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rheinische ART 05/2017

Archiv 2017

NAIVE KUNST
Selbst ist der Mann

 

Der eine, Erich Bödeker, war Bergmann und schuf Betonskulpturen. Der andere, Josef Wittlich, verdingte sich als Knecht und Zuarbeiter und malte. Beide waren naive Künstler, die ihrer Passion folgten und beiden blieb der Erfolg nicht verwehrt.

 

Josef Wittlich Drei Frauen vor Kirchturm (Ausschnitt), 1967, 87 x 62 cm, Deckfarbe, Plakafarbe, Gouache, Tempera auf Papier, Clemens Sels-Museum Neuss. Erworben 1974. Foto © Clemens Sels-Museum

 

Tatsächlich ist es der Gunst des Schicksals zu verdanken, dass die Arbeiten dieser beiden Künstler einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden konnten. Denn entdeckt wurden sie eher zufällig.

     Erich Bödeker (1904 – 1971) hatte seine auffälligen Plastiken für alle sichtbar in seinem Garten stehen. Dort entdeckte sie Thomas Grochowiak, damaliger Direktor der Städtischen Museen Recklinghausen, einer Erzählung nach vom Auto aus. Und Josef Wittlich (1903 – 1982) hatte seine Gemälde an die Wände der Produktionshallen der Firma im Westerwald, in der er arbeitete, gehängt, wo sie dem Maler und Keramikkünstler Fred Stelzig, der zu einer Arbeitsbesprechung wegen Fliesendekoren dort angereist war, auffielen. Stelzig war so frei und nahm gleich einige der Bilder mit.

 

Josef Wittlich Burg Stolzenfels am Rhein, 1968/69, 90 x 63 cm, Deckfarbe, Plakafarbe, Gouache, Tempera auf Papier, Clemens Sels-Museum Neuss. Erworben 1974. Foto © Clemens Sels-Museum

 

Karriere Dann ging für beide Künstler alles recht schnell: Eine große Werkgruppe Bödekers wurde 1963 anlässlich der Ruhrfestspiele an prominentem Orte - vor dem Rathaus in Recklinghausen - aufgestellt und für Josef Wittlich war 1967 das Jahr des Durchbruchs, als seine farbfreudige Malerei im Württembergischen Kunstverein gezeigt und verkauft wurde. Jetzt sind die beiden Autodidakten, die sich vermutlich persönlich nie begegneten, in der Ausstellung „Selbst ist der Mann“ im Neusser Clemens Sels-Museum zu sehen. Es ist eine Schau auch über das Selbstverständnis der beiden Künstler.

 

Bilderwelten Auch nachdem sie als Maler beziehungsweise Bildhauer entdeckt worden waren und ihr Werk plötzlich große Anerkennung erfuhr, folgten beide Künstler weiterhin ihrer Eingebung. Die äußeren Einflüsse, die mit dem Erfolg naheliegend einsetzten, veränderten weder ihre Ideen noch Arbeitsweisen. Unbeirrt brachten sie weiterhin in den Kunstwerken ihre ganz eigenen, persönlichen Bilderwelten zum Ausdruck.

     Doch was waren das für Bildwelten? Beide Künstler reisten kaum, standen gesellschaftlich nicht im Mittelpunkt, waren politisch nicht aktiv. Und doch ... ihre künstlerischen Sujets weisen auf ein feines Gespür für aktuell Wichtiges wie für die Gesellschaft Bewegendes. Zudem ließen sich beide von christlichen Themen inspirieren, nutzen die Abbildungen von Heiligenfiguren und Kruzifixen auf Totenzetteln oder Kunstpostkarten.

 

Von den Gartenzwergen schuf Erich Bödeker mehrere. Die Skulptur in der Ausstellung dürfte wohl eine der ältesten sein. Diese ist von 1960. Gartenzwerg Beton, Holzstab, Blechdose, bemalt, Höhe 57 cm. Siegburg, Sammlung Dieter F. Lange Foto © rheinische ART

 

Erich Bödeker Brigitte Bardot, 1969, Höhe 62 cm, Beton auf Holzblock, bemalt, Siegburg, Sammlung Dieter F. Lange. Foto © Clemens Sels-Museum

 

