rheinische ART
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rheinische ART 11/2013

Archiv 2013

EINE SCHWELGERISCHE REISE DURCH

Italiens Caffè-Bars

 

Walter Vogel, Künstler, Fotograf, Reporter, hat eine hinreißende Bilderreise in ein Fotobuch gebracht. Seine Caffè-Bilder sind eine einzige Liebeserklärung an die italienische Lebenskultur der Caffè-Bars, souffliert von Worten, die nur ein intimer Kenner wie Walter Vogel finden kann.

 

Walter Vogel, Caffè San Carlo in Turin 

 

Walter Vogel, 2012 mit dem Düsseldorfer Kunstpreis der Künstler geehrt (mehr), ist verflochten mit dem Getränk in der kleinen Tasse, ein „Espresso-Fixierter“, wie er sich hintersinnig selbst nennt. Damit dürfte er nicht übertreiben, denn das Foto eines Espressogedecks schmückt selbst seine Visitenkarte. Seine Begeisterung für das braune, heiße Getränk entstand Anfang der 1970er Jahre, als er viel Zeit auf Reisen verbrachte. Sein Blick auf die Caffè-Hausgeschichten ist also ein längerer, denn als Fotograf hielt er viele der damaligen Szenen, die heute den Fotoband so berückend bereichern, fest. Seine letzte längere Reise nach Italien 2012 war ebenfalls Espresso-motiviert und die Fotografien jüngeren Datums reihen sich unmerklich ein in die Bilderepen der Caffè-Bars.

 

Walter Vogel, Caffè-Pasticceria Cavour in Bergamo Alta

Die Fotografien halten Augenblicke fest, in denen die Zeit stillsteht und fangen das Leben und belebte Ambiente in den Bars unverfälscht und unverwechselbar ein. Eben das wahre Dolce Vita. Vogel reiste quer durch Italien. Natürlich beginnt seine Bilderreise im Norden, „Zona dell nord“, und führt von Mailand und Turin über Genua „von der Nacht in den Tag der Sonne entgegen“. „Wer ein Kontrastprogramm zu Turin sucht“, so schreibt er, „der ist in Genua gut aufgehoben. Schroffer, steiler, enger, tiefe Schatten, grelles Sonnenlicht ... Unerhörte Bausubstanzen ... exotische Gesellschaft.“
      Überall fängt Vogel das pralle italienische Lebensgefühl ein. In Mittelitalien, der „Zona media“, findet er zu zahlreichen, eher ländlichen Orten, die bezaubernd, aber - verglichen mit den Kulturmetropolen Florenz, Pisa und natürlich Rom, der ewigen Stadt - weniger prominent sind. Dabei sind Städte wie Perugia, Siena, Orvieto oder L'Aquila sehenswert und das italienische Leben kennt hier eine Atempause mehr als in den quirligen Metropolen. Die nutzte auch Walter Vogel und machte Aufnahmen von den malerischen Wasserfällen bei Marmore, dem Friedhof wie einer Barbierstube in Fermo, den 99 Fontänen in L'Aquila oder der Pilgerstätte in Assisi. Und natürlich fotografierte er immer wieder die Caffè-Bars, die in ihrer Ausstattung, der Vertäfelung, den Deckenfresken, mit den schweren silbernen Zuckerdosen auf den massiven Theken, die Aura ihrer kulturellen Umgebung widerspiegeln.

 

Walter Vogel, Caffè Camparino, in der Galleria in Mailand


 

Walter Vogel, Antico Caffè Greco, Rom, Chef-Camiere Nicola

 

Das Caffè Greco in Rom bezeichnet der Autor als eine „Kultstätte des caffè“, ein Ort, der zum Ende des 19. Jahrhunderts Treffpunkt der Künstler war und der 1953 vom Kulturministerium zu einem „Monument von historischem und nationalem Interesse“ erklärt wurde. Hier gibt sich der Autor Vogel ganz als poetischer Chronist einer vielleicht verschwindenden Caffè-Bar-Kultur Italiens.
      Und dann natürlich Süditalien, das selbst Vogel als „Niemandsland der Caffè-Bars“ bezeichnet. Fast wehmütig lässt er in der Besprechung Neapels das Erlebte vergangener Jahrzehnte Revue passieren und erinnert sich an die Zeit, als „für wenige Lira die Grappa randvoll für den großen Schluck serviert wurde, ebenso wie eine so einfache wie vom Geschmack großartige Pizza Margherita mit dickem Teig und hohem Rand, damit die in Olivenöl gebadeten Kräuter und Tomaten nicht wegschwimmen.“
      Hier findet der Fotograf weniger komfortable Bars vor, reduziert auf das Notwendige, vielleicht Wesentliche. Weniger prunkvoll und luxuriös, meist bescheidener in der Ausstattung, erzielt aber der Caffè die gleiche belebende Wirkung beim Genießer und schmeckt ebenso gut. Die Caffè-Andacht ist auch im südlichen Italien Teil des Lebenszyklus und noch mehr. Vogels persönliches Finale in Palermo ist denn auch geprägt durch die erlebte Heiterkeit und Gelassenheit auf den Märkten der Stadt, er scheut den Profanbegriff „buntes Treiben“ nicht, schwärmt von den verlockenden und konstatiert weniger angenehme Gerüche, sieht die Stadt zwischen Bombast und Kleinklein, Morbidität und Quellfrische – und ging auch spätnachts in den Gassen der Altstadt spazieren.

 

Walter Vogel, Bar im Hotel Vesuvio, Neapel. Das Hotel war Sterbestätte des Enrico Caruso


Und woran erkennt man nun einen guten Caffè? Auf seinen Reisen verlässt sich der Fotograf ganz auf seine Sinne. Riechen und Sehen sind vor dem Schmecken wesentlich. Der Duft einer Kaffeerösterei ist ein Indiz wie der Blick in die gebrauchten Espressotassen, wo der verbliebene schaumige Rest dem Kenner Vogel eine Spitzenqualität signalisiert oder eben nicht.

 

Walter Vogel, Espresso

Ein Besuch bei Walter Vogel in seinem Düsseldorfer Atelier geht immer mit dem Angebot eines Espresso einher. „ Bevor wir anfangen, genießen Sie den erst einmal, vergessen Sie alles um sich herum.“ Nun, das ist nicht ganz einfach, was fehlt ist die launige Atmosphäre einer Bar, das laute Klimpern der Sammlung Löffel im Glas, das Zischen des heißen Dampfes der Espressomaschine, das Stimmgewirr ... nur das genießerische Prozedere ist dasselbe, und das wirkt.

 

 Walter Vogel, geboren 1932 in Düsseldorf. Er fotografierte und publizierte bereits in den fünfziger Jahren, zunächst neben seiner Arbeit als Ingenieur. 1963 entschloss er sich, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen und begann eine Ausbildung bei Otto Steinert an der Folkwangschule in Essen. Heute gilt er als einer der bedeutendsten deutschen Reportagefotografen. Darüber hinaus bekannt wurden seine Porträtreihen von Künstlern wie Pina Bausch und Joseph Beuys.
Irmgard Ruhs-Woitschützke

 

Walter Vogel
Caffè all'italiana
Mit ca. 300 Abbildungen
Köln, Emons-Verlag 2013, ISBN 978-3-95451-233-1
232 Seiten, € 42,-

 

©Fotos Walter Vogel

 

 

 

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