rheinische ART
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rheinische ART 03/2013

ARCHIV 2013

Zum 150. Geburtstag von Henry van de Velde

 

Apostel der ästhetischen Zukunft

 

Henry van de Velde in seinem Atelier in der Kunstgewerbeschule in Weimar, 1908, Fotografie: Louis Held, Weimar, Quelle Osthaus-Museum

 

So viel van de Velde gab es wohl noch nie. Europaweit wird an den Geburtstag des berühmten belgischen Designers, Malers und Architekten mit Ausstellung, Führungen, Projekten und Vorträgen erinnert - besonders intensiv in seinen langjährigen Wirkungsstätten in Thüringen und Sachsen. Im Rahmen eines van-de-Velde-Themenjahrs werden dort allein über 14 Ausstellungen geboten. Das Hagener Osthaus-Museum erinnert an den genialen „Alleskünstler“ und Ästheten mit der Schau „Henry van de Velde at home“. Im Rheinland eröffnete er 1914 die Werkbundausstellung in Köln.

 

Er gilt als großer Neuerer, als Überwinder alter Traditionen und mit seinem „Neuen Stil“ als Impulsgeber für eine ganze Generation von Kreativen. Sein Arbeitsfeld war Europa, sein schöpferisches Arbeitszentrum rund 15 Jahre lang das kulturschwere Weimar. Seiner Überzeugung blieb er ein Leben lang treu, und die lautete: Die Gestaltung eines Gegenstandes ist desto vollkommener, je exakter sie dessen Zweck entspricht. Dieses „vernunftsmäßige Gestalten“ - so der Flame über seine Arbeit - machte ihn zu einem der Vordenker des späteren Bauhauses.

 

Der Zeit voraus

 

Der in Antwerpen geborene Henry Clement van de Velde (1863-1957) war ausgebildeter Kunsthandwerker, Maler und Architekt. Er vertrat die Auffassung, dass eine in sich stimmige harmonische Umgebung mit „schönen“ Dingen den Menschen erheitere und ästhetisch wie moralisch erhöhe. Sein Beitrag hierzu waren Entwürfe funktionaler, zeitlos schöner und handwerklich hochwertiger Gegenstände - alle ohne überflüssigen Zierrat - für sämtliche Bereiche des täglichen Lebens.

   Und „sämtliche Bereiche“ ist hier tatsächlich wörtlich zu nehmen! Denn der Jubilar gestaltete derart viele Objekte, dass er als „Alleskönner“, „Alleskünstler“ oder Tausendsassa des Designs gilt: Möbel, Kleidung und Schuhe, Geschirr, Keramik, Metall- und Haushaltsartikel, Leuchtkörper, Schmuck, Wohnhäuser und Schulen, Bücher, Automobile, Schiffskabinen und Zugeinrichtungen. Auch das seit 1936 verwendete Logo der staatlichen Belgischen Eisenbahn SNCB, das markante B in einem liegenden Oval, stammt von ihm. Auf mehr als 10.000 realisierte Entwürfe wird heute sein kreatives Schaffen beziffert.

 

Henry van de Velde, Oberlicht im Haus Schulenburg in Gera, Foto: Jens Hauspurg © Klassik Stiftung Weimar

 

   Er gilt als einer der Hauptvertreter des Jugendstils, allerdings nicht in der floralen, verschnörkelten und verspielten Ausformung, wie sie etwa Wiener Zeitgenossen pflegten. Stilistisch sind seine Kreationen sachlich und nüchtern. Van de Velde selber verstand sich auch eher als „Prophet des Übergangs“ zu einem neuen modernen Stil. Er lehnte es ab, als Jugendstil-Architekt bezeichnet zu werden. „Es reicht! Die Zeit des Ornaments aus Ranken, Blüten und Weibern ist vorbei!“ Dieser Satz aus seinen Weimarer Jahren drückt aus, wie er sich und die Kunst seiner Zeit sah.

