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rheinische ART 05/2014

Archiv 2014

ALS DER KRIEG DIE ÄSTHETIK VERTRIEB
100 Jahre Werkbundausstellung Köln

 

Rund drei Monate dauerte die einzigartige Schau, dann war alles vorbei - vorzeitig. Die "Deutsche Werkbundausstellung Cöln 1914", am 15. Mai des Jahres eröffnet, hatte in der kurzen Zeit rund eine Million Besucher angelockt. Mit der deutschen Kriegserklärung zum 1. August wurde die bis Oktober geplante Präsentation moderner Gestaltung und Architektur aber geschlossen.

 

Fast nichts ist von ihr noch zu finden und in Köln wird auch im Jubiläumsjahr 2014 kaum etwas an diese Schau erinnern. Für die damaligen Aussteller war sie übrigens ein finanzielles Desaster.

 

Sorgte mit seinem kaleidoskopischen Märchenzauber für Aufsehen: Der Glaspavillon des Architekten Bruno Taut auf der Werkbund-Ausstellung. Der Pavillon war ein vierzehnseitiges Prisma mit leicht zugespitzter Kuppel aus Glas und Eisenbeton. Illuminiertes Modell von Arno Ebner, 2005,  Fotoquelle: Institut Mathildenhöhe, Darmstadt

 

Heute würde man sagen, es war eine Schau der Superlative. Auf der rechten Rheinseite vis-à-vis der Stadtsilhouette mit Dom, reihten sich 80 moderne Wohn- und Industriegebäude aneinander. Darunter eine Mustersiedlung namens „Neues Niederrheinisches Dorf“, ferner eine Ladenstraße fürs Flanieren, ein Vergnügungspark und allerlei Folkloristisches, vom Restaurant bis zur Weinstube. Fast eine Volksfest-Ausstattung, jedoch eingerahmt von Werken der zeitgenössischen Architektur-Elite.

 

Plakat der Werkbundausstellung 1914

Die Fusion von Kunst und Industrie sollte die Lebenswelt reformieren.

Fotoquelle: LVR Katalogbuch,

1914 Mitten in Europa, Essen 2014

 

Was der Besucher auf der gut 200.000 Quadratmeter großen Fläche vorfand, war im eigentlichen Sinne eine Generalschau zum neuesten Stand von Architektur, Stadtplanung und Produktgestaltung. Der Preussische Geheimrat, Baumeister und Mitinitiator Hermann Muthesius formulierte griffig: Vom Sofakissen bis zum Städtebau sollten alle Formen der neuen Gestaltung in neuem Glanz erscheinen. Es war, wie es der heutige Deutsche Werkbund Nordrhein Westfalen zum Festdatum charakterisiert, eine der aufschlussreichsten Gesamtschauen am Vorabend der Moderne, die den Weg zu einer neuen Ästhetik frei von erstarrten Historienmustern des 19. Jahrhunderts bereiten sollte.

 

Die Stadt Köln, die damals großes Interesse an diesem „kulturellen Jahrhundertereignis“ hatte, förderte die Schau mit Personal, Administration und fünf Millionen Reichsmark. Eine ungeheure Summe, denn der Finanzierungsetat betrug damit das Fünffache der Brüsseler Weltausstellung vier Jahre zuvor.
     Eines der Hauptthemen dieser ersten großen Werkbund-Ausstellung war die „Versachlichung“. Keine gründerzeitliche Dekoration und keinen „aufdringlichen Ausstellungszauber, der noch Brüssel 1910 beherrschte“ wollten die Kreativen zeigen, sondern neue gestalterische Wege. Und so boten die Designer, Handwerker, Künstler, Industriellen und Architekten erstmals einer breiten Bevölkerungsschicht eine revolutionäre Ästhetik, die die Kreativszene der nächsten Jahrzehnte prägen sollte.
     Die Vorbereitung der Ausstellung hatte nur zwei Jahre in Anspruch genommen, namhafte Förderer und Organisatoren trieben die Arbeiten voran. So Kölns Oberbürgermeister Max Wallraf, der Hagener Unternehmer, Kunstmäzen und Hauptinitiator Karl Ernst Osthaus (mehr), Kölns Baudezernent Carl Rehorst und der stellvertretende Bürgermeister Konrad Adenauer (mehr), damals 36 Jahre alt.


