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rheinische ART 05/2014

Archiv 2014

LAND UNTER STROM

Die zwölf Apostel und das Licht

 

Elektrische Energie, das bedeutete einst Modernität, Fortschritt und mehr Lebensqualität. Eine neue revolutionäre Licht- und Kraftquelle, die den Alltag vor über 100 Jahren so radikal veränderte wie vielleicht heute die digitale Technologie Wirtschaft und Informatik. Eine LVR-Ausstellung im Freilichtmuseum Lindlar zeigt, wie Strom und Glühbirne in die oberbergischen Dörfer kamen und sich traditionelles Leben und Arbeiten fundamental wandelte.

 

Das RWE-Braunkohlekraftwerk auf einem Höhenrücken bei Hürth-Knapsack in den 1920er Jahren. Auf der rechten Bildhälfte sind die zwölf jeweils rund 110 m hohen Schornsteine zu sehen, die als „Die zwölf Apostel von Knapsack“ bezeichnet wurden. Nach dem Tod des Erbauers, des technischen RWE-Vorstands Bernhard Goldenberg, wurde das E-Werk mit dem Namen „Vorgebirgszentrale“ 1917 in Kraftwerk Goldenberg umbenannt. Es geht auf einen Entwurf des Architketen Alfred Fischer zurück, der bis 1933 Direktor der Essener Handwerker- und Kunstgewerbeschule war und für eine neue Architektursprache bei Industriebauten stand.  Foto: LVR

 

Das Landleben war in Deutschland in den Nuller Jahren des 20. Jahrhunderts nicht gerade attraktiv. Von Komfort keine Spur, junge Menschen wanderten in Scharen in die prosperierenden Städte ab, Arbeitskräfte wurden in der Landwirtschaft rar – Landflucht im Schatten der Industrialisierung.

     Während in den großen Städten mit elektrischem Licht bereits die Nacht zum Tag gemacht werden konnte, blieb es auf dem Lande des Nachts eher düster – nur die Petroleumlampe leuchtet in Haus und Hof. Ein öffentliches Interesse an einer systematischen Versorgung mit Strom, der im Übrigen auch sehr teuer war, gab es für Bauern und ländliche Kleingewerbler vor 1920 so gut wie nicht. Und letztlich war so manchem auf dem Lande die neue Energie auch nicht geheuer: geruchlos und nicht hörbar, aus einer Steckdose?

 

 

Bau von Überlandleitungen. Mit einer 110 kV-Doppelleitung wurde auch die rechtsrheinische Region ab 1918 vom Goldenberg-Werk aus versorgt. Foto: LVR

 

Elektrifizierung Es war der Erste Weltkrieg, der die entscheidenden Impulse für die ländliche Elektrifizierung gab. Zunächst hatte die Rüstungsindustrie ab 1914 einen extrem hohen Energiebedarf. Dies forcierte den Bau neuer Großkraftwerke, im Rheinland vorzugsweise nahe der riesigen Braunkohlevorkommen. Herausragendes Beispiel ist das im ersten Kriegsjahr in Betrieb genommene Kraftwerk „Vorgebirgszentrale“ - später umbenannt in Goldenberg-Kraftwerk - der Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerk AG (heute RWE Power) bei Hürth-Knapsack. Es hatte eine anfängliche Leistung von 30 Megawatt, die aufgrund der Kriegswirtschaft bis 1918 auf das Dreifache ausgebaut wurde. Die zwölf markanten Schornsteine des Stromproduzenten auf einem Hügel bei Hürth waren weithin sichtbar. Und wie so oft war es der Volksmund, der schnell eine eingängige wie fast liebevolle Bezeichnung für das Dutzend Schlote erfand: „Die zwölf Apostel von Knapsack“. Das Goldenberg-Elektrizitätswerk vor den Toren Kölns expandierte rasant und galt ab 1921 als größtes und leistungsstärkstes Dampfkraftwerk Europas. Von den "zwölf Aposteln" existierten in den 1970er Jahre noch vier. Sie wurden wegen starker Bauschäden bis 2005 abgerissen. 

