rheinische ART
Start | | Über uns | Anzeigen | Impressum | Kontakt | Datenschutz

rheinische ART 02/2016

Archiv 2016

ISA GENZKEN 
Miniatur-Welten


Die Feuilletonisten waren sich vor drei Jahren einig. Isa Genzken, die im Herbst 2013 vom New Yorker MoMA mit einer großen Retrospektive geehrt wurde, sei in ihrer Heimat wohl anerkannt - aber kaum bekannt. Die hochproduktive und eigensinnige Künstlerin wird vor allem im Ausland gefeiert.

 

Isa Genzken Rose 1993 Baden-Baden, Park der Villa Schriever, realisiert, Modell 2015, Maßstab 1:50 Kunststoff, Acrylfarbe, Holz 165 x 50 x 70 cm, Courtesy Galerie Buchholz Cologne/Berlin/New York © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

 

Dass das Museum of Modern Art (MoMA) die Wahlberlinerin mit diesem Ritterschlag würdigte, erstaunte nicht. Erstaunlich war eher, dass die Geehrte zu diesem Zeitpunkt 65 Jahre alt und die Schau die bisher größte über ihr Werk war. Der große Auftritt in den USA war nicht ihr erster. In 2000 zeigte sie dort Arbeiten aus Holz, Glas und Muscheln und titelte spektakulär "Fuck the Bauhaus".

 

Isa Genzken Zwei Orchideen 2015 Venedig, 56. Biennale Venedig, Giardini realisiert Stahl, Aluminium, Lack, Höhe 1038 cm Foto: Nick Ash, Courtesy Galerie Buchholz Köln/Berlin/New York © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

 

Isa Genzken Blume 2004 München, vor dem Lenbachhaus, anlässlich der Auszeichnung ‚Internationaler Kunstpreis der Kulturstiftung der SSK München‘, realisiert, Courtesy Galerie Buchholz Cologne/Berlin/New York © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

 

Phantasievoll Baumhohe Rosen vor eleganten Immobilien, Wäscheleinen zwischen Wolkenkratzern, Stahltulpen an Amsterdamer Straßen: es sind Skulpturen, die als spielerisch-irritierende Eingriffe in den öffentlichen Raum Erwartungshaltungen und ästhetische Konventionen unterlaufen. Ihr internationales Rennomeé verdankt die Künstlerin dieser ungewöhnlichen Kombinationen von Kunst und Ort. Zahlreich waren in den letzten vier Jahrzehnten die von ihr erdachten Skulpturen für den Außenbereich: Viele wurden realisiert, viele auch nicht und von manchen war kaum ersthaft vorstellbar, dass man sie realisieren könnte.
     Die acht Meter hohe "Rose" allerdings platzierte sie gleich mehrfach: sie schmückt die Villa Schriever in Baden-Baden wie die Leipziger Messe und das New Museum of Contemporary Art in New York. Im Rahmen der Skulpturen-Serie "Empire Vampire" ließ sie in München 2004 eine farbprächtige Blume aus Draht und Nylonstoff aus einer Straßenlaterne sprießen - Genzken-Kunst!
     
Genzken-Jahr Die als medienscheu geltende Bildhauerin gehört zu den bedeutendsten und vielschichtigsten Künstlerinnen Deutschlands. Aktuell gilt: Das Jahr 2015 gehörte ihr. Genzken war erneut auf der Venedig-Biennale dabei und ließ dort ihre gut zehn Meter hohen Stahl-Alu-Orchideen wachsen, das Frankfurter Museum für Moderne Kunst zeigte die Werkgruppe „Schauspieler“, in Amsterdam lief mit „Mach dich hübsch“ im Stedelijk Museum eine große Übersichtsschau an, die noch bis April zu sehen ist und ihre US-Ausstellung wanderte weiter in die texanische Metropole Dallas.

 

Isa Genzken Projekt für ‚Münster 2007/2017´ „Macy’s Parade“, 2015 Münster, anlässlich der ‚Skulptur Projekte Münster 2017‘ bisher nicht realisiert, Modell, 2015, Maßstab 1:75 Kunststoff, Acrylfarbe, Metall, Holz 153 x 50 x 50 cm Foto: Lothar Schnepf, Courtesy Galerie Buchholz Cologne/Berlin/New York © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

 

Große Kunst im Kleinen Wer die großartigen Ideen Genzkens kennen lernen möchte, kann dies in der Bonner Bundeskunsthalle quasi "im Kleinen" tun. Das Haus zeigt ihre gedachten Außenprojekte in Modellen. Es präsentiert einen überschaubarernTeil ihrer ansonsten üppigen, teils auch sperrigen Arbeiten. Nicht mehr als 35 Modelle, die sie in den letzten drei Jahrzehnten plante, werden gezeigt – eine Skulpturen-Welt in Miniaturgröße. Einige davon waren letztjährig in der Ausstellung All the World’s Futures auf der 56. Biennale in Venedig zu sehen.
 

Isa Genzken U-Bahn Duisburg, 1992, U-Bahn Station König-Heinrich-Platz (in Zusammenarbeit mit Gerhard Richter), realisiert, Lack auf Stahlwandpaneelen, Installationsansichten, 2014 Digitaldrucke, 47 x 70 cm Foto: Lothar Schnepf; Courtesy Galerie Buchholz Köln/Berlin/New York © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

 
Die Ausstellung in Bonn vervollständigt erstmalig das ungewöhnliche Konvolut an skulpturalen Außenprojekten im Gesamtwerk der Künstlerin und bietet Hintergrundinformationen zu den einzelnen Projekten mittels Fotografien, Plänen, Katalogen und Archivalien. Keines der Exponate war je ein Arbeitsmodell, vielmehr wurden alle eigens für die Ausstellung von einem Modellbauer gefertigt.
     Alle Projekte entstanden entweder aus einem konkreten Bezug zur umgebenden Architektur, zu vorliegenden Formen, zum Ort als eine Art Spiegelung und/oder Ergänzung oder als ein liebevoller, bisweilen auch humorvoller Kommentar – immer jedoch handelt es sich um eine Frage der Perspektive, des Maßstabs und der Positionierung. Als Modelle einer urbanen Realität sind sie Reflexionen über räumliche Kontexte.
 

Isa Genzken Vollmond 1997 Münster, Wiesen am Aasee, Nähe Annette-Allee, anlässlich der ‚Skulptur Projekte Münster 1997‘ realisiert/aktueller Standort: Gnadendorf/Wenzersdorf, Österreich Foto: Roman Mensing LWL-Landesmuseum; Courtesy Galerie Buchholz Köln/Berlin/New York © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

 

Isa Genzken Fenster, Venloer Straße 21, 1988 Köln, Galerie Daniel Buchholz realisiert/nicht installiert, Modell 2015, Maßstab 1:50 Kunststoff, Acrylfarbe, Metall, Acrylglas, Holz 176 x 50 x 50 cm Foto: Lothar Schnepf, Courtesy Galerie Buchholz Köln/Berlin/New York © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

 

Fenstergeschichte Das aus dem Jahr 1988 stammende Projekt „Fenster, Venloer Straße 21“, nachgebaut 2015, dokumentiert eine der frühen Außenarbeiten. Genzken lieferte hier ein Beispiel für hintergründigen Humor. Für das Galeriehaus, entworfen vom Architekten Oswald M. Ungers, schlug sie vor, ein quadratisches Fenster auf der 3. Etage gegen eines ohne Sprossen auszutauschen. Das Fenster wurde zwar gebaut, der Einbau aber von Ungers abgelehnt; das Fenster schließlich – wie vergessen - angelehnt, an die Galeriewand im Inneren. 
 
 

Isa Genzken 2015, Courtesy Galerie Buchholz Köln/Berlin/New York © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

 

Isa Genzken hat eine sehr eigenständige, unverwechselbare künstlerische Position entwickelt, die sich nicht auf eine einheitliche Bildfindung oder Gesamtkonzeption festlegen lässt. Ihr komplexes, medienübergreifendes Œuvre umfasst dabei Konsumgüter und industrielle Materialien als Versatzstücke der Gegenwart.
     Kaspar König (mehr), der als Leiter des Museums Ludwig Genzken 2009 präsentierte, über die Künstlerin im Deutschlandradio: „…die Frau ist kompromisslos, sie ist wirklich radikal, aber radikal im Sinne sozusagen für die Schönheit, für das Wesentliche, das Absolute, und das schafft sie immer wieder mit einer großen Spannbreite.“ Ihr Kennzeichen ist die Neujustierung klassischer Termini wie Konzeptkunst, Minimalismus, Pop Art oder Readymades in der Gegenwart. Sie sei, so die Bundeskunsthalle, eine wachsame, sensible Beobachterin von Strukturen und Geflechten; sie hinterfrage trügerische, scheinbar glitzernde Abbildfunktionen von Motiven und Dingen und scheue sich nicht, dem Betrachter einen Spiegel vorzuhalten. Über ihre Arbeit sagt sie selbst: „Ich will mit meinen Skulpturen keinen Raum wegnehmen. Ich gebe Raum dazu.“
 

 Isa Genzken (*1948 in Bad Oldesloe) studierte in Hamburg, Berlin und in Düsseldorf bei Gerhard Richter, mit dem sie elf Jahre verheiratet war. Ihre Karriere begann mit Malerei und Fotografie, sie wechselte dann auf komplexe Installationen und Filmarbeiten, auch auf Collagen aus Alltagsdingen. Genzken war drei Mal auf der Kasseler documenta, vertrat Deutschland auf der Biennale Venedig 2007 und ist mit zahlreichen internationalen Preisen und Auszeichnungen gewürdigt worden. Genzken gilt als eine der erfolgreichsten Künstlerinnen der Gegenwart.

rART/cpw

 

Die Ausstellung „Isa Genzken - Modelle für Außenprojekte“ wird bis zum 17. April gezeigt.

Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH
Museumsmeile Bonn
Friedrich-Ebert-Allee 4
53113 Bonn
Tel. 0228 / 9171–200
Öffnungszeiten
DI, MI 10 - 21 Uhr
DO - SO 10 - 19 Uhr

 

 

 

 

Die 
rheinische ART.
empfiehlt:

Mit GOOGLE ins Museum.


Das Google Arts & Culture Projekt zeigt Meisterwerke aus den Museen und Sammlungen dieser Welt.

► 
mehr

Und geht der Frage nach: Was ist Contemporary Art?

mehr