rheinische ART
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rheinische ART 04/2017

ERNST LUDWIG KIRCHNER

Nervöse Stadt und ruhiges Land


Wenn der Erfolg ausbleibt, kann ein Ortswechsel hilfreich sein. So geschehen bei Ernst Ludwig Kirchner, als er sich 1911 entschloss, von Dresden nach Berlin zu ziehen.


 

Ernst Ludwig Kirchner Straße am Stadtpark Schöneberg, 1912/13 Öl auf Leinwand, 121 × 151 cm, Milwaukee Art Museum, Gift of Mrs. Harry Lynde Bradley Foto: Larry Sanders © Kunsthaus Zürich 2017

 

Berlin! Das war seinerzeit zwar nicht der Nabel der Welt, wohl der von Europa.

     Die explodierende Metropole zählte zwei Millionen Einwohner, galt als die modernste Großstadt des Kontinents aber auch als dessen größte Mietskasernen-Ansammlung. Eine Kapitale im Umbruch, dynamisch, fortschrittlich, technisch innovativ, industriell rasend schnell wachsend, impulsiv mit unendlichen Chancen für alles und alle, aber auch ein urbaner Moloch mit enormen Risiken, der Vereinsamung, Entfremdung und brutalen Lebenskampf förderte. Gleichzeitig war die Reichshauptstadt ein Zentrum der Künste, der Vergnügungskultur und Prostitution.

 

Ernst Ludwig Kirchner Straßenbahn und Eisenbahn, 1914 Öl auf Leinwand, 71 x 81 cm Die Lübecker Museen, Museum Behnhaus Drägerhaus © Kunsthaus Zürich 2017

 

Ernst Ludwig Kirchner Die Straße, 1913 Öl auf Leinwand, 120,5 × 91 cm The Museum of Modern Art, New York, purchase, 1939 Foto © 2017 Digital image, The Museum of Modern Art/Scala Florence © Kunsthaus Zürich 2017

 

Für den jungen Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) war der Ortswechsel nach Berlin ein Wendepunkt in der Karriere. Daran erinnert derzeit eine fulminante Ausstellung im Zürcher Kunsthaus. Hundert Jahre nach Kirchners Umzug in die Schweiz widmet das Museum dem großen Expressionisten nun diese auf die Berliner Jahre (1911–1917) fokussierte Exposition.


Die rund 160 Werke umfassende Präsentation trägt den schönen Titel „Grossstadtrausch / Naturidyll. Kirchner - Die Berliner Jahre“. Sie lässt den Besucher eintauchen in die hochinteressante sechsjährige Schaffensphase des Künstlers, die er als expressiver, junger Wilder in der Boomtown an der Spree verbrachte.

     In den Fokus gerückt wird dabei das Spannungsverhältnis zwischen seinem städtischen Leben und den Sommerfrischen auf der beschaulichen Ostseeinsel Fehmarn, die er dort von 1912 bis 1914 verbrachte. Beide Orte der Inspiration könnten nicht gegensätzlicher sein, betonen die Zürcher Kuratoren, doch zeugen die damals entstandenen Werke vom Streben des Malers nach einem Leben außerhalb der bürgerlichen Normen und nach einer neuen, „ursprünglichen Ausdrucksform“.

     Innerhalb der sechs Jahre schuf der junge Kirchner Werke, die das Lebensgefühl eines völlig neuen Zeitalters, nämlich des 20. Jahrhunderts, abbildeten und dies in einer Manier, die ohne Vorbild war. In den Dreißigerjahren, als er bereits lange in der Schweiz lebte, bemerkte Kirchner rückblickend, seine Arbeit sei damals „eine Malerei der Bewegung“ gewesen.

     Ein Paradebeispiel von Kirchners elektrisierenden Straßenbildern ist das Gemälde „Die Straße“ (1913), eine Leihgabe aus dem Museum of Modern Art, New York. Es ist ebenso in der Schweizer Ausstellung zu sehen wie die doppelseitig bemalte Leinwand „Zwei Frauen auf der Straße“ (recto)/ „Zwei Badende in Wellen“ (verso) aus der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf.

