rheinische ART
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rheinische ART 03/2017

MARY BAUERMEISTER
Grande Dame des Fluxus

 

Höchst anerkennend, ja geradezu liebevoll wurde die Künstlerin Mary Bauermeister einst als „1,80 Meter große Loreley“ in New York gefeiert. Dort und anderswo im Ausland war und ist sie berühmt als Avantgardistin, Konzept-Art- und Fluxus-Mitbegründerin. Jetzt sind ihre Werke in Solingen ausgestellt.
 

Oliver Mark Mary Bauermeister 2014. Foto © Kunstmuseum Solingen 2017

 

Vor gut einem halben Jahrhundert war Mary Bauermeister (*1934) als junge Kreative in den Staaten so etwas wie ein Shootingstar unter den zeitgenössischen Installationskünstlern.

     Die heute 82-Jährige startete ihre Karriere in Köln zu Beginn der sechziger Jahre. Da war die Stadt die Hochburg der Kunst- und Musikavantgarde, und alles was Rang und Namen hatte in der Szene der Rheinlande - aber auch international agierende Zeitgenossen aus Architektur, Musik und Literatur - gab sich ein Stelldichein in Bauermeisters Atelier. Und dieses Atelier war eigentlich nichts anderes als eine Dachgeschoß-Wohnung in der Kölner Lintgasse 28.

 

Mary Bauermeister vor Wabenbild, 1960. Foto Peter Fürst. Foto © Kunstmuseum Solingen 2017

 

Was sich dort abspielte ist heute legendär. Bauermeisters Kulturprogramm im Dachstübchen war in Gänze nichts anderes als eine der ersten Fluxus-Veranstaltungen im nachkriegsdeutschen Kunstmilieu (mehr).

     Ein für viele Kunstfreunde verwirrendes Zusammenfließen von Musik, Tanz, Bildender Kunst, Theater und Lyrik zu einer neuen intermedialen Kunstrichtung, die als „Neo-Dada“ (mehr) oder eben als Prä-Fluxus katalogisiert wurde. Der amerikanische Komponist und Künstler John Cage (1912-1992) kam zu Besuch und zelebrierte unkonventionell seine Neue Improvisationsmusik. Der Videopionier Nam June Paik zog dort erste Performances auf, ehe er es zu Weltruhm brachte (mehr), auch der Philosoph und Musiktheoretiker Theodor W. Adorno kam von Frankfurt rüber zum Musikhören.

     Und alle in der kunterbunten Truppe halfen auf dem bescheidenen Matratzenlager der Hausherrin, so wird kolportiert, dem späteren „großen Verhüller“ Christo (mehr) beim Verpacken für eine seiner ersten Ausstellungen. Zu den Fluxus-Kollegen in Köln gehörten damals unter anderen Bauermeisters späterer Ehemann, der Komponist Karlheinz Stockhausen wie auch Joseph Beuys, Wolf Vostell, der US-Musiker Ben Patterson (mehr) und die Zero-Gruppe aus Düsseldorf.

 

Christian Jendreiko Zeichnung aus: Der Anfang des 21. Jahrhunderts (Detail) 2006, Foto © Kunstmuseum Solingen 2017

 

Die gebürtige Frankfurterin nahm auf diese Weise eine der bedeutendsten Positionen in der deutschen Kunstszene jener Jahre ein. Was sich jedoch in der nationalen Öffentlichkeit kaum niederschlug: die Künstlerin Bauermeister war im Ausland bekannter als daheim.

     Im Solinger Kunstmuseum sind derzeit Arbeiten von ihr zu sehen, die in einen Dialog mit zeitgenössischen Positionen des Düsseldorfer Experimentalkünstlers und Hochschullehrers Christian Jendreiko (*1968) gestellt werden. „Pli Score Pli“, so der musikinspirierte Titel der Schau, widmet sich - mit Blick auf Bauermeister - ihrer Kunst aus der Dekade 1957 bis 1967 und rückt „unbekannte Aspekte des Frühwerks … in den Fokus“, wie das Haus betont. Bemerkenswert: Auch Christian Jendreiko ist im Ausland bekannter als in Deutschland, auch seine Kunst verwendet serielle Prinzipien und ist intermedial.

 

Mary Bauermeister Needless Neddles Volume V (Detail), 1964. Foto Peter Hirschschläger Foto © Kunstmuseum Solingen 2017

 

Es ist keine Comeback-Show der stets vitalen, eigenwilligen und irgendwie doch immer bescheiden gebliebenen Künstlerin, eher die stringente Folge einer Entwicklung, die seit wenigen Jahren zu beobachten ist: Die Protagonisten der rheinischen Kunstszene der späten Fünfziger rücken verstärkt ins Rampenlicht, werden analysiert, interpretiert, gefeiert, ausgestellt und - so noch möglich - interviewt.

     Bei diesem unaufhörlichen Revival-Festival kommen so gut wie alle zum Zuge. Nicht nur bekannte Akteure aus der ersten Reihe wie Paik oder die Zero-Gruppe werden auf den Schild geschoben, auch weniger populäre oder gar fast vergessene Figuren jener Kunstphase, wie die etwa gleichaltrige Dorothy Iannone und ihr erotischer Bilderkosmos (mehr).

