rheinische ART
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rheinische ART 07/2017

Archiv 2017

100 JAHRE DE STIJL
Leben mit Rot, Gelb und Blau


Vor einem Jahrhundert wurde die Avantgardegruppe De Stijl gegründet. Die Niederlande feiern ihre berühmte Kunstbewegung mit einem großen Festjahr und mehreren Ausstellungen.

 

Blick in einen Ausstellungraum der Villa Mondriaan in Winterswijk mit der Schau Stilvolle Figuration im Rahmen des Festjahres "Von Mondrian zu Dutch-Design. 100 Jahre De Stijl"  Foto © Villa Mondriaan, Daniel Hoitink 2017

 

Das Jubiläum steht unter dem Titel „Von Mondrian zu Dutch-Design. 100 Jahre De Stijl“. Es ist gleichzeitig eine Hommage an den wichtigsten Vertreter dieser einflussreichen Künstler-Gruppe, den abstrakten Maler Piet Mondrian (1872-1944). Er war 1917 Mitbegründer von De Stijl.

     Das Gemeentemuseum in Den Haag ist Hort der größten Mondrian-Sammlung und Standort einer der umfangreichsten De-Stijl-Kollektionen der Welt. Wohl kein anderer Ort bietet sich daher für eine Würdigung so an, wie das Kunsthaus am Regierungssitz der Niederlande. Rollengerecht hat das Museum anlässlich des runden Geburtstags gleich zwei Schauen parallel aufgelegt.

 

Piet Mondrian Komposition mit Rot, Gelb, Blau und Schwarz, 1921. Foto © Gemeentemuseum Den Haag

 

 

Piet Mondrian Victory Boogie Woogie. 179 cm diagonal, Öl und Papier auf Leinwand, 1942-1944. Foto © Gemeentemuseum Den Haag

 

Bart van der Leck Composition No.8, 1917, Öl auf Leinwand, 95 x 130 cm, Foto © Gemeentemuseum Den Haag

 

Die erste Ausstellung titelt 300 x Mondrian. Die Kollektion des Gemeentemuseum und ist eine seltene Präsentation: Denn neben den Exponaten zur De-Stijl-Bewegung zeigt das Den Haager Museum, „zum ersten und einzigen Mal in seiner Geschichte“, alle 300 Mondrians zusammen, die teils als Leihgaben aus aller Welt zurückgeholt worden sind und die damit das Gesamtwerk des Künstlers veranschaulichen.

     Eines der Spitzenstücke ist das berühmte letzte und von Mondrian nie vollendete, rautenförmige Gemälde Victory Boogie Woogie. Wie sich der progressive Ideenpool der Leidener Künstlervereinigung auf das Innen und Außen der Baukunst auswirkte, verdeutlicht hingegen die zweite Ausstellung mit dem Thema Die Architektur und Interieurs von De Stijl.


Farbkompositionen Piet Mondrian und sein Künstlerkollege Bart van der Leck sind die Schöpfer der berühmten Farbkombination Rot, Gelb, Blau. Sie schufen damit die Grundlage für die großen Neuerungen in der Malerei und im Design, in deren Zentrum die Verwendung dieser Primär- und der Nichtfarben Grau, Weiß und Schwarz stand.

     Dieses Color-Trio und die strengen horizontalen/vertikalen Linienführungen sind das klassische Merkmal der Arbeiten von Mondrian, van der Leck und den De-Stijl-Künstlern Theo van Doesburg und Vilmos Huszár. Die Protagonisten vertraten die Ansicht, dass eine elementare Erneuerung der Kunst zu einer modernen und besseren Welt führen würde und dass Architekten, Maler, Bildhauer, Designer und Typografen die Welt neu gestalten müssten.

 

Yves Saint Laurent Robe homage a Piet Mondrian Foto © Fondation Bergé-Yves Saint Laurent, Paris (mehr) 2017/ Alexandre Guirkinger

 

Das Rechte-Winkel-Dogma Das Neue sollte für Interieurs und Häuser, Straßen und urbane Quartiere gelten. Primärfarben und strikte Gradlinigkeit - Diagonalen gab es zunächst nicht - waren ästhetisches Programm und sollten, so das De-Stijl-Credo, die Gesellschaft durchdringen und das Zusammenleben verändern. Wie auch immer das zu verstehen ist, eines ist sicher: Die revolutionären Ideen waren weltweit wegweisend für die Architektur und sind bis heute eine „treibende Kraft hinter dem internationalen Erfolg niederländischer Architekten“, wie es im Den Haager Museum heißt. Aber auch in anderen Genres wurden die Farbquadrate immer wieder zitiert, so in der Damenmode bei Yves Saint Laurent.


