rheinische ART
Start | | Über uns | Kontakt | Impressum | Anzeigen/Banner

rheinische ART 03/2014

Archiv 2014

JOHANNA EY
"Vor dir neigt das Rheinland sich"

 

Fünfzehn deutsche Museen widmeten sich kürzlich mit konzertierten Ausstellungen dem berühmten Sammler und Mäzen Alfred Flechtheim, der ab 1913 in Düsseldorf und später in Berlin eine Galerie betrieb. Zeitgleich mit der schillernden Figur Flechtheim wirkte in der Rheinmetropole auch die Kunsthändlerin Johanna Ey, als Mutter Ey zur Legende gewordene Kaffeestubenbetreiberin, auf deren Leben anlässlich ihres 150. Geburtstags ein Blick nahe liegt.

 

Arthur KaufmannDie Zeitgenossen, 1925, Öl auf Leinwand. Die Dargestellten v.l.n.r., vorn: Gert H. Wollheim, Johanna Ey, Karl Schwesig, Adalbert Trillhaase; hinten: der Dichter Hermann Eulenberg, Theo Champion, Jankel Adler, die Schauspielerin Hilde Schewior, an der Staffelei Ernst te Peerdt, Arthur Kaufmann, Walter Ophey, Otto Dix, Frau Kaufmann und der Pädagoge Hans Heinrich Nicolini. Foto © Stadtmuseum Düsseldorf

 

Alfred Flechtheim (mehr) und Johanna Ey hatten - bei allen Gegensätzen, denn Flechtheim (1878-1937) war schließlich schon zu Lebzeiten ein internationaler Protagonist in der Kunstwelt, sie eine bodenständige Frau - etwas gemeinsam: sie waren Förderer der Avantgarde-Künstler. Beide litten unter den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen ihrer Zeit. Weltwirtschaftskrise und Nationalsozialismus ruinierten sie.

 

"Künstlermutter" Aus dem Bild blickt eine füllige Frau, mit Doppelkinn, runder Brille und mütterlich resoluter Aura. Die meist gemalte Frau Deutschlands! Kann das sein? Es kann! Diese Frau, Johanna Ey (1864-1947), sammelte und stellte ab 1916 moderne Gemälde aus, die kaum jemanden interessierten. Sie kümmerte sich um junge Künstler, die im klassischen Akademiebetrieb der Stadt - zunächst jedenfalls - chancenlos waren und im besten Falle belächelt wurden. Die dankten es ihr und zeichneten und malten sie in unzähligen Varianten.

 

Kraft des Gefühls Die ungewöhnliche Vita dieser Frau ist oft beschrieben worden. Einiges hat sich im Laufe der Jahrzehnte zum Mythos verdichtet. Zu gerne erzählte Geschichten über eine Rheinländerin aus einfachen Verhältnissen, die mal als Düsseldorfer Altstadtoriginal, mal als frühe Emanzipierte, als „Künstlermutter“ - so Heinrich Böll -, bedeutende Förderin neuer Kunst, Mutter Courage der Moderne oder einfach als guter Geist in schweren Zeiten gehandelt wurde. Ob sie nun tatsächlich die ´armen hungernden´ Künstler selbstlos oder mit robustem Geschäftssinn zwecks Gelderwerb förderte oder die Künstler sie aus ebensolchem Kalkül zu einer Art Heiligenfigur der Düsseldorfer Kunstszene aufbauten, - es ist ja bekannt, dass der Kunstbetrieb auch damals ein berechnendes Metier war - ist nicht bekannt. Auf jeden Fall kannte Johanna Ey aus eigenem Erleben Hunger und Armut. Sie verstand die Nöte von Malern und Bildhauern, die am Anfang eines ungewissen Berufslebens standen und suchten: nach Stil, Ausdruck, Käufern oder seelischer Entlastung angesichts erlebter Kriegsgreul. Und Ey hatte ein gutes Gespür für Qualität in der Kunst. Anna Klapheck, ihre erste Biografin, vermerkte: „Sie hatte die Genialität des Naiven, die Kraft des Gefühls.“

 

Adolf de Haer (1892- 1944), Johanna Ey häkelnd, 1923, Öl auf Leinwand, Schenkung Emil Bast, Firmengruppe Bast-Bau 1995 aus dem Nachlass Ey. Der Maler hatte schon 1921 bei Johanna Ey ausgestellt. Foto © Stadtmuseum Düsseldorf

 

Bäckerei und Kaffeestube Johanna Ey wurde am 4.März 1864 in Wickrath bei Mönchengladbach geboren. Mit 19 kam sie nach Düsseldorf und heiratete dort 1888 den Braumeister Robert Ey. „Eine sehr traurige Ehe“, wie sie selbst bekannte. Sie hatte 12 Kinder, von denen acht starben. „Im Jahre 1910 wurde ich geschieden, und musste mich mit meinen vier Kindern ... kümmerlich ernähren.“ Ey arbeitete als Bäckereiverkäuferin und konnte mit 43 Jahren 1907 eine eigene Backstube mit Kaffeeausschank an der Ratinger Straße eröffnen, aus der sich die legendäre „Kaffeestube“ entwickelte.

 

In der Künstlerszene Erste Kontakte zu „Künstlern“ hatte sie 1910. Genau genommen waren es zunächst Kunststudenten der nahen Akademie, denen sie preiswert Essen und Trinken anbot. Wer kein Geld hat, ließ anschreiben oder zahlte mit Zeichnungen. Die Ey´sche Kaffeestube für Kreative jeder Couleur existierte bis 1914, das Schaufenster dieses Treffpunktes war beliebte erste öffentliche Bühne für die jungen Maler. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurden die Kunden jedoch knapp. Ey begann 1916 als Galeristin und betrieb eine kleine Kunsthandlung mit Arbeiten der konservativen traditionsreichen „Düsseldorfer Malerschule“ (mehr).

 

Junges Rheinland Neuen Schwung brachten die ersten Nachkriegsjahre. In Düsseldorf wurde 1919 die expressionistische Künstlervereinigung Junges Rheinland gegründet. Zu den ersten Mitgliedern gehörten Heinrich Nauen, Adolf Uzarski, Arthur Kaufmann sowie die Maler Carlo Mense, Walter Ophey, Werner Heuser und der Architekt Wilhelm Kreis. Später stießen junge, teils traumatisierte und rebellische Kriegsheimkehrer dazu, wie Gert Heinrich Wollheim und Otto Pankok. Mit anderen linksintellektuellen Gruppen im Westen bildete das Junge Rheinland 1928 die Dach-Organisation Rheinische Sezession.
     Wollheim und Pankok brachten Ey mit dieser neuen Szene in Kontakt. Ein Jahr später eröffnete sie die Galerie „Neue Kunst Frau Ey“ auf dem Hindenburgwall 11 (heute Heinrich-Heine-Allee) und avancierte damit zur professionellen Kunsthändlerin; eher zufällig als gewollt wurde sie damit auch die erste Galeristin Deutschlands.

      1921 zeigte „das Ey“ in ihrer Galerie die erste Einzelausstellung des Brühler Malers Max Ernst. Und mit beharrlicher Akquise gelang es ihr, den Dresdner Otto Dix von seiner Heimatstadt nach Düsseldorf zu holen. 1926 präsentiert sie auch Bilder von Paul Klee und Pablo Picasso. Johanna Ey war also jemand in jenen „Goldenen Zwanzigern“, eine regionale Prominente mit Kultstatus; berühmt, gefragt und gefeiert.

 

 

Ihre Galerie wurde das Zentrum der rheinischen Künstler-Avantgarde. Die „Berliner Illustrierte“ nannte sie in ihrer Ausgabe vom 28.8.1930 die „meistgemalte Frau Deutschlands“. Als sie 1929 ihren 65. Geburtstag feierte, telegrafierte „Mäxchen“ (Max Ernst) seiner früheren Händlerin und Mäzenin aus Paris humorvolle Verse, angelehnt an ein populäres Kirchenlied:

 

Großes Ey, wir loben dich!
Ey, wir preisen deine Stärke!
Vor dir neigt das Rheinland sich
und kauft gern und billig deine Werke!

 