 

Blick in die Ausstellung "Pli Score Pli" Foto © Mary Bauermeister, Kunstmuseum Solingen 2017

 

Bei Bauermeister liegt der Fall allerdings etwas anders. Sie war populär und nie vergessen, jedenfalls nicht im Ausland. Nachdem sie vom US-Kunstbetrieb geehrt 1972 als „große Loreley“ New York verließ und wieder nach Köln zog, kehrte sie dem brodelnden internationalen Kunstmarkt den Rücken und verlegte sich auf ein Leben mit und in der Natur. Sie lebt und arbeitet heute im Oberbergischen Land. 

     Ihre Kunstwerke der Fluxus-Richtung gerieten dagegen in die Schatten ihrer kontinuierlich berühmter  gewordenen Künstlerfreunde aus der Atelierzeit. Dabei war die „Visionärin“ selbst bereits früh mit Museumerfolgen verwöhnt worden. 1962 zeigte das Amsterdamer Stedelijk Museum ihre erste Soloschau, angereichert mit elektronischer Musik des „gleichberechtigten Partners“ Stockhausen: ihre Bilder, seine Musik, eine Inspiration, wie die Wochenzeitung DIE ZEIT bemerkte. Wenig später wurde sie in Den Haag gefeiert.

     Danach reiste die junge Bauermeister, ziemlich mittellos, nach New York, wo sie in der Folgezeit eine einzigartige Erfolgsserie verbuchte. Sie verkehrte in den angesagtesten Künstlerkreisen von Pop-Art und Fluxus, blieb mit Stockhausen dort rund zehn Jahre und pflegte Freundschaften mit Jean Tinguely (mehr), Niki de Saint Phalle (mehr), Robert Rauschenberg oder Jasper Johns.

     Ihre Kunst hatte fast explosiven Erfolg, die New Yorker Galerie Bonino nahm sie unter Vertrag. Als außergewöhnlich galt ihre Materialvielfalt und bildnerische Experimentierfreude. Graphit, Farben, Worte trafen auf Steine, Treibholz, sizilianische Bettlacken oder gläserne Linsen. Dabei lag, wie die Kuratoren in Solingen hervorheben, der sinnlichen Erscheinung ihrer Werke ein systematischer Entstehungsprozess zugrunde. Der intellektuelle Ursprung ihrer Bildideen und die Affinität zu zeitgenössischer Musik seien bei näherer Betrachtung unverkennbar.

 

Atelierhaus von Mary Bauermeister in Rösrath, Bergisches Land. Links am Fenster Prismenarbeit, Wand rechts diverse Steinspiralen. Foto Oliver Mark, Foto © Kunstmuseum Solingen 2017.

 

Den Durchbruch in New York brachten zunächst ihre Relief- und Materialbilder, letztlich ab 1964 dann die revolutionären „Linsenkästen“, die für eine neue Kunstwelt standen. Offene weiße Boxen, gefüllt mit Fundstücken aus der Natur, mit spiegelndem Glas, Lupen, Linsen und Prismen vor feinen Tuschezeichnungen und Textfragmenten. Kleine Mikrokosmen, die Sammler, Kuratoren und Museumsbesucher verzauberten.

     Die wichtigsten Kunsthäuser der Megastadt, darunter das MoMA, das Guggenheim und das Whitney erwarben Arbeiten von ihr, ebenso das Washingtoner Hirshhorn Museum. In den letzten Jahren gab es einen neuen Blick auf ihr Schaffen. In Köln waren Werke der „Großmutter des Fluxus“ in kleinen und intimen Räumen in der Südstadt zu sehen (mehr), eine Berliner Galerie legte 2014 ihre Arbeiten auf, in Koblenz zeigte das Mittelrhein Museum eine Retrospektive.

     Im Mai 2016 fixierte die New Yorker Pavel Zoubok Gallery unter anderem ihr Frühwerk „Sand-Stein-Kugelgruppe“ von 1962 an der Galeriewand und die New York Times veröffentliche zeitgleich eine Lobeshymne und titelte mit dem Ausstellungsmotto: „Mary Bauermeister, Omniverse“. Die Zeitung stellte fest, dass weder damals noch heute in der Stadt jemals etwas existierte, was ihrem Werke gleichgekommen wäre. „She is more than welcome back“ - das will doch was heißen!
cpw


Der Ausstellungstitel Pli Score Pli spielt auf eine Komposition des Dirigenten Pierre Boulez (1925 - 2016) an, und verwendet die Begriff Pli für französisch „Falte“ und Score für englisch „Musik-Partitur“.

 

Die Ausstellung "Mary Bauermeister, Christian Jendreiko Pli Score Pli" wird bis zum 26. März 2017 gezeigt.
Kunstmuseum Solingen
Wuppertaler Str. 160
42653 Solingen
Tel 0212-258 140
Öffnungszeiten
DI-SO 10 – 17 Uhr

 


  

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