Der Deutsche Werkbund e.V. (DWB) war am 6. Oktober 1907 in München als wirtschaftskulturelle „Vereinigung von Künstlern, Architekten, Unternehmern und Sachverständigen“ gegründet worden. Sein Ziel war rein ökonomisch: Förderung und Herstellung neuer hochwertiger Produkte, wobei die "Maschine als Helfer zur Qualitätsleistung" eingesetzt werden solle, wie der belgische Architekt Herny van de Velde betonte. Letztendlich war der Verein bestrebt, deutsche Erzeugnisse auf den Weltmärkten als exzellente Qualitätswaren zu etablieren. Dies war in der Tat von Nöten, denn das Image von Billigwaren aus deutschen Fabriken war zeitweise alles andere als gut. Als Vorbild des deutschen Werkbund-Vereins gilt die britische Arts and Crafts-Bewegung, die eine Vereinigung von Kunsthandwerk und Kunst anstrebte.
     Für die deutschen kreativen Köpfe stand die Suche nach einer neuen Formgebung im Vordergrund. Zweck, Material und Konstruktion sollten die Form bestimmen, auch bekannt als „Form follows function“, die von den Werkbundvertretern als „Sachlichkeit“ definiert wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde diese progressive Stilrichtung unter dem Topos der „Neuen Sachlichkeit“ erneut ein Thema.
     Während der Kölner Ausstellung kam es zu der berühmten Grundsatzdiskussion über Qualitätssicherung zwischen Henry van de Velde (mehr) und Hermann Muthesius. Van de Velde verteidigte in diesem sogenannten „Werkbund-Streit“ die individuelle, handwerkliche Formgebung, während Muthesius eine weitreichende Typisierung unter Einbeziehung maschineller Serienleistung befürwortet.

 

Architektur Die Ausstellung war enorm facettenreich. Neben der modernen Ästhetik für Alltagsprodukte und dem Kunstgewerbe waren vor allem die zukunftsweisenden Bauten auf dem Gelände die Glanzlichter. An drei Gebäude sei an dieser Stelle erinnert.

 

Schon vor seiner Errichtung umstritten: das Werkbund-Theater von Henry van de Velde. Sein Widersacher Hermann Muthesius favorisierte dagegen ein Kino auf dem Ausstellungsgelände, konnte sich aber nicht durchsetzen. Fotoquelle: Köln vor dem Krieg, Gehlen Verlag Köln 2013, Fotograf unbekannt

 

Werkbund-Theater Die moderne, skulpturale Konstruktion mit Stahlbetonskelett, die noch Elemente des Jugendstils aufwies, war ein Entwurf von Henry van de Velde. Er bezeichnete das im Inneren extrem variable Theatergebäude später selbst als ein Objekt, „das zusammen mit dem von Walter Gropius auf der Kölner Ausstellung errichteten Fabrikgebäude einen Meilenstein in der Entwicklung der von belgischen, holländischen, französischen und deutschen Vorkämpfern geschaffenen Neuen Architektur.“ Das Werkbund-Theater wurde während der Kriegsjahre zweckentfremdet und 1920 abgerissen. Nichts erinnert mehr heute an diese architektonische Meisterleistung.

 

Tannenzapfen aus Glas? Tauts visionärer Kuppelbau war ein Beispiel für neue Baumaterialien. Fotoquelle: Köln vor dem Krieg, Gehlen Verlag Köln 2013; Fotograf unbekannt

Glashaus Ein ähnliches Schicksal erlitt das legendäre, bewunderte, aber auch verspottete und verlachte avantgardistische Glashaus des Architekten Bruno Taut. Die undurchsichtige Kristall-Architektur war kreisrund, das Baugerippe ermöglichte es, Tageslicht an jeder Stelle des Kuppel-Raumes wirken zu lassen. Abends wurde es von innen beleuchtet und wirkte wie ein strahlender Kristall in vielen Farben. Die Illumination stellte die Firma Osram. Im engeren Sinne war das Glashaus ein Werbegebäude für die deutsche Glasindustrie. Es wurde mit Unterstützung des Luxfer-Prismen-Syndikats, Berlin, errichtet, das für seine Glasbausteine - die im Pavillon selbst zu Treppen verbaut waren - bekannt war und dass die Kuppelverglasung ausführte. Taut widmete das Haus dem Dichter und Fantasie-Schriftsteller Paul Scheerbart, einem seiner Inspiratoren. Das einzigartige Exponat stand noch bis 1922 als Stahlgerippe ohne Glas zwischen den Abbruchresten der Werkbund-Ausstellung. Taut musste es schließlich auf eigene Kosten abreißen.

 

Zweckbestimmte und dennoch ästhetische Industriearchitektur. Die Musterfabrik von Walter Gropius war ihrer Zeit voraus. Auf der Ausstellung wurde in ihr allerdings nichts produziert. Fotoquelle: LVR Katalogbuch, 1914 Mitten in Europa, Essen 2014

 

Musterfabrik Als Vorreiter der heute populären gläsernen Manufakturen können die Baumeister Walter Gropius und Adolf Meyer gesehen werden. Mit ihrem Industriebau, der lichtdurchflutete und luftige Werkshallen und vollverglaste Treppentürme als markante Merkmale aufwies, nahmen sie die Gestaltung zukünftiger Produktionsstätten vorweg. Das Expositionsgebäude „ Musterfabrik“ sollte ursprünglich vom späteren Werkbund-Vorsitzenden und renommierten Architekten Hans Poelzig (mehr) gebaut werden, der jedoch seine Pläne zurückgezogen hatte. Der Gropius-Meyer-Bau bestach ebenfalls durch die innovative Verwendung von Glas und Eisenbeton sowie durch die strickte Trennung von Büro- und Werkmaschinenräumen, und damit von verwaltungstechnischer und industriell-maschineller Arbeit.


Klaus M. Martinetz


 

 

 

 

 

 

 


 

 

  

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