rheinische ART
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rheinische ART 03/2020

Archiv 2020

ARCHITEKTUR
Soz-Art, baubezogen

 

Es gibt ein DDR-Kulturerbe, das im Westen bislang nur wenig Beachtung fand: Baubezogene Kunst im öffentlichen Raum als sozialistische „Bekunstung“.

 

Berlin-Mitte European School of Management and Technology – ESMT Berlin ( ehem. Gebäude des Staatsrates der DDR ), 1964: Aus der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Walter Womacka. Werkgenossenschaft Glasgestaltung. Glasfenstergestaltung, Treppenhaus, Klebeglas, Glasschliff, Glasapplikation, 16,50 × 10 Meter © Martin Maleschka Bildquelle DOM publishers Berlin 2020

  

Diese speziellen Hinterlassenschaften des ehemaligen „Arbeiter- und Bauernstaates“ finden sich als Mosaike, Steingussreliefs, Sgraffiti oder Wandmalereien an oder in Gebäuden. Oft an prominenten Orten, aber auch, fast unbemerkt, in zahllosen städtischen Vororten und in der Provinz, wo sie an, in oder vor Plattenbau-Wohnkomplexen – im Alltagsjargon bis heute WK genannt – oder ehemaligen Parteizentralen prangen.

 

Eisenhüttenstadt Land Brandenburg. Wohnkomplex IV, Albert-Schweitzer-Gymnasium ( ehem. Schule IV  ), 1960: Polytechnischer Unterricht I, Polytechnischer Unterricht II, Kurt-Heinz Sieger. Wandgestaltung vor den Klassenzimmern, innen, Gipsintarsien, je etwa 6 × 3 Meter, © Martin Maleschka Bildquelle DOM publishers Berlin 2020

 

Die Hauptmotive dieser nicht selten anmutig wirkenden staatlichen „Kunst-am-Bau“, die zwischen 1950 und 1989 entstand: Werktätige Menschen, spielende Kinder, Natur mit Tieren und Blumen, viel Technik und Raumfahrt, Konterfeie von Politgrößen oder geballte Fäuste und rote Fahnen.

     Eine Motivwahl, die ihre Vorbilder in der politischen Kultur der UdSSR fand und im Sinne der Ideologie der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) die Errungenschaften und Fortschritte der Machthaber in „Berlin, Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik“ glorifizierte und die damit verbundenen sozialistischen Lebensvorstellungen propagierte.

 

Ein interessantes Foto-Fachbuch erlaubt einen Blick auf diese von Zerstörung bedrohte ehemalige Staatskunst.

     Die Fotoarbeiten stammen von dem Cottbuser Architekten und Dokumentar Martin Maleschka (*1982). Der Fotograf und Buchautor wurde in Eisenhüttenstadt geboren, einer bekanntermaßen sozialistischen Planstadt. Er kennt diese Art der Stadtgestaltung und -möblierung daher zumindest noch aus der Kindheit.

     Die Publikation von Martin Maleschka ist im Berliner Verlag DOM publishers erschienen (Literaturhinweis unten).

 

Diese DDR-Relikte im öffentlichen Raum existieren in einer bemerkenswerten Anzahl, wie es heißt. „Als staatlich geförderte Auftragskunst für Stadtzentren, öffentliche Gebäude und Wohngebiete entstanden“, formuliere diese Art von Kunst nicht nur einen dekorativ-gestalterischen Anspruch, sondern vermittele vielfach „auch eine dezidiert politische Botschaft.“

     Das war ohne Zweifel so! Bestes Beispiel ist Gerhard Bondzins Wandbild „Der Weg der rote Fahne“ im Kulturpalast Dresden mit der Aufschrift „Wir sind die Sieger der Geschichte“.

