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rheinische ART 05/2014

Archiv 2014

EIN BESUCH BEI ULRICH RÜCKRIEM
Die Sprache der Figurationen

 

„Über das Wichtigste kann man bekanntlich wenig sagen, über die Kunst in ihrer höchsten Qualität nichts.“ Bruno Taut

 

Ulrich Rückriem, o.T., Abbildung 5 aus einer Serie von sechs ©Ulrich Rückriem, Foto rART

 

Betrachtet man Rückriems aktuelle Zeichnungen, so fällt zunächst das figürliche Element auf. Geometrisierte Menschen- und Tierkörper sind da zu sehen, Vogelköpfe im leeren Raum, Gesichter und unwirkliche Landschaften, die in ihrer reduzierten Farbpalette aus Schwarz, Weiß und den drei Primärfarben sowie in ihrer strengen Formgebung sehr klar erscheinen. Gleichzeitig sind sie Dinge an sich, losgelöst von einem spezifischen Inhalt oder Kontext. Wie lässt sich diese Hinwendung von den Figurationen der letzten Jahre zur figürlichen Darstellung verstehen?

 

Neue Sprache Seit nunmehr zwölf Jahren bildet die Zeichnung den Arbeitsschwerpunkt Ulrich Rückriems. Von wenigen Ausnahmen wie dem jüngst fertig gestellten Altar des Hildesheimer Domes St. Mariä Himmelfahrt abgesehen, verzichtet Rückriem seit Jahren auf die Anfertigung von steinernen Skulpturen. Ist aus dem stets als „Bildhauer“ titulierten also nun ein „Zeichner“ geworden? Die Frage, die mit „Ja“ scheinbar so leicht beantwortet ist, erweist sich als schwerwiegender, wenn man die Entwicklung der Zeichnungen der letzten Jahre analysiert. In diesen überträgt Rückriem die konzeptuellen Teilungsprozesse seiner Steinskulpturen (mehr) in die Fläche und schafft ein zweidimensionales Äquivalent zu seinen bildhauerischen Arbeiten. Der „Bildhauer“ arbeitet als „Zeichner“ mit denselben Mitteln – bedient sich derselben „Sprache“. Gerade Rückriems neueste Arbeiten verdeutlichen, dass seinen Zeichnungen der Versuch zugrunde liegt, eine neue „Sprache“ jenseits medialer Gebundenheit zu finden.

 

Ulrich Rückriem, o.T., Abbildung 1 aus einer Serie von sechs ©Ulrich Rückriem, Foto rART

Ulrich Rückriem, o.T., Abbildung 2 aus einer Serie von sechs ©Ulrich Rückriem, Foto rART

 

Vorgang Die Grundlage der Zeichnung ist die Einteilung des Blattes in ein Raster aus 8 x 8 Feldern. Dieses kann entweder das gesamte Papier umfassen oder als ein 1/16 der Papierfläche zentral angelegt sein. Eine spezifische Verteilung von sieben Punkten auf diesem Raster sowie die Verbindung der Punkte untereinander bilden die Grundlage der Zeichnung. Dieses konzeptuelle Repertoire, welches bislang freie und gebundene (das heißt, am Damenproblem des Schachspiels orientierte) Figurationen kannte (mehr), erweitert Rückriem nun um eine weitere Kategorie mit dem Titel „Der Mensch + Die Dinge“.

 

Freie, rasterlose Punktsetzung ist möglich und unter Zuhilfenahme des Zirkels können dabei einzelne Punkte mit Kreisen umzogen werden, die rundliche Konturen ermöglichen und damit das Ausdrucksspektrum erweitern. In diesem rohen Gerüst aus Strichen und Kreisen sind der Einbildungskraft keine Grenzen gesetzt und durch Ausmalung ausgewählter Flächen gibt das zeichnerische Skelett seinen verborgenen Inhalt preis. Es entstehen Landschaften, Köpfe und Körper.