Krise, Boykott und Vernichtung Die Jahre der Wirtschaftskrise stürzten Ey wie Abertausende in den finanziellen Ruin. Sie konnte die Miete nicht mehr aufbringen und ein Sparkassendarlehn nicht abbezahlen. Die Stadt verzichtete zwar auf eine Räumungsklage und überließ ihr mietfrei die Immobilie. Doch mit den NS-Machthabern wenig später änderten sich die Bedingungen radikal. 1933 verlor Ey einen Prozess gegen die nun NS-konforme Stadtverwaltung. Die gefeierte Kunsthändlerin musste Wohnung und Galerie räumen. Die „Sammlung Ey“ mit Werken von Jankel Adler, Otto Dix, Max Ernst bis zu Pankok (mehr), Schwesig, Wollheim und Trillhaase (mehr), die vorher in einer Wanderausstellung in Köln, Königsberg, Mannheim und Wiesbaden gezeigt worden war, wurde zwecks Kostenbegleichung beschlagnahmt.
     Ey´s Teilnahme an der Weltausstellung in Chicago 1933/34 scheiterte an Devisenrestriktionen, die Exponate kamen nur bis Hamburg. Zermürbt durch Boykotte und Schikanen gab Johanna Ey ihre Galerie auf. Der politische Druck wuchs. Die Reichskammer der bildenden Künste verfügte im März 1938 die Auflösung der Rheinischen Sezession, da in ihr, wie es hieß, der Geist „...jener Kreise der Vergangenheit, die sich um Flechtheim, Frau Ey u.a. scharten“ noch immer vorhanden sei.
     Zahlreiche Werke von Künstlern aus dem „Ey-Kreis“ wurden während der NS-Zeit als „entartete Kunst“ ins Ausland verkauft oder vernichtet. Die Maler mit Arbeits- und Ausstellungsverbot belegt, diffamiert, verfolgt, inhaftiert oder umgebracht. 1943 kamen Peter Ludwigs in Düsseldorfer Gestapohaft und Julo Levin im KZ Auschwitz um, Franz Monjau starb 1945 im KZ Buchenwald. Andere wie Adler, Kaufmann, Wollheim oder Schwesig waren untergetaucht oder ins Ausland geflohen. Wenige, wie etwa der Bildhauer Arno Breker, machten dagegen im NS-Regime Karriere.

 

1943 wurde Johanna Ey ausgebombt, sie lebte zeitweise bei ihrer Tochter Maria in Reinbek bei Hamburg und in Mayen/Eifel. Als „Mutter Ey“ wurde sie zur Legende; einen Namen allerdings, den sie nie mochte. Gegen den sie sich ein halbes Leben lang vergeblich gewehrt hat, wie Peter Barth 1984 im Katalog anlässlich der ersten Ey-Ausstellung in der Düsseldorfer Galerie Remmert und Barth schrieb. „Nennt mich nicht Mutter!“ hatte sie immer gesagt. Am 27. August 1947 starb die einst gefeierte Kunstmäzenin in Düsseldorf.

 

 Als der jüdische Galerist Alfred Flechtheim 1933 Deutschland verließ, war die Galerie Ey längst insolvent, schreibt die Autorin Sandra Labs in einer kritischen Untersuchung über Johanna Ey. Im Gegensatz zu einigen ihrer Künstler und Kollegen sei Ey in der NS-Zeit nie bedroht gewesen. „1946 kehrte sie als 82-Jährige Lokalpatriotin ... nach Düsseldorf zurück. Die Stadt ernannte sie zur Ehrenbürgerin.“ Sie erhielt einen Ehrensold bis zu ihrem Tode. Einen guten Teil des Mythos Ey, so Labs „mache auch die zeitliche Entfernung aus“. Und zur Herstellung dieses Mythos sei, so merkt die Autorin kritisch an, „allgemein mehr Elan aufgebracht“ worden, als zur Wiederherstellung von Flechtheims Lebenswerk.
Claus P. Woitschützke

 

Zitatenquelle und Literaturhinweis:
Großes Ey wir loben dich. Johanna Ey und ihr Künstlerkreis.
Publikation zur Ausstellung vom 4. September bis 17. November 2007 der Galerie Remmert und Barth, Düsseldorf. Mit einem Text von Peter Barth aus dem Jahre 1984, 180 Seiten, 200 Werkabbildungen, davon 66 in Farbe. Düsseldorf 2007

Anna Klapheck: Mutter Ey. Eine Düsseldorfer Künstlerlegende. 4. Auflage, Düsseldorf 1984

Sandra Labs: Johanna Ey und die Avantgarde der Düsseldorfer Kunstszene 
Diplomica Verlag GmbH Hamburg 2012; ISBN 978-3-8428-8121-1

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


  

13K / TEIL 1

Eine Hommage an Stanley Kubrik von

 

DAVIDE LA ROCCA

 

12.05. - 30.06.2017
 

GALERIE VOSS

 


 

 

 

 

Ein NEWSLETTER über die Kunst im Rheinland. Für Künstler, Galeristen, Kunstliebhaber, für alle Macher und Kreativen, die es interessiert.

NEWSLETTER
rheinische.ART
(erscheint cirka 4 x im Jahr)

(Registrieren)

 

 

Die 
rheinische.ART
empfiehlt:

Mit GOOGLE ins Museum.

Das Google Art Projekt zeigt Meisterwerke aus den Museen dieser Welt.

► mehr

 

 

 


 

 

LASSEN SIE SICH DIE
"RHEINISCHE ART."
ÜBERSETZEN ...