Piet Mondrian 1892. Fotograf unbekannt. Fotoquelle Villa Mondriaan Winterswijk 2017 Foto © RKD Nederlands Instituut voor Kunstgeschiedenis

 

Vilmos Huszár Blühender Apfelbaum (bloeiende appelboom) 1957. Foto © Collectie Gemeentemuseum Den Haag.

 

Figuratives Bekannt wurden die Künstler zwar vorzugsweise mit den Farbwerken, es gibt daneben aber auch zahlreiche figurative Arbeiten. Diesem Teil von De Stijl widmet sich eine Ausstellung in der Villa Mondriaan in der ostniederländischen Stadt Winterswijk.

     Warum gerade dort? Das als Villa Mondriaan bezeichnete Anwesen ist das Haus, in dem Piet Mondrian als Kind und Jugendlicher lebte, wo sein Talent entdeckt und gefördert wurde.

     1880, im Alter von acht Jahren, kam Piet Mondriaan, ursprünglich mit doppeltem „a“ geschrieben, mit seinen Eltern nach Winterswijk, nahe der deutschen Grenze. Sein Vater Pieter Cornelius Mondriaan war dort Leiter der Evangelischen Grundschule. Die Familie bewohnte bis 1892 im Zonnebrink 4 ein Haus direkt neben der Bildungseinrichtung, das heute als Villa Mondriaan ein Museum ist. Der Junge Piet lernte hier von seinem Vater und seinem Onkel Frits Mondriaan das Zeichnen und Malen.
     Mit der Schau Stilvolle Figuration bespielt die Villa Mondriaan die gegenständlichen Werke der De-Stijl-Künstler wie unter anderem Vilmos Huszár und beleuchtet damit das Spannungsfeld zwischen realistischen und abstrakten Formen in ihrem Œuvre. Daneben werden ergänzend Arbeiten von Bart van der Leck (1876-1958) gezeigt, die noch nicht in Expositionen zu sehen waren.

 

Piet Mondrian in his studio with (top) Lozenge Composition with Four Yellow Lines (1933) and (bottom) Composition with Double Lines and Yellow (1933). Paris, October 1933. Collection RKD – Netherlands Institute for Art History. Photo © Charles Karsten


De-Stijl-Story Alles begann mit einer kleinen Kunstzeitschrift, die im Herbst 1917 - im dritten Jahr des Ersten Weltkriegs - in den neutralen Niederlanden als Erstausgabe unter dem Titel „De Stijl“ und dem Zusatz „Monatsblatt für die bildenden Fächer“ auf den Markt kam. Initiator war der Gestalter, Dichter und Kunsttheoretiker Theo van Doesburg (1883-1931), der in der Universitätsstadt Leiden tätig war. Gebürtig Christian Emil Marie Küpper, hatte er als Pseudonym den Namen seines Stiefvaters angenommen. Van Doesburg war künstlerisch ein reiner Autodidakt, wurde jedoch zum geistigen Kopf der De-Stijl-Bewegung.

     Bereits in der ersten Ausgabe war Mondrian mit einem Artikel vertreten, in dem er seine eigene Malerei reflektierte. Nach Kriegsende entwickelte sich das Blatt, das den Zeitgeist traf, rasch zu einem Sprachrohr der neuen Bewegung und zu einer der wichtigsten Foren der nunmehr kosmopolitischen, gestaltungshungrigen und kriegsgeschädigten europäischen Avantgarde. Die „Kollektivität der Künste und die Reinheit der Gestaltung“ wurde ab den 1920er Jahren zu einer wahren grenzüberschreitenden Mission, wie die Neue Zürcher Zeitung jüngst in einer Würdigung formulierte.

 

Gerrit Rietveld Rot-Blauer-Stuhl, 1923, Foto © Gemeendemuseum Den Haag 2017

 

Fassadendetail am Rietveld-Schröder-Haus. Foto © wikiarquitectura.com

 

Gerrit Rietveld Piet Mondrian war in der nur lose verbundenen De-Stijl-Gruppe nicht das einzige einflussreiche Mitglied.

     Neben Mitgründer Theo van Doesburg ist vor allem der Möbelgestalter und Architekt Gerrit Rietveld (1888-1964) zu nennen, der sich mit dem „Neoplastizismus“ und dem modernen Möbelbau, darunter der berühmte „rot-blaue Stuhl“, einen Namen machte und bis heute für funktionale, erschwingliche und in Serie produzierte Designmöbel steht.