 

Gerüst So ungewöhnlich die hieraus entstehenden Gebilde im Kontext der Arbeiten der letzten Jahre wirken mögen, so vergisst Rückriem darüber nicht die Errungenschaften der vergangenen Jahre. Im Gegenteil: Seine neuesten Serien, zu denen die hier abgebildete gehört, illustrieren überaus transparent, wie er zu seinen Ergebnissen gelangt. Dabei werden die verschiedenen Modi auf sechs Blättern durchkonjugiert: Von der Verteilung der Punkte und ihrer Verbindung durch Striche und Kreise auf dem ersten Blatt, über die freie Figuration hin zu den figürlichen Darstellungen. Grundlage aller Zeichnungen ist immer das erste Blatt, das „Gerüst“, von dem aus sämtliche Darstellungen entfaltet werden.

 

Ulrich Rückriem, o.T., Abbildung 3 aus einer Serie von sechs ©Ulrich Rückriem, Foto rART

 

Ulrich Rückriem, o.T., Abbildung 4 aus einer Serie von sechs ©Ulrich Rückriem, Foto rART

 

Figürlich Dass Rückriem den Schritt zur figürlichen Darstellung einschlagen würde, erscheint für den als Vertreter der minimal conceptual art bekannten Künstler unerwartet. Dass jedoch die Figürlichkeit aus dem konzeptuellen Verfahren der Zeichnungen der letzten Jahre hergeleitet wird, ist überaus bemerkenswert. Es zeigt, dass Rückriem mit seinem Zeichnungskonzept eine Technik gefunden hat, die eine unbegrenzte Anzahl komplexer Darstellungen auf Basis eines sehr einfachen Grundgedankens ermöglicht: eine zeichnerische Sprache mit einem weiten Repertoire an Aussagemöglichkeiten.

 

Sprache Eine Sprache kann dann funktionieren, wenn sie über Bedeutungsträger (Worte) verfügt, die durch eine bestimmte Ordnung (Grammatik) untereinander strukturiert werden. Sind die Spielregeln einmal klar, so kann eine Sprache von jedem erlernt werden. Wollte man also Parallelen zur Sprache suchen, so könnte man sagen, dass sich zwar das Vokabular der Rückriemschen Sprache mit der neuen Kategorie „Der Mensch + Die Dinge“ erweitert hat, dass jedoch die grammatischen Regeln unverändert sind und noch immer die Basis, die „Struktur“ seiner Zeichnungen bilden. Welche Kategorien, welche „Vokabeln“ harren vielleicht noch ihrer Entdeckung? Die Möglichkeiten scheinen bei weitem noch nicht ausgeschöpft.

 

Ulrich Rückriem, o.T., Abbildung 6 aus einer Serie von sechs ©Ulrich Rückriem, Foto rART

 

Demokratisierung Doch der Bezug zur Sprache hat noch einen ganz anderen Hintergrund, denn tatsächlich geht es Rückriem um die universelle Anwendbarkeit und Erlernbarkeit seiner zeichnerischen Sprache. Sie soll von jedem gebraucht werden können – mit dem Ziel, das „Original“ zu überwinden. So, wie die gesprochene Sprache niemandes Eigentum sein kann, so seien auch die Zeichnungen nach Rückriemscher Lesart nicht Originale oder Unikate, sondern Zeugnisse der Anwendung bestimmter Gesetzmäßigkeiten. Diesen Standpunkt vertritt der Künstler äußerst konsequent. Es stehe jedem frei, sich dieser Sprache zu bedienen und jeder, der diesen Artikel liest, sei dazu animiert, diese Sprache zu erlernen. „Schreib das genau so in Deinem Artikel“, sagt Rückriem, und beweist damit einmal mehr sein unprätentiöses Verhältnis zu seinen Zeichnungen.
     Wer so zeichnet, der zeichnet im Grunde so, als spräche er ein Mantra. Mit den Worten On Kawaras gesprochen: Die künstlerische Praxis wird zu einer „routine conducive to the loss of ego“.

Robert Woitschützke

 

 

 

 

 

 

 

 

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