rheinische ART
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rheinische ART 11/2020

 

SAKRAL-ARCHITEKTUR
Acht Mönche für ein Halleluja

 

An diesem Betonklotz scheiden sich die Geister. Parkhaus,  Hochsicherheitsareal, modifiziertes Weltkriegsrelikt oder Barockbunker? Was soll es sein? 

 

Kloster La Tourette Südost-Seite mit Zugangsweg und Eingang (rechts). Die Waben der Mönchszellen bestimmen das Gesamtbild. Die Anlage gilt als eine der zentralen Corbusier-Bauten im Stil des Brutalismus, der in grobem Rohbeton (frz. béton brut) ausgeführt wird. Oben: Rohbetonfassade im Erdgeschoß mit einem Hinweisschild zur Einhaltung der Ruhe. Fotos © rheinische ART 2020

 

Der Bau ist Sakral-Architektur und Heimstätte frommer Männer. Wie auch immer die Klosteranlage La Tourette des Jahrhundertbaumeisters Le Corbusier wahrgenommen oder bewertet wird, eines steht fest: Für Professionelle aus der Baumeisterbranche, für Urbanisten, Designer oder Raumplaner, ist ein Besuch dieses Baudenkmals ein Muss. Für alle anderen ein Kann. Aber auf jeden Fall zu empfehlen. Denn es bietet sich auch die Chance zu einem völlig untypischen, hotelartigen Aufenthalt in spartanischem Ambiente.

 

Glockenturm des Klosters. Er überragt die darunter angeordnete Kirche. Foto © rheinische ART 2020

 

Das Kircheninnere Le Corbusier sah sich als religiösen Non-Konformisten. Er akzeptierte nur drei religiöse Elemente: ein Bild der Jungfrau neben der Sakristei, eine kleine Skulptur Christi in der Krypta und ein Kreuz im Hauptaltar. Foto © Couvent Sainte Marie de La Tourette 2020

 

Das Gebäude ist in Hanglage auf Pilotis errichtet, ein wiederkehrendes Merkmal in Le Corbusiers Arbeit. Foto © rheinische ART 2020

 

Ausgelegt auf 100 Mönche, wurde das Kloster in Spitzenzeiten von etwa 80 Dominikanern bewohnt, wie die Historie berichtet. Heute ist diese katholische Ordensniederlassung das Zuhause von gerade noch acht Klosterbrüdern.

     Das Kloster sieht sich selbst als ein Haus der Begrüßung, des Teilens, des Nachdenkens und des Gebets. Seit Jahrzehnten ist es wegen des klösterlichen Nachwuchsmangels vorrangig eine Bildungsstätte.

     Der Couvent Sainte Marie de La Tourette, so der korrekte Name, gilt in Frankreich als eines der wichtigsten Werke von Le Corbusier. Der Komplex ist 2016 in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen worden.

      Er liegt hineingebaut in die reizvolle, sanfte Hügellandschaft des Beaujolais, rund 20 Kilometer westlich der Metropole Lyon. Der Bau war schon von seiner Lage her spektakulär, denn er befindet sich an einem steil abfallenden Hang in der Gemeinde Éveux.

     La Tourette war der letzte in Europa fertiggestellte Gebäudekomplex des schweizerisch-französischen Architekten. Geplant wurde ab 1953, gebaut zwischen 1956 und 1960.

 

Le Corbusier (mehr), der einer der wichtigsten Befürworter der modernistischen Bewegung war, entwarf die Pläne für das Priorat der dominikanischen Brüder zusammen mit dem Avantgarde-Musiker Iannis Xenakis. Dies war kein Zufall. Beide hatten bereits zuvor den legendären Philips-Pavillon für die Brüsseler Weltausstellung 1956 konstruiert und realisiert.

     Das Kloster-Gebäude im Rohbetonstil (béton brut) zeigt typische strukturelle und dekorative Motive, die Le Corbusier im Laufe seiner Karriere entwickelt hatte. Hierzu zählen etwa der auf Pilotis (Säulen) errichtete Gebäudekörper oder die horizontalen Fensterstreifen.

     Es war vor allem Xenakis, der intensiv an der Gestaltung der Fenster arbeitete, wie er es auch bei den Architekturprojekten Le Corbusiers in der punjabischen Hauptstadt Chandigarh (Indien) bereits getan hatte. Markant: Die Flachdächer sind mit Gras bedeckt – ein bautechnischer Aspekt, der Le Corbusier stets wichtig war, um die vom Gebäude bedeckten Grünflächen zu kompensieren.

Der atriumähnliche Innenhof mit bewachsenen Dachteilen. Die Raumbelüftung erfolgt über vertikale Luftschlitze mit drehbaren Metallfenstern. Foto © rheinische ART 2020

  

Die Wohnzellen für die Dominikaner-Brüder sind in einer U-förmigen Formation um einen Innenhof angeordnet. Verglaste Korridore eröffnen Blicke auf den Hof, während ein dreifach hoher Kapellentrakt den Bau östlich abschließt.

     Schräge und tiefe Lichtschächte in den Decken lassen Licht in die Innenräume, die teils in Farbvielfalt ausgestaltet sind. Der Architekt hat seine Betonkonstruktion selbst einmal als „assyrische Festung“ bezeichnet.

 

Mönchszelle, jede ist nach dem Modulor-Prinzip konzipiert, d.h. mit ausgestreckten Armen sind Wände und Decken berühr- und somit körperlich erfahrbar. Die Dominikaner oder Orden der Prediger (OP-Ordo Praedicatorum) existieren seit 1215. Foto © Couvent Sainte Marie de La Tourette 2020

 

Die Mönchszellen sind auf drei Hauptebenen aufgeteilt. Deren niedrigste bietet Zugang zur Kirche und beherbergt ein Refektorium und einen Kapitelsaal. In der zweiten Etage befindet sich das Entre mit Empfangsräumen, Portierloge, Arbeitszimmern, Bibliothek, Oratorium und Gemeinschaftsräumen. Die dritte Etage ist ausschließlich den Mönchszimmern gewidmet.

     Jede Zelle hat einen Balkon mit Blick auf die umliegende Landschaft. Ein ummauerter Kreuzgang auf dem grasbedeckten Dach schließt die Konstruktion ab. Dieser Rundgang erlaubt allerdings keinen wirklichen Blick in die Landschaft, vielmehr soll hier der betende Mönch seinen Blick gen Himmel richten.
cpw

 

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Das Kloster ist derzeit geschlossen. Für einen Besuch nach der Corona-Pandemie:

Couvent Sainte Marie de La Tourette
Route de la Tourette,
69210 Éveux,

Frankreich
Tel +33 (0) 4 72 19 10 90

Besichtigungen/ Führungen
Das Klosterinnere kann nur während geführter Touren besichtigt werden.
SO 14.00 Uhr und 14.45 Uhr

 

 

 

 

 



 

 

 

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