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rheinische ART 11/2017

STÄDTISCHES MUSEUM MÖNCHENGLADBACH
Das Antimuseum


Zeitgenössische Kunst als lebendige Gegenwart im Museum, das als Institution in den Köpfen der Menschen Historisches bewahrt? Kann das gut gehen?

 

Braco Dimitrijevic Casual Passer-by that I Met at 10.10 am, Mönchengladbach, 1975/2017. Foto: Achim Kukulies

 

Die Frage ist bis heute nicht beantwortet. Tatsache ist: Dem „Museum“ mit seinen „musealen“ Exponaten hängt ein historisch verstaubter Nimbus erstaunlich zäh an.
     Gestellt hat sich die Frage, ob zeitgenössische Kunst in ein traditionelles Museum gehört, aber bereits vor fünfzig Jahren der Direktor des Städtischen Museums in Mönchengladbach, Johannes Cladders. „Von da an“ heißt die jetzige die Schau ihm zu Ehren. Sie trägt den Untertitel „Räume, Werke, Vergegenwärtigungen des Antimuseums“.

 

 

Johannes Cladders während der Filmaufnahmen zur Ausstellung „Darboven, Ausstellung mit 6 Filmprojektoren nach 6 Büchern über 1968“, Städtisches Museum Mönchengladbach, Bismarckstraße, 25.2. – 7.4.1969. Foto: Albert Weber / Archiv Museum Abteiberg, Mönchengladbach

 

Cladders war Assistent bei Paul Wember (mehr) in Krefeld gewesen, hatte damit Seite an Seite mit einem der rührigsten Geister und Förderer der Nachkriegskunst gearbeitet und die - heute legendären - Häuser Lange und Esters, zwei moderne Villen des Mies van der Rohe, sowie das von der Sammlung wie Räumlichkeiten beeindruckende Kaiser Wilhelm Museum zur Spielstätte. Krefeld war in der Ära Paul Wember ein Hotspot der Nachkriegsavantgarde. Johannes Cladders entschied sich dennoch für Mönchengladbach, dessen Städtisches Museum seinen Sitz in einem 1895, als neugotisches Bürgerhaus, errichteten Gebäude mit bescheidener eigener Sammlung hatte. Das war 1967. Er blieb bis 1985.


Ausstellungsgeschichte Es war der 13. September 1967, als Johannes Cladders seine Amtszeit mit einer Ausstellung von Joseph Beuys eröffnete. Für die zukünftige Ausrichtung des Museums sollte diese Präsentation bereits wegweisend sein, denn es war die erste museale Kunstschau Beuys'. Mit ihm startete ein revolutionäres und bis heute legendäres Programm in den bürgerlichen Räumen, das „einen erweiterten Kunstbegriff mit der Vision eines neuartigen Museums verband“, informiert das Museum Abteiberg über seinen Vorläufer.

 

Joseph Beuys und Henning Christiansen, Konzert „... oder sollen wir es verändern?“, Städtisches Museum Mönchengladbach, Bismarckstraße, 27.3.1969. Foto: Albert Weber / Archiv Museum Abteiberg, Mönchengladbach

 

Beuys' Ausstellung sei ein „Paukenschlag“ gewesen und die Eröffnungsrede, gehalten von Monsignore Otto Mauer, der die Avantgarde-Galerie Nächst St. Stephan in Wien leitete, ebenso. Zu hören ist diese Rede im Übrigen beim Eintritt in das alte Städtische Museum. Möglich ist dies Dank Cladders Weitsicht, sämtliche gehaltenen Reden auf Tonband aufzunehmen, die heute als Tondokumente vorliegen.

 

Richard Long Sculpture [Kiefernnadelspirale], 1970, Ausstellungsansicht „Richard Long, 4 Sculptures“, Städtisches Museum Mönchