rheinische ART
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rheinische ART 12/2014

Archiv 2014

LUDWIG GOES POP
Tomatensuppe und nackte Haut

 

Sie war Ausdruck eines neuen, modernen Lebensgefühls – und ein Skandal. Wie eine künstlerische Aufwallung jagte die amerikanische Populärkultur in den Sechzigerjahren um die Welt, setzte neue Maßstäbe, in dem sie alles erdenkliche als Kunst zuließ. Pop-Art war so etwas wie eine radikal marktwirtschaftlich orientierte neue Kunstrichtung.

 

 

 

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Mel Ramos Hippopotamus, 1967, 180 x 247 cm, Öl auf Leinwand, Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen © VG Bild-Kunst, Bonn 2014 Foto: Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen / Anne Gold

 

Alles, selbst noch das Alltäglichste, konnte damals zu Kunst werden. Grellbunte Plakate aus der Konsum- und Werbewelt, Suppendosen, Pin Ups, Zeitungsschnippel, Bierdosen, Comics wie auch Motive aus Technik, Wissenschaft, Erotik oder Massenmedien und dies in allen Varianten: hu­mor­voll-ironisch, witzig, frech, bis­sig oder kri­tisch. Als rüde Reklame-Kunst wenig geschätzt, war sie anfangs der 60er-Jahre preisgünstig zu haben. Das änderte sich in drei Folgejahren rapide.

 

Andy Warhol Portrait of Peter Ludwig, 1980, Siebdruck auf Leinwand, 105 x 105 cm, Museum Ludwig, Köln © 2014 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Artists Rights Society (ARS), New York Foto: Rheinisches Bildarchiv

 

 

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Andy Warhol Close Cover before Striking (Pepsi Cola), 1962, 183 x 137 cm, Acryl, Sandpapier auf Leinwand, Museum Ludwig, Köln, © 2014 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Artists Rights Society (ARS), New York Foto: Rheinisches Bildarchiv 

 

Banales in Primärfarben Das Kölner Museum Ludwig erinnert mit seiner opulenten, ja man möchte fast sagen phantastischen Schau „Ludwig Goes Pop“ an die Blütezeit dieses einzigartigen Kunstphänomens. Über 75.000 Besucher sahen bereits die Exponate. Es ist eine Ausstellung mit dem Status Weltklasse, wie sie selbst im Ursprungsland der Pop-Art nicht zu sehen ist!
     Bekanntlich verfügt das Museum dank des Aachener Sammler-Ehepaares Peter und Irene Lud­wig (mehr) über eine der in­ter­na­tio­n­al be­deu­tend­sten Kollektionen amerikanisch­er Pop Art. Mit der jetzigen Präsentation führt es er­st­mals rund 150 zen­trale Werke führen­der Pop-Art-Ikonen wie Lichtenstein (mehr), Warhol, Hockney (mehr), Rauschenberg & Co. aus so gut wie allen Ludwig-Häusern (mehr) zusam­men und breit­et so das his­torische Bild ein­er Pri­vat­samm­lung von Weltrang aus.

 

Spätzündung Der Schokoladenfabrikant Peter Ludwig (1925-1996) kam Mitte der 60er-Jahre mit der neuen Kunstform in Berührung. Das war im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA), wo der promovierte Kunsthistoriker mit einer Gips-Skulptur von George Segal konfrontiert wurde.

     Schockiert soll er gewesen sein und das vernichtende Urteil „abstoßend“ gefällt haben. Dann setzte das ein, was man gemeinhin als Spätzündung kennt. Ludwig, damals 43 Jahre alt, prophezeite, so zitierte ihn der SPIEGEL 1969: „In fünf Jahren wird kein Museumsdirektor mehr Ruhe haben, wenn er nicht ein paar von diesen Dingen hängen hat.“ Eine wahrlich visionäre Sicht.


Pop-Art-Elite Diese „Dinge“ waren jene kapitalen Werke der Pop-Protagonisten, die von den Ludwigs kurz darauf wie im Rausch und für viel Geld gekauft und zusammengestellt wurden. Tom Wes­sel­manns Gemälde Land­s­cape No. 4, das ei­nen vor einer Bergkulisse auf einer Landstraße fahren­den Ford zeigt, war ein­er der er­sten Ankäufe; es fol­gten Schlüs­sel­w­erke von Roy Licht­en­stein, James Rosen­quist, Robert Rauschen­berg und Jasper Johns.