 

Dresden Sachsen. Kulturpalast, 1969: Der Weg der roten Fahne, Gerhard Bondzin. Sozialistische Arbeitsgemeinschaft an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Wandgestaltung, Fassade, Westseite, außen, Farbglas auf Beton (Elektrostatische Beschichtung), 30 × 11 Meter, © Martin Maleschka Bildquelle DOM publishers Berlin 2020

 

Löbichau Thüringen ( ehem. SDAG Wismut ), 1974: Die friedliche Nutzung der Kernenergie, Werner Petzold. Fassadengestaltung, Freifläche, frei stehend, Malerei auf Email, 12 × 16 Meter, © Martin Maleschka Bildquelle DOM publishers Berlin 2020

 

Buchcover Foto © DOM publishers Berlin 2020

 

Das Spektrum der Kunstwerke reicht von fassadenfüllenden Großbildern oder Buntglasfenstern über dekorative Wände aus Betonformsteinen bis hin zu textilen Wandbehängen (mehr), freistehenden (Monumental-)Plastiken und Brunnengestaltungen.

     Die systematische „Bekunstung“ von Bauten entsprach dabei dem expliziten Willen der politischen Machthaber. Denn die schlichte, schmucklos-strenge Architektur der aus der Wohnungsnot erwachsenen Plattenbauten entlang der imposanten Straßenachsen konnte dem Anspruch nach einem „Ausdruck des Aufbauwillens“ (Walter Ulbricht) nicht gerecht werden, wie im Buchtext betont wird.

 

Was ursprünglich als „Kunst am Bau“ verordnet war, ging ab den 1970er-Jahren schließlich über in eine „Kunst im städtischen Raum“, bei der diese „Soz-Art“ integraler Bestandteil der Architektur werden sollte.

     Das neue SED-Programm zielte darauf, die Bevölkerung näher an Architektur und Kunst heranzuführen. Für den Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht und sein politisches System wurde es zum Mittel im Klassenkampf. Die DDR, so tönte es seinerzeit, sollte Westdeutschland – also den Klassenfeind – bei der künstlerischen Gestaltung der Städte übertreffen.

     Daraus wurde nichts. Als dem SED-Staat ab 1980 die finanzielle Luft ausging, war auch die „Kunst im städtischen Raum“ rückläufig.
K2M

 

Martin Maleschkas Bildarchiv umfaßt 10.000 Fotografien. Es gilt als das umfangreichste und bedeutendste Archiv zur baugebundenen Kunst der Ostmoderne.


► Der Bildband präsentiert Bekanntes von Künstlern wie unter anderen Walter Womacka und dessen 125 Meter langes Mosaikfries „Unser Leben“ am Berliner „Haus des Lehrers“, ferner Steingussreliefs von Waldemar Grzimek und Hubert Schiefelbein am Kino International (beide Berlin) sowie Sighart Gilles monumentale Deckengemälde „Gesang vom Leben“ im Leipziger Gewandhaus. Interessant sind auch die weniger prominenten Beispiele, die einen Eindruck der Flächendeckung liefern. Einen Foto-Schwerpunkt bilden die Planstädte Eisenhüttenstadt und Halle-Neustadt.

 

► Literaturhinweis: Martin Maleschka. DDR. Baubezogene Kunst . Kunst im öffentlichen Raum 1950 bis 1990; 135 x 245 mm, 504 Seiten, 500 Abbildungen, Softcover , DOM Verlag Berlin, ISBN 978-3-86922-581-4, Preis 48 Euro


Die Austellung Martin Maleschka. Baubezogene Kunst in der DDR 1950 – 1990, die vom 22. März bis zum 17. Mai 2020 gezeigt werden sollte, ist bis zum 05.07.2020 verlängert worden. 

MUSEUM TEMPORÄR
Kunstmuseum Mülheim an der Ruh
r
Schloßstraße 28-30
45468 Mülheim an der Ruhr
Tel. 0208 / 4550
Öffnungszeiten
DI –FR 10 – 18 Uhr
SA, SO 10 – 14 Uhr