 

Ernst Ludwig Kirchner Zirkus, 1913 Öl auf Leinwand, 120 × 100 cm Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München, Pinakothek der Moderne Foto: bpk/ Bayerische Staatsgemäldesammlungen/ Sybille Forster © Kunsthaus Zürich 2017

 

Ernst Ludwig Kirchner Mexikobucht auf Fehmarn, 1912 Öl auf Leinwand, 50,5 × 50,5 cm, Privatsammlung Deutschland © Kunsthaus Zürich 2017

 

Ernst Ludwig Kirchner Drei Badende, 1913 Öl auf Leinwand, 197,5 × 147,5 cm, Collection: Art Gallery of New South Wales, Sydney, Foundation Purchase 1984, Foto: AGNSW © Kunsthaus Zürich 2017

 

Ernst Ludwig Kirchner Selbstbildnis im Morphiumrausch, 1917 Rohrfeder, Tinte auf Kreidegrundpapier, 50 × 38 cm Brücke-Museum, Berlin © Kunsthaus Zürich 2017

 

Die Motive von Kirchners „Berliner Jahren“: mondäne und elegante Passanten im Großstadtflair, die ersten Kraftfahrzeuge, Fabrikanlagen, moderne urbane Erschließungen durch Straßen, Dämme, Schneisen, Bahnanlagen, daneben auch gesellschaftliche Treffpunkte wie Cafés, Variétés, Zirkusmanegen und das Milieu der Bordelle, Straßenstrichs und Hinterhöfe. Beobachtungen eines Künstlers, der auf einem schmalen Grad am Rande der Stadtgesellschaft balancierte. Aus seinem Widerwillen gegen die Stadt machte er allerdings keinen Hehl. Seinem Hamburger Mäzen Gustav Schiefler schrieb er 1912: "Es ist schrecklich ordinär hier..."

 

Fern der Großstadt Berlin bevorzugte Kirchner in den Sommern der Jahre 1912 bis 1914 ein Leben ohne Konventionen auf der Ostseeinsel Fehmarn, die er bereits von einem früheren Besuch kannte.

     Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Erna Schilling, einer Nachtklubtänzerin, die ihm Modell stand, und einigen Malerkollegen praktizierte er dort Naturverbundenheit und eine ungehemmte Lebenslust, offenbar ohne Tabus. In dieser Idylle entstand 1912 das lange vermisste, jüngst wieder aufgetauchte und in Privatbesitz befindliche quadratische Gemälde „Mexikobucht auf Fehmarn“.

     Und auch das berühmte Gemälde „Drei Badende“ von 1913, im Bestand der Art Gallery of New South Wales (Sydney), legt von der Verbundenheit mit der Natur Zeugnis ab.

     Kalt-Warm-Kontraste, gedämpfte bis kräftige Farben und dynamische Formen sind Ausdruck dieses Hochgefühls im Einklang mit der Natur.

 

Das Sarajewo-Attentat beendet im Sommer 2014 die Fehmarn-Idylle. Der Mitbegründer der Künstlergruppe „Brücke“ stürzte nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, den er kurzzeitig als freiwilliger Frontsoldat erlebte, 1915 in eine psychische und physische Krise.

     Berühmt sein expressionistisches Gemälde „Selbstbildnis als Soldat“ (1915), in dem er den Albtraum der Verstümmelung thematisierte: Rauchend, den rechten Arm mit blutigem Stumpf erhoben (mehr). Alkohol- und Medikamentenmissbrauch bedrohten zunehmend seine künstlerische Identität und nach mehreren Aufenthalten in Sanatorien siedelte er 1918 schließlich endgültig in die Schweiz um, wo er bis zu seinem Freitod 1938 in den Davoser Bergen lebte. Vier Deutschlandreisen unternahm der Maler noch. Im Februar 1926 beklagte er bei einem Berlinbesuch die nachkriegsbedingte Verarmung der Stadt. "Das schöne farbige Straßenbild ... ist fast ganz verschwunden, auch die schönen großen Gestalten sind fort." Berlin sein unruhig und "sehr öde und beschissen wie immer". Neben Gemälden, Zeichnungen, Druckgrafiken, Skizzenbüchern und Fotografien aus Kirchners Zeit in Berlin zeigt das Kunsthaus Zürich ferner eine repräsentative Auswahl seiner frühen Arbeiten aus Dresden sowie erste Gemälde, die in Davos entstanden sind.

Klaus M. Martinetz


Zur Erinnerung: Das Kunsthaus Zürich zeigte Werke von Ernst Ludwig Kirchner erstmals in einer Gruppenausstellung im Jahre 1918, aus der damals zwei Holzschnitte erworben wurden. Projekte von großen Einzelausstellungen kamen 1926 und 1936 nicht zustande. Nach Kirchners Tod folgten monografische Ausstellungen (1952 und1954) sowie 1980 die bis heute größte Retrospektive auf den Expressionisten.

Die Ausstellung „Grossstadtrausch – Naturidyll. Kirchner – Die Berliner Jahre“ wird bis zum 7. Mai 2017 gezeigt. (Verlängert bis 21.05.2017)
Kunsthaus Zürich
Heimplatz 1
CH–8001 Zürich
Tel. +41 (0)44 253 84 84
Öffnungszeiten
DI, FR-SO 10-18 Uhr
MI, DO 10-20 Uhr

 

 

 

 

 

 


  

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