 

Strom für das Land Aber erst nach dem Ersten Weltkrieg profitierten viele private Haushalte und vor allem das ländliche Rheinland von der enormen Energieerzeugung dieses Mammutkraftwerks. Denn mit der Kriegsniederlage 1918 und dem wirtschaftlichen Zusammenbruch Deutschlands änderten sich die Verhältnisse grundlegend: Die Kraftwerkskapazitäten sollten nun allen Menschen zugute kommen. Die rheinischen Energielieferanten trieben deshalb rasch die zuvor als unrentabel geltende Elektrifizierung verstreut liegender Dörfer, Weiler und Gehöfte voran. Sie konnte bereits Mitte der 1920er-Jahre, etwa im Bergischen Land, weitgehend abgeschlossen werden.

 

Techniker bei Elektrifizierungsarbeiten. Eine Glühbirne in jedem Haus, geschweige denn in jedem Zimmer, war längst keine Selbstverständlichkeit. Strom für den ländlichen Raum - für Millionen Menschen war dies Anfang des 20. Jahrhunderts ein großes Thema. Foto: LVR

 

Die Viehofer Straße in Essen mit der RWE-Stammzentrale 1939. Der Verstromer von Steinkohle begann 1906 unter der Ägide von Hugo Stinnes mit der Stromerzeugung aus Braunkohle im rheinischen Revier. © Leihgeber Historisches Konzernarchiv RWE, Essen

Komfort Der Strom hatte enorme Auswirkungen auf das Leben der Menschen. Elektrisches Licht war nun quasi jederzeit verfügbar, es leuchtete in Wohnstuben, Geschäftshäusern, Werkstätten und Ställen. Lesen bei Kerzen-, Petroleum- oder Gaslampenlicht war passé - man verdarb sich nicht mehr die Augen. Und Elektromotoren wie etwa die der Siemens-Schuckertwerke GmbH, sorgten deutlich für Arbeitserleichterung und Produktivitätssteigerung. Doch die teilweise massiven Veränderung des Landschaftsbildes durch E-Werke, Überlandleitungen oder Transformatorenstationen sorgte auch für Konflikte - vergleichbar mit den Diskussionen, die heute die Windräder im Rahmen der "Erneuerbaren Energien" auslösen.

 

Die Schau in Lindlar dokumentiert mit einer Vielzahl an - teils skurrilen - Objekten aus der Zeit um 1914 die Elektrifizierung der Region rechts des Rheins. Die gezeigten Exponate stammen überwiegend aus der Sammlung des LVR-Freilichtmuseums Lindlar. Ein bemerkenswertes Ausstellungsstück stellt das LVR-Industriemuseum Engelskirchen: Eine rund 130 Jahre alte Flachring-Dynamomaschine, eine Frühform des Gleichstromgenerators, der Firma Schuckert & Co. aus Nürnberg. Ab 1886 erzeugte man mit ihr den ersten Strom im oberbergischen Raum.

 

 

 Die Lindlarer Ausstellung ist Teil des LVR-Verbundprojekts „1914 – Mitten in Europa. Das Rheinland und der Erste Weltkrieg“. Damit erinnert der Landschaftsverband Rheinland (LVR) nicht nur an diesen ersten weltumspannenden Konflikt der Menschheitsgeschichte, sondern thematisiert auch die zahlreichen Einflüsse der Moderne, die den Alltag im Rheinland fundamental verändern sollten.

bra/K2M

 

Die Ausstellung „Krieg und Licht - Zur Dynamik der ländlichen Elektrifizierung um 1914“ wird bis zum 14.12.2014 gezeigt.

LVR-Freilichtmuseum Lindlar
Schloss Heiligenhoven
51789 Lindlar
Tel.: +49 (0) 22 34 / 99 21–555

Öffnungszeiten
01.03.- 31.10. Di-So. 10–18 Uhr
01.11.- 28.02: Di-So. 10–16 Uhr

 

 

 

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