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rheinische ART 11/2020

KARL DER GROSSE

Der Listenreiche

 

Man könnte annehmen, zu dem bedeutendsten Herrscher aus dem Geschlecht der Karolinger sei im Wesentlichen alles erforscht, betrachtet, bewertet. Ein verblüffend neuartiges Bild der politischen Praxis des Frankenkönigs liefert eine Neuerscheinung des Greven Verlages.

 

Die Descriptio mancipiorum aus Marseille von 813/14. (Marseille; Archives départementales des Bouche-du-Rhȏne, 6 G1). Gestaffelte Liste auf einem etwa zwei Meter langen, vertikal zu entrollenden Rotulus aus Pergament. Bildquelle © Greven Verlag Köln 2020. S. Patzhold: Wie regierte Karl der Große? S. 25

 

Die Ausgangsfrage des 128 Seiten schmalen Essays des Tübinger Historikers und renommierten Mittelalterspezialisten Steffen Patzold lautete: Wie regierte Karl der Große?

 

Buchcover, Bildquelle © Greven Verlag Köln 2020

 

Drei Instrumente der Regierungstechnik beleuchtet der Verfasser pointiert und legt dar, wie der Herrscher um das Jahr 800 sein Reich in Mitteleuropa steuerte und kontrollierte: mit Gewalt, kontinuierlicher mündlicher wie schriftlicher Kommunikation mit Beratern und der Erfassung von Menschen, Dingen und Maßnahmen in Form von Listen.

     Was sich da auftut, ist im Grunde genommen eine Art „Buchführung“, unter anderem anhand von Inventaren, die sich der spätere Kaiser von seinen Amtsträgern etwa nach Aachen liefern lies.
     Sie erlaubten es ihm und seinen politischen Eliten, zu planen, zu gestalten und effektiv zu verwalten. Diese Listenpolitik diente der Vorbereitung von Kriegszügen, sicherte einen kontinuierlichen Blick auf die ökonomische Situation im Reich, verhinderte die „Entfremdung von Fiskalgütern“, oder bot Hilfe bei Hungersnöten und Missernten wie auch sichere finanzielle Unterstützung von Geistlichen etwa im Heiligen Land.

 

Gelistete Verzeichnisse – darunter auch die spezielle Art der „Kapitularien“ – wurden spätestens in den Jahren um 800 zu einem zentralen Instrument politischer Arbeit, waren „geradezu allgegenwärtig“ und das Werkzeug für Entscheidungen. Oder wie Autor Steffen Patzold es populär und ironisch mit einem Blick auf unsere Gegenwart formuliert: „Karl hätte Excel geliebt!“

     Denn diese Listen, so zeigen die zahlreichen Beispiele des Historikers, waren von schier unheimlicher Detailliertheit.

     Karl der Große und sein Hof wollten von den Untertanen genau wissen, „wie viele Tischdecken, Haselnüsse und Beile es auf den einzelnen Fiskalgütern zwischen den Pyrenäen und der Elbe gab.“

 

  

Capitulare de villis, in der Liste sind am Ende die Pflanzen verzeichnet, die im Garten eines Fiskalsgutes vorhanden sein sollten (Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, 254 Helmst. Fol.16r) Bildquelle © Greven Verlag Köln 2020. S. Patzhold: Wie regierte Karl der Große? S. 42

 

Amtsträger hatten systematisch und tabellarisch Ländereien und Besitztümer zu erfassen: Gebäude, Hausgeschosse, Raumanzahlen, Ausstattung, Handwerksgeräte, eingelagerte Erntemengen wie auch Viehbestände, Speckseiten, Würstchen und Schmalzmengen. Erfasst wurden ferner alle Männer von zwölf Jahren aufwärts, die dem Herrscher zwischen der Kanalküste und Rom den Treueid geschworen hatten.

     Es sei wegen der verlorenen Überlieferungen heute nicht mehr nachmessbar, wie weit dieser politische Anspruch auf Information und Management in der Praxis erfüllt wurde, resümiert der Autor.      Doch schon der Versuch, halb Europa derart kleinteilig zu erfassen und zu kontrollieren, sei jedoch staunenswert und liefere einen neuen – wie der Verlag betont – „frischen Blick“ auf die politische Praxis in der Karolingerzeit, auf die Herrschaft Karls und seiner „Magnaten“.

     Die interessante Publikation schließt mit der Frage. Was für eine Kriegsmaschinerie, was für einen Überwachungsstaat hätte wohl der „Vater Europas“ im Namen Gottes und der christlichen Moral geschaffen, wenn ihm nicht nur Tinte und Tierhaut zur Hand gewesen wären, sondern Excel und das Internet?
bra


 Professor Dr. Steffen Patzold (* 1972) hat Geschichte, Kunstgeschichte und Journalistik in Hamburg studiert. Seit 2007 lehrt er mittelalterliche Geschichte an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Seine Forschungsschwerpunkte sind das Früh- und Hochmittelalter.


Literaturhinweis:
Steffen Patzold: Wie regierte Karl der Große? Taschenbuch, 128 Seiten, Greven Verlag, Köln 2020, ISBN-10 : 3774309299; ISBN-13 : 978-3774309296. Preis 10 EUR

 

 

 



 

 

 

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