Während Bödeker sich seine eigene Wunderwelt aus Holz und Zement erschuf – was er völlig unkonventionell auch unter Verwendung unterschiedlichster sogenannter armer Materialien wie Blechdosen und Autolacken tat -, und die mit dem Geschenk zweier Gartenzwerge begann, ließ sich Wittlich von Ansichtspostkarten, Reiseprospekten und illustrierten Zeitungsartikeln zu Landschaftsgemälden inspirieren. Seine Heimat war ihm Vorbild, das Alpenvorland hat er nie gesehen, aber gemalt. Die Ikone Marilyn Monroe und ihr Geburtstagsständchen an Präsident Kennedy 1962 malte er in den für ihn typischen klaren, intensiven Farben lächelnd vor der amerikanischen Flagge, während Bödeker 1969 seinen Eindruck von Brigitte Bardot – sitzend und sich Strümpfe anziehend - plastisch in Beton zum Ausdruck brachte.


Models widmete sich auch Josef Wittlich und Versandhauskataloge waren hier seine erste Inspirationsquellen. Unwillkürlich greift man angesichts der zahlreichen Frauenportraits auf das eher altmodische Wort Mannequin zurück, denn Authentisches war in diesen Jahrzehnten bei den Werbeträgerinnen wenig gefragt. Eher war es die Entsprechung bestimmter Klischees, die hier im Vordergrund stand. Das Kleid „Lulu“ aus dem Neckermann Versandhauskatalog Frühling/Sommer 1962 hatte es dem Künstler wohl besonders angetan, denn er malte den rot-blauen Dress mit wechselnden Models mehrfach vor unterschiedlichen Hintergründen. Im Stil Wittlichs gemalt wirken die Frauen heute wie Karikaturen einer vergangenen erotischen Symbolik.

 

Josef Wittlich Queen Elizabeth II. von England und Prinz Philip vor der englischen Flagge, frühe 1970er Jahre, 90 x 62 cm, Deckfarbe, Plakafarbe, Gouache, Tempera auf Papier, Düsseldorf, Sammlung Elke und Werner Zimmer. Foto © Clemens Sels-Museum

 

Zeitgeist Bödeker schuf seine „Apollo 8“ 1969 in einem Betonkübel mit zwei Eisengriffen, ließ „Herrn Professor“ um 1970 die Fotokamera vor der Brust tragen und „Joseph Beuys“ 1970 die Arme hoch in die Luft recken.

     Auch der Deutschland-Besuch der Royal Familie mit der Queen 1965 und ihre Präsenz in den damaligen Medien griffen beide Künstler motivisch auf. Bödeker platzierte die königliche Familie auf eine Bank, Queen Elizabeth II. und Prinz Philip an den Außenseiten sitzend und zwischen ihnen die vier Kinder Prinz Charles, Prinzessin Anne, Prinz Andrew und Prinz Edward. Wittlich porträtierte die Queen gleich mehrfach und die ganze Königsfamilie im Freien, mit viel Grün und Bergen im Hintergrund und natürlich der englischen Flagge.

 

Erich Bödeker Englische Königsfamilie auf Bank, um 1969, Höhe 128 cm, Breite 150 cm, Beton, Eisenteile, bemalt, Siegburg, Sammlung Dieter F. Lange Foto © Clemens Sels-Museum

 

 Das Clemens Sels-Museum besitzt eine stattliche Sammlung Naiver Kunst, zu der auch Werke von Adalbert Trillhase (mehr) gehören. Insgesamt umfasst dieser Bereich rund 800 Objekte. Von Erich Bödeker besitzt das Haus sieben Skulpturen und von Josef Wittlich vier Arbeiten. Für die Ausstellung „Selbst ist der Mann“ wurden 19 Plastiken von Bödeker und 34 Gemälde von Wittlich zusammengetragen.

Irmgard Ruhs-Woitschützke

 

Die Ausstellung „Selbst ist der Mann! Erich Bödeker und Josef Wittlich“ ist bis zum 28.05.2017 zu sehen.
Clemens Sels-Museum
Am Obertor
41460 Neuss
Tel. 02131 / 904141
Öffnungszeiten
DI – SA 11 – 17 Uhr
SO 11 – 18 Uhr

 

 

 


 

 

 

FRANK BAUER 

Die Gelassenheit

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Foto: Ausschnitt Flaschen,

Öl auf Leinwand, 2017

 

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