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rheinische ART 06/2016

Archiv 2016

BEN PATTERSON (†)
Born in the State of FLUX/us


Der Mitbegründer der Avantgarde-Kunstform Fluxus, der Musiker und bildende Künstler Ben Patterson, ist 82-jährig gestorben. Dies teilte der Nassauische Kunstverein Wiesbaden mit. Der Amerikaner hatte 1962 die „Internationalen Festspiele Neuester Musik“ in der hessischen Landeshauptstadt mitorganisiert, die als Geburtsstunde der Fluxus-Bewegung gelten.
 

Ben Patterson Performance 2012 in Wiesbaden Foto © NKV Nassauischer Kunstverein Wiesbaden / Christian Lauer

 

Benjamin (Ben) Patterson wurde 1934 in Pittsburgh, USA, geboren. Nach seiner Ausbildung und Auftritten als klassischer Kontrabassist, wandte er sich ab 1961 verstärkt der experimentellen Musik zu, nahm an avantgardistischen Festivals teil und organisierte Happenings mit Gleichgesinnten.

 

Das Rheinland war eine wichtige Station in seiner Karriere. Während einer Europa-Tour kam er mit der damals neuartigen elektronischen Musik in Kontakt. Im Juni 1960 suchte er in Köln den berühmten Tonkünstler Karlheinz Stockhausen (1928-2007) auf, um bei ihm zu studieren. Patterson selbst bezeichnete später die Begegnung mit dem rheinischen Komponisten als „Desaster“, das allerdings richtungweisende Konsequenzen für seine künstlerische Entwicklung haben sollte. Es entstand die weltberühmte Performance Paper Piece, die erstmals seit dem Dada Cabaret Voltaire 1916 in Zürich (mehr) die Trennung zwischen Publikum und Auftretendem wieder in Frage stellte.

 

Ben Patterson Performance 2012 in Wiesbaden Foto © NKV Nassauischer Kunstverein Wiesbaden / Christian Lauer

 

Benjamin Patterson String Musik (Detail), 1960 © Collection Getty Research Institute, Los Angeles. Studio Museum Harlem New York 2011 Retrospektive Benjamin Patterson Born in the State of FLUX/us

 

In Köln lernte Ben Patterson den Video- und Medienkünstler Nam June Paik (mehr) und seinen Landsmann, den Komponisten John Cage kennen. Cage lud Patterson spontan zur Teilnahme am Contre Festival im Atelier der Kölner Künstlerin Mary Bauermeister, der späteren Lebensgefährtin von Karlheinz Stockhausen, ein.

     Patterson betrat damit einen neuen Weg des Musikmachens gemeinsam mit Emmett Williams, Daniel Spoerri, Nam June Paik, John Cage und anderen Avantgardisten der Zeit. In der damaligen Kölner Szene traf er auf zahlreiche weitere non-konforme „radikale“ Künstler. Zu den namhaften Kreativen in der Domstadt jener Jahre gehörten unter anderen George Maciunas, Joseph Beuys (mehr), Robert Filliou, Wolf Vostell und Christo (mehr)


Prä-Fluxus Die unkonventionellen Ausstellungen, Lesungen und Konzerte im Atelier Bauermeister in der Lintgasse 28 gelten heute als „Prä-Fluxus-Veranstaltungen“ mit großem Einfluss auf die sich bildende neue „fließende“ Kunstform.

     Es war nicht der einzige rheinische Ort für experimentelle Kunst. Aufsehen erregende Auftritte gab es auch in Wolf Vostells Atelier, in der Galerie von Haro Lauhus in Köln, in der Düsseldorfer Galerie 22 und der Wuppertaler Galerie Parnass. Alles Häuser der rheinischen Nachkriegs-Avantgarde, die teilweise schon seit zehn Jahren neue Kunstrichtungen wie etwa das Informel (mehr) förderten und jungen Künstlern ermöglichten, ihren kreativen Widerstand gegen herkömmliche Musik, Kunst und Literatur zu zeigen, noch bevor der Name Fluxus dafür erfunden worden war.

