anpassung oder Umnutzung gefördert wurden. Eine Fachjury kürte nun fünf der acht Projekte, die ein weiteres Jahr bei ihrer Arbeit unterstützt werden. Die prämierten Kirchen, für die ein tragfähiges Nutzungskonzept entwickelt wird, sind:


●  St. Johann Baptist, Krefeld (Katholische Kirchengemeinde Maria Frieden)
●  St. Michael, Oberhausen (Katholische Kirchengemeinde St. Marien Alt-Oberhausen)
●  Pauluskirche, Gelsenkirchen-Bulmke (Evangelische Apostel Kirchengemeinde in Kooperation mit dem Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasium)

●  Lukaskirche, Köln-Porz (Evangelische Kirchengemeinde Porz).
●  St. Barbara, Neuss (Kath. Kirchengemeinde St. Marien im Kirchenverband Neuss-Mitte)
  

St. Barbara in Neuss Vor dem Langhaus befindet sich das Querhaus (Foto), das mit gesintertem Backstein verblendet ist und dadurch eine markante Ausstrahlung ausübt. Die Steine flankieren eine Barbara-Darstellung über dem Eingangsportal. Die Heilige steht für Tapferkeit und Standhaftigkeit und ist unter anderen die Patronin der Berg- und Feuerwehrleute, der Baumeister, Artilleristen und Glöckner. Foto © Baukultur Nordrhein-Westfalen, Michael Rasche


Dass Kirchen prägend für die Städtebilder sind, betont Peter Köddermann von Baukultur Nordrhein-Westfalen. „Wer sich mit seiner Gemeinde verbunden fühlt und wer verstanden hat, wie vielfältig die Bedeutungsebenen von Kirchen sind, kann sich nur schwer der Wertschätzung von Sakralbauten entziehen.“ Schon dies mache die Frage nach dem künftigen Umgang mit Kirchengebäuden so wichtig.

 

Detailansicht der Barbara-Darstellung in Neuss, ausgeführt in der alten Dekorationstechnik „Sgraffito“. Sie stellt eine Alternative zur traditionellen Wandmalerei dar und ist für ihre lange Haltbarkeit auch unter ungünstigen Witterungen geschätzt. Foto © rheinische ART 2021

 

Welche baukulturellen Einzigartigkeiten zur Disposition stehen, zeigt das Beispiel St. Barbara Neuss. Die heute unter Denkmalschutz stehende katholische Kirche, geplant vom Düsseldorfer Architekten Hermann Schagen, wurde 1933 eingeweiht.

     Mit der geometrisch klaren Architektur ist sie ein einzigartiges Baudenkmal der schweren Zeit zum Ende der Weimarer Republik. Über dem Portal ist ein auffallend großes "Sgraffito" der heiligen Barbara angebracht. Das dreischiffige basilikaähnliche Mittelschiff überragt die Seitenschiffe beträchtlich und wird von einer flachen Balkendecke abgeschlossen. Sechs Rundbogenfenster im Obergaden geben dem Mittelschiff Licht.

     Nach Bombenschäden wurde das Gotteshaus ab 1946 wieder instandgesetzt. Der Innenraum ist schlicht gestaltet und hauptsächlich in weiß gefasst, der abgetrennte Chorraum wird von einem Fresko von Peter Hecker abgerundet.

     Neben Hecker, der für monumentale expressionistische Wandmalereien und Glasfenster berühmt war, wirkten auch Künstler der Düsseldorfer Kunstakademie in den schwierigen Nachkriegsjahren mit. Darunter der Kunststudent, Otto Pankok-und Heinrich Kamps-Meisterschüler Peter Hodiamont (mehr).
K2M


Die Informationsplattform "zukunft-kirchen-raeume" (mehr) bietet umfassende Informationen zur Anpassung oder Umnutzung von Kirchen. Auf der Webseite befinden sich unter anderem Fachinformationen zu Nutzungsentwicklung, Baurecht, Fördermöglichkeiten und Denkmalschutz.