 

Weimarer Jahre

 

Der bereits erfolgreiche 37-Jährige zog 1900 von Belgien nach Berlin, dem größten Absatzmarkt seiner Ideen und Produkte. Ein Jahr später wurde er von Großherzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar zum künstlerischen Berater für Industrie und Handwerk nach Weimar berufen. Er gründete dort 1902 das Kunstgewerbliche Seminar, aus dem vier Jahre später die Sächsische Kunstgewerbeschule hervorging, für die er das Gebäude plante. Die Schule blieb bis 1913 seine Hauptwirkungsstätte. Auch das Ateliergebäude der Kunstschule Weimar vis-à-vis stammt von van de Velde.

Henry van de Velde, Haus Hohe Pappeln, Außenansicht, Foto: Jens Hauspurg, © Klassik Stiftung Weimar

 

   In seinen Weimarer Jahren entwarf er mehrere dem Jugendstil zugeordnete Häuser für private und öffentliche Auftraggeber aus dem In- und Ausland. So betraute ihn etwa der Hagener Kunstmäzen und Kulturreformer Karl Ernst Osthaus (mehr) mit der Innengestaltung seines privaten Folkwang-Museums (1902) und dem Bau seines Wohnhauses in Hohenhof (1908), das bis heute architekturgeschichtlich als eines der bedeutendsten europäischen Beispiele für ein Jugendstil-Gesamtkunstwerk „aus einem Guss“ gilt. Elegant, aber reduziert und rein funktional gestaltete van de Velde auch sein eigenes privates Landhaus „Hohe Pappeln“ in Weimar, heute ein Museum, und die Inneneinrichtung des Nietzsche-Archivs in der Villa Silberblick. Als ein Exponat der Sonderklasse gilt ferner die Villa des Geraer Textilfabrikanten Paul Schulenburg. Von 1913-1915 von van de Velde in Gera gebaut, zählt es nach jahrlanger Renovierung jetzt zu den schönsten Schmuckstücken des Meisterarchitekten und Gestalters.

 

Kölner Werkbundausstellung und Werkbund-Streit

 

Das Werkbundtheater van de Veldes in der Kölner Werkbundausstellung im Sommer 1914, Westansicht. „Der Zuschauerraum machte einen tempelartigen Eindruck. Er hatte etwas vom Ernst herber, buddhistischer Architektur. Die Farbklänge beruhten auf einer vom Amarantrot zu hellem Zinnober verlaufenden Skala. Die bewusst zurückhaltende dekorative Ausgestaltung erschien wie von dem Weihrauch und der Patina von Jahrhunderten gedämpft.“ Henry van de Velde in: Geschichte meines Lebens, München 1962, S. 356

Fotoquelle: Köln vor dem Krieg, Greven Verlag Köln 2013, Fotograf unbekannt

 

Im Winter 1913/14 wurde van de Velde vom Deutschen Werkbund, dessen Mitbegründer er war, mit dem Bau eines Sommertheaters für die Kölner Werkbundausstellung 1914 (Kunst in Handwerk, Industrie und Handel, Architektur) beauftragt. Die Schau auf dem Deutzer Rheinufer gegenüber dem Dom, dem heutigen Messegelände, beruhte auf einer Initiative des städtischen Beigeordneten Konrad Adenauer. Van de Velde plante und baute das Werkbundtheater mit einer dreiteiligen Bühne in rasantem Tempo. Das Gebäude zählt mit der Kunstgewerbeschule in Weimar und dem Kröller-Müller-Museum in Otterlo bei Arnheim (mehr) zu den architektonischen Hauptwerken des Künstlers. Henry van de Velde eröffnete die Werkbundausstellung am 14. Mai 1914, sie sollte der Öffentlichkeit einen Einblick in die zeitgenössische moderne Formgebung ermöglichen.

Plakat zur Werkbundausstellung 1914 nach einem Entwurf des Architekten Peter Behrens; Lithografie/Steindruck von A. Molling & Comp. KG, Hannover-Berlin

   Im Zuge der Ausstellung kam es zu dem in der Kunstgeschichte berühmten Werkbund-Streit. Henry van de Velde als Sprecher einer Interessengruppe um Karl Ernst Osthaus und der Preußische Staatsbeamte und Architekt Hermann Muthesius stritten in dieser emotional geladenen Theoriedebatte erbittert über den richtigen Weg zur Gebrauchsformgestaltung. Es ging im engeren Sinne um Handwerk contra standardisiertes Industriedesign und um die Frage, ob zur Steigerung des deutschen Exports die Industriegüter typisiert, also standardisiert, werden sollten. Diese Typisierung, eine von Muthesius schon lange mit zehn Thesen untermauerte Forderung, stieß bei vielen Künstlern auf Widerstand. Van de Velde formulierte als ihr Vormann in zehn Gegenthesen die Abneigung gegen eine serienmäßige Massenproduktion anstelle individueller Entwürfe und betonte, dass es Künstlern fernliege, „… die von ihnen gefundenen Formen oder Verzierungen anderen nunmehr als Typen aufzwingen zu wollen.“

   Wegen der Schließung der Kunstgewerbeschule 1915 und Anfeindungen als Ausländer verließ van de Velde Deutschland während des Ersten Weltkriegs. In der Nachkriegszeit nahm er eine Anstellung als Hausarchitekt bei dem Mäzenaten-Ehepaar Kröller-Müller in Den Haag an. 1925 berief ihn die Universität Gent zum Professor, zwei Jahre darauf gründete er in Brüssel die Designhochschule „La Cambre“. Nach dem Zweiten Weltkrieg als deutschfreundlich abgestempelt, emigriert der bekennende Sozialist und Pazifist 1947 in die Schweiz, wo er bis zu seinem Tode arbeitete.

 

Die Ausstellung in Hagen befasst sich mit der abgeschlossenen Restaurierung von rund 600 Glasnegativen aus dem Nachlass des Künstlers. Die sehr hochwertigen Negative stammen von einigen der wichtigsten Fotografen der Zeit. Der Bestand, der in Brüssel verwahrt wird, konnte dank einer großzügigen Spende der belgischen Stiftung InBev-Baillet Latour restauriert, digitalisiert und konserviert werden. Das Museum besitzt zahlreiche Werke van de Veldes wie etwa Möbel, Silber, Porzellan, Keramik und Buchgestaltung. Diese Werke werden zusammen mit Exponaten der Henry van de Velde-Gesellschaft im „Museum des Hagener Impulses“ im Hohenhof präsentiert. Die Foto-Ausstellung im Osthaus-Museum wird mit einigen ausgewählten Objekten beider Kollektionen ergänzt.

Klaus M. Martinetz

 

 

Die Ausstellung „Henry van de Velde at home “ war bis zum 21. April 2013 zu sehen.
Osthaus Museum Hagen
Museumsplatz 3
58095 Hagen
Tel. 02331 / 207 3138
Öffnungszeiten
DI, MI, FR 10.00 - 17.00 Uhr
DO 13.00 - 20.00 Uhr SA + SO 11.00 - 18.00 Uhr


Ausgewählte Veranstaltungstermine:

 

24. März – 22. Juni 2013
Leidenschaft, Funktion und Schönheit
Henry van de Veldes Beitrag zur europäischen Moderne
Klassik Stiftung Weimar, Neues Museum
Weimarplatz 5
99423 Weimar
Tel. +49(0) 3643 545-400
Öffnungszeiten
DI- SO 10-18 Uhr

 

19. März – 02. November 2013
Henry van de Velde und das Haus Schulenburg
Baugeschichte, Rekonstruktion
Haus Schulenburg
Straße des Friedens 120
07548 Gera
Tel. +49 (0) 365 826 410
Öffnungszeiten
MO-FR 10-16 Uhr
SA 14-18 Uhr

 

 

 

 

 

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