 

Benjamin Patterson Two for One Violin after One for Violin by Nam June Paik, 1991. Zerbrochene Violine, Schranktür aus Holz, Spieluhr 78,7 x 48,3 x 10,2 cm, Courtesy: Schüppenhauer Galerie + Projekte, Köln Foto © Courtesy Contemporary Arts Museum Houston/ NKV Nassauischer Kunstverein Wiesbaden. Das Werk geht auf die Performance „One for violin“ von Paik zurück und kann als „ironischer Kommentar zur Musealisierung der Fluxus-Bewegung“ gelesen werden, wie das Dortmund U/ Zentrum für Kunst und Kreativität anlässlich des 2015 an Patterson verliehenen Kunstpreises "Follow me dada and fluxus" betonte.

 

Nam June Paik war es auch, der Patterson und Maciunas für einen Auftritt in Wuppertal am 9. Juni 1962 empfahl. Das Kleine Sommerfest - Après John Cage in der Galerie Parnass offenbarte das grafisch-bildnerische und Performance-Talent des 28 Jahre alten Kontrabassisten.

     Dieser Auftritt in Wuppertal ging als erste Fluxus-Performance in Europa in die Kunstgeschichte ein und hatte zur Folge, dass Ben Patterson und George Maciunas die „Internationalen Festspiele Neuester Musik“, das erste Fluxus-Festival 1962 im Städtischen Museum Wiesbaden, durchführten. Der erste journalistische Report über „Fluxus“ erschien am 30. August 1962, zwei Tage vor Festivalstart, in der US-Militärzeitschrift Stars and Stripes, die ein Interview von Emmett Williams mit Ben Patterson publizierte; ferner entstand während der Festspiele eine kurze Dokumentation des Hessischen Rundfunks, die heute als wichtiges historisches Dokument gilt.

 

Vom 1. bis zum 23. September 1962 fanden im Museum Wiesbaden die Fluxus Internationalen Festspiele Neuester Musik statt. Das Bild zeigt eine Performance während der Veranstaltung auf der Grundlage des Stücks Piano Acitivties (Phil Corner). Von rechts nach links: George Maciunas, Ben Patterson, Dick Higgins, Wolf Vostell, Emmett Williams, Nam June Paik (Rückenansicht). © 2012 Museum Wiesbaden

 

Ben Patterson wollte ursprünglich nur sieben Tage in Europa bleiben, es wurden schließlich 18 Monate. In dieser Zeit entstand die Partitur Ants (Ameisen) in Düsseldorf. Im selben Jahr veröffentlichte er sein erstes Buch mit dem Titel Methods and Processes, das als völlig neues Künstlerbuch dieser Art galt. Patterson arbeitete eng mit Robert Filliou in Paris zusammen und performte bei mehreren Fluxus-Konzerten und -Festivals. So auch bei dem FESTUM FLUXORUM FLUXUS in der Düsseldorfer Kunstakademie, das danach auch Ableger in der Universitätsstadt Aachen hervorbrachte (mehr).

     Trotz eines angeblichen Rückzugs aus der Kunst nahm Patterson 1983 an der Sao Paolo Biennale teil. Seine erste Einzelausstellung hatte er 1988 in New York in der Emily Harvey Galerie unter dem Titel Notes on an Ordinary Life (Bemerkungen zu einem gewöhnlichen Leben). Die erste Einzelexposition in Deutschland zeigte 1990 die Kölner Galerie Schüppenhauer.

     Ende der Achtzigerjahre zog Ben Patterson nach Wiesbaden, wo er bis zu seinem Tode wohnte und arbeitete. Die Stadt war die Ursprungsquelle seiner künstlerischen Ausrichtung und der Ort, an dem 26 Jahre zuvor Fluxus seinen revolutionären Anfang genommen hatte.

Claus P. Woitschützke

 

 Unter dem Titel „Born in the State of FLUX/us“ zeigte der Nassauische Kunstverein Wiesbaden 2012 als einzige europäische Station die große Patterson-Retrospektive des Contemporary Arts Museum Houston. Die Schau reflektierte Pattersones Œuvre über mehr als 50 Jahre.

 

 

 

 

 

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