 

 

 

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Tom Wesselmann Landscape No. 4, 1965, 129 x 159 cm, Acryl auf Hartfaserplatte, Ludwig Museum – Museum of Contemporary Art, Budapest © The Estate of Tom Wesselmann/VG Bild-Kunst, Bonn 2014 Foto: József Rosta, Ludwig Museum – Museum of Contemporary Art, Budapest


Kurator Stephan Diedrich sieht mehrere Gründe für den radikalen, wenngleich auch späten Sinneswandel des kunstaffinen Süßwaren-Industriellen. Denn die Pop-Art hatte gegen Ende der 60er ihren Höhepunkt in den USA bereits längst überschritten. Einer sei in dem befreundeten Wallraf-Restaurator Wolfgang Hahn zu sehen, der selbst moderne Kunst sammelte und Rat erteilte. Ein anderer, so Diedrich, dürfte darin gesehen werden, dass „auch die Verbindung künstlerischer Strategien mit Phänomenen des Marktes und des Kommerz ... dem Geschäftsmann durchaus sympathisch gewesen seien.“

 

 

LUDWIG GOES POP Installationsansicht, Foto: Rheinisches Bildarchiv, Köln, Britta Schlier


Was auch immer das wahre Kalkül der beiden Kunstmäzene gewesen sein mag, sie kauften auf Teufel komm raus, was Markt und Künstler hergaben und komplettierten ihre Kollektion durch Erwerbe direkt aus den Ateliers oder aus Galerien und Sammlungen. Wichtige Arbeiten wech­sel­ten etwa aus der renom­mierten New York­er Scull Collection und führen­den Ga­le­rien wie Leo Castel­li, Sid­ney Ja­nis und Ilea­na Sonn­abend zu Lud­wig; einige erwarben die Eheleute aus dem Be­sitz des Darmstädter Shampoo-Fab­rikan­ten und Kunstförderer Karl Ströher (Wella), der den Pop-Art-Nachlass des New York­er Assekuranz-Mak­lers Leon Kraushar fast handstreichartig angekauft hatte. Schon 1968, nach der von Pop-Art dominierten Kasseler „doc­u­men­ta 4“, orderten die Lud­wigs Werke unmittelbar aus der Ausstel­lung wie M-Maybe – A Girl’s Pic­ture von Roy Licht­en­stein, Claes Ol­d­en­burgs Soft Wash­s­tand, Robert Rauschen­bergs Wall Street oder Ge­orge Se­gals Res­tau­rant Win­dow I.

 

 

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Richard Lindner Leopard Lilly, 1966, 177,8 x 152,4 cm, Öl auf Leinwand, Museum Ludwig, Köln, © VG Bild-Kunst, Bonn 2014 Foto: Rheinisches Bildarchiv

 

Kunst-Mekka Köln Ein Jahr später zeigten sie ihre Schätze dann er­st­mals in Köln im beengten Wall­raf-Richartz-Mu­se­um. Eine Sensation! Stefan Lochners ehrwürdige Madonna im Rosenhag von 1450 hing da nicht weit von Richard Lindners Leopard Lilly von 1966 - Me­di­en und Öf­fentlichkeit reagierten en­thu­siastisch. Es war der endgültige Durchbruch der Pop-Art in Deutschland und der Aufschwung Kölns zu einem Mekka der zeitgenössischen Kunst. Rund 200.000 Men­schen - ein grandioser Erfolg - sa­hen diese Ausstel­lung.

     „Die Pop Art wurde in der Folge zur Erkennungsmelodie des Mu­se­um Lud­wig Köln“, so vermerkt das Haus heute. Die ZEIT feierte damals die Schau „Kunst der sechziger Jahre – Sammlung Ludwig“ als einen neuen Sammelstil und sah in den Mäzenen einen ganz neuen „...Typ des Privatsammlers, der auf persönlichen Besitz keinen Wert legt, der für die Allgemeinheit arbeitet und eine Funktion übernimmt, die eigentlich dem Museum zukommt.“

     Zu den Pop-Art-Ikonen der Ludwig-Sammlung gehören unter anderem auch durch den sogenannten Warhol-Verkaufsskandal (mehr) bekannte Werke aus der Elvis -und Marlon-Serie. „Ich hab' noch kein Bild wieder abgestoßen und hab's nicht vor", ließ der große Sammler Peter Ludwig einst verlauten. Das ist heute zwischen Rhein und Ruhr bekanntlich anders.

 

► Die Ausstellung konzentriert sich ausschließlich auf die Entstehungs- und Blütezeit der amerikanischen Pop-Art. Es werden Werke US-amerikanischer und britischer Künstler aus dem Zeitraum 1950 bis 1970 präsentiert.

► Der Wert der in Köln zu sehenden Werke ist auch nicht annähernd einzuschätzen. Eine Übersicht mit Hochrechnungen einzelner Pop-Aktivisten sowie deren jüngste Auktionsergebnisse bietet das HANDELSBLATT in einem lesenswerten Artikel vom 28.11.2014 (Großes Herz und dicke Börse).

 

Claus P. Woitschützke

 

Die Ausstellung "LUDWIG GOES POP" wird bis zum 11. Januar 2015 gezeigt.
Museum Ludwig

Hein­rich-Böll-Platz
50667 Köln
Tele­fon 0221 / 221 26165

Öffnungszeiten
DI – SO 10-18 Uhr

Sonderöffnungszeiten LUDWIG GOES POP jeden Donnerstag bis 20 Uhr

 

 

 


 

 

 

 

 

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