     Auf Rietveld geht auch das als „architektonisches Manifest" der Stijl-Richtung charakterisierte Bauwerk „Haus Schröder“ in Utrecht zurück.

     1924 ließ sich die Anwaltswitwe und Kunstmäzenin Truus Schröder-Schräder das private Wohnhaus nach De-Stijl-Prinzipien errichten. Ein Gebäude in kubisch-abstrakter Form, transparent, nüchtern und schlicht. Bestechend sind neben den typischen drei Farben die großflächigen Fenster und die fast fließenden Übergänge von innen nach außen. Das eigentliche Novum waren Rietvelds Schiebewände. Mit diesen bautechnischen Tricks konnten die Räume je nach Bedarf variiert werden.

     Alles in allem waren es hochmoderne, ja zukunftsweisende Architekturelemente, wie sie Jahre später unter anderen auch bei Eileen Grays legendärem Haus E 1027 (mehr) genutzt wurden. Das „Rietveld-Schröder-Haus“ erhielt 1976 als Kulturdenkmal den Status Rijksmonument und wurde nach dem Tode der Bauherrin 1985 Teil des Utrechter Centraal Museums. Seit dem Jahre 2000 steht es in der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes.

 

Weltkulturerbe und architektonisches Highlight der De-Stijl-Bewegung: das experimentelle Rietveld-Schröder-Haus in Utrecht, erbaut 1924. Foto © Centraal Museum Utrecht 2017, Ernst Moritz

 

Bauhaus-Kontakte Der umtriebige Theo van Doesburg nahm 1921 Kontakt zum Bauhaus in Weimar (mehr) auf, das zwei Jahre zuvor von Walter Gropius gegründet worden war. An der Kunstschule propagierte er seine konstruktivistische Formenlehre, die sich später auf die mehr handwerklich-expressionistisch geprägten Bauhäusler stilistisch auswirkte. Ein Jahr später scheiterte er jedoch mit dem Versuch, als Dozent am Bauhaus tätig zu werden.

     Van Doesburg sympathisierte mit der Dada-Bewegung (mehr) und arbeitete mit Kurt Schwitters (mehr) sowie Hans Arp (mehr) zusammen. Das Bauhaus veröffentlichte 1924 in seiner Buchreihe van Doesburgs Theoriewerk „Grundbegriffe der neuen gestaltenden Kunst“, in dem der Niederländer unter dem Stichwort „Elementarismus“ neue Tendenzen vertrat, die sich auch gegen das Dogma des rechten Winkels richteten. Sein Durchbrechen der strengen Horizontalen und Vertikalen war nicht im Sinne anderer De-Stijl-Künstler. So verließ etwa Piet Mondrian 1925 die Gruppe wegen Differenzen mit van Doesburg. Nach dessen Tod 1931 in Davos zerfiel wenig später die längst international agierende De-Stijl-Bewegung endgültig.
cpw


Zitat aus Neue Zürcher Zeitung (NZZ) Ausgabe von Samstag 24.6.2017 „Die Welt als Farbquadrat“

 

Die Ausstellung „300 x Mondrian. Die Kollektion des Gemeentemuseum“ wird bis zum 24. September 2017 gezeigt.
Die Ausstellung „Die Architektur und Interieurs von De Stijl“ wird bis zum 17. September 2017 gezeigt.

Gemeentemuseum Den Haag
Stadhouderslaan 41
2517 HV, Den Haag
Tel +31 70 338 1111
Öffnungszeiten
DI - SO 10 - 17 Uhr

 

Die Ausstellung „Stilvolle Figuration“ kann bis zum 24. September 2017 besucht werden.
Villa Mondriaan
Zonnebrink 4
7101 NC Winterswijk
Tel 0543-515400
Öffnungszeiten bis 5. November
DI - SO 11 - 17 Uhr
Öffnungszeiten bis 5. März
FR - SO 11-17 Uhr

 

Rietveld-Schröder-Haus
Prins Hendriklaan 50
Utrecht
Tel +31 (0) 23 62 310
Öffnungszeiten
DI - SO 11 - 17 Uhr
FR bis 21 Uhr

 

 

 


 

 

 

FRANK BAUER 

Die Gelassenheit

der Dinge

(Foto: Ausschnitte

Öl auf Leinwand, 2017)

 

17.11.2017 - 13.01.2018

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