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rheinische ART 07/2017

ARCHIVARCHÄOLOGIE

Terrorjahre - anders gesehen


Vor 50 Jahren wurde der Student Benno Ohnesorg in West-Berlin von einem Polizisten erschossen. Er hatte an einer Demonstration gegen den Staatsbesuch des Schahs Reza Pahlavi teilgenommen. Die Fotos des sterbenden 26-Jährigen gehören bis heute zum kollektiven Bildgedächtnis der Deutschen.

 

Arwed Messmer Andreas Baader am Rathaus Berlin-Schönberg/ Martin-Luther Str., 9. August 1967 AM_RAF_PHS_SCHUPO_FILM_1836_NEG_25 © Arwed Messmer unter Verwendung eines Negativs der Polizeihistorischen Sammlung Berlin. Das Polizeifoto zeigt Andreas Baader während eines Happenings bei der Trauerfeier zum Tode des sozialdemokratischem Widerstandskämpfers Paul Löbe. Die Demonstranten forderten dabei die Freilassung ihres Kollegen Fritz Teufel. 24 Beteiligte wurden verhaftet und ins Polizeipräsidium nach Tempelhof gebracht

 

Der gewaltsame Tod Ohnesorgs radikalisierte die Studentenbewegung und hatte weitreichende gesellschaftliche Folgen.

     Das Jahrzehnt danach stand im Zeichen der Attentate und Morde der Baader-Meinhof-Gruppe, einer terroristischen Abspaltung der Studentenbewegung, und der aus ihr hervor gegangenen Roten Armee Fraktion (RAF). Tausende Fotografien jener Zeit wurden veröffentlicht – und verschwanden hernach in den Archiven. Heute wird nicht selten eine Konzentration auf zu wenige Bilder dieser gesellschaftlich zerrissenen Jahre beklagt, die bekanntlich einen tiefen Einschnitt in die westdeutsche Nachkriegsgeschichte darstellten, sowie eine daraus resultierende Verarmung der historischen Zeugenschaft.

 

Das Museum Folkwang zeigt den Fotografen und Bildarchäologen Arwed Messmer (*1964) mit seiner neuen Arbeit zu diesem traumatischen Kapitel der deutschen Geschichte.

     Die Ausstellung RAF – No Evidence / Kein Beweis umfasst 150 Fotografien aus sehr speziellen Quellen. Messmers Foto-Fundament besteht nämlich aus den wenig bekannten oder unbeachtet gebliebenen Bildmaterialien von Polizeifotografen – Aufnahmen von Demonstrationen, Tatorten und erkennungsdienstlichen Arbeiten –, die er in staatlichen Archiven sichtete. Der Fotograf stellt die Frage, wie diese ehemalige kriminalistische Spurensuche heute als künstlerische Recherche produktiv werden kann - im Sinne einer anderen Erkenntnis dieser Zeit.

 

Arwed Messmer Benno Ohnesorg (fotografiert von einem Polizisten) 1967/2017 AM_PHS_ SCHUPO_FILM_1813_NEG_24A © Arwed Messmer unter Verwendung von Negativen aus der Polizeihistorischen Sammlung Berlin

 

Besonders markant: Im Bildarchiv der Berliner Schutzpolizei stieß Messmer auf eine Fotografie, die den schwerverletzten Studenten Ohnesorg zeigt. Die Szene wurde von einem Polizeifotografen aufgenommen und archiviert.

     Das dramatische Pressefoto, das der Fotograf Jürgen Henschel (1923-2012) am 2. Juni 1967 zeitgleich am Tatort machte, wurde zum Leitbild des westdeutschen Studentenprotests und ging um die Welt. Es zeigt - wie das Polizeifoto, jedoch aus anderer Perspektive - eine hilflose Studentin, den Kopf des auf dem Asphalt liegenden Sterbenden stützend. Der Vorgang war, wie Messmers Fotofund heute deutlich macht, eine Art Tod vor laufenden Kameras. Kurator Florian Ebner wertet speziell diese Fotografie als „Historienbild“ und präsentiert sie in der Schau großformatig.


Deutscher Herbst und Stammheim Die Rückschau im Folkwang spannt einen Bogen von den Jahren 1967 bis 1977, von den Anfängen des RAF-Terrors bis hin zur multiplen Gewaltentladung im sogenannten „Deutschen Herbst“ des Jahres 1977, der Entführung und Ermordung von Hanns-Martin Schleyer und dem Tod von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in der Justizvollzugsanstalt Stammheim. Messmers Methode des zweiten Blicks förderte Bilder zutage, die zuvor größtenteils noch nicht veröffentlicht wurden und die sich auf den Filmstreifen neben den bekannten Aufnahmen befinden – etwa jener Bildzeugnisses aus Stammheim, die später zu Ikonen wurden.

 

Arwed Messmer Stammheim #07 1977/2016 Interieur Zelle 716 (Raspe) AM_RAF_STH_STA_LB_EL_51/3_679_ FILM_EN_01_NEG_61 © Arwed Messmer unter Verwendung eines Negativs des Staatsarchivs Ludwigsburg

 

Ihre ursprüngliche Funktion haben diese Aufnahmen gegen eine andere dokumentarische Qualität eingetauscht, wie das Museum betont. Somit habe Messmers Arbeit auch eine bildethische Dimension: Welche Aufnahmen darf man zeigen, wie kann man sie zeigen, warum sollen wir sie sehen?

     Dies rührt an einen zentralen Punkt in der Debatte über Bilder, so das Folkwang weiter, die einerseits historische Dokumente sind, andererseits ihre eigene Ästhetik und ein großes, kaum steuerbares Potential für die empathische Auseinandersetzung mit Geschichte aufweisen.
     Von der RAF existiert eine Vielzahl von Bildern, doch nur einige wenige sind wirklich in Erinnerung geblieben. Kannte die Generation der 1970er Jahre noch die Fotografien des toten Holger Meins (1975) oder die 1978 in der Illustrierten „Stern“ veröffentlichten Aufnahmen der sogenannten „Todesnacht“ in Stammheim, so sind heute überwiegend die im Rahmen der Rasterfahndung gedruckten Suchplakate in Erinnerung oder das Videostill und die Polaroid-Aufnahmen des von der RAF entführten Hanns-Martin Schleyer im sogenannten „Volksgefängnis“.

     Seit Jahren arbeitet der Fotograf und Bildarchäologe Arwed Messmer mit fotografischem Archivmaterial, das seinen eigentlichen, funktionalen Wert eingebüßt hat, und nicht selten - wie es heißt - zu „visuellem Ausschuss der Geschichte geworden“ sei - dem jedoch der Künstler nun neue Leseweisen abgewinnt.
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Für sein Projekt zur Erforschung der staatlichen Bildarchive zur RAF wurde Arwed Messmer 2014 mit dem Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stipendium für Zeitgenössische Deutsche Fotografie ausgezeichnet.

 

Die Ausstellung „Arwed Messmer RAF – No Evidence / Kein Beweis“ läuft bis zum 3. September 2017.
Museum Folkwang
Museumsplatz 1
45128 Essen
Tel. 0201 / 8845 444
Öffnungszeiten
DI – SO 10 – 18 Uhr
DO, FR 10 – 20 Uhr

 

 

 

 

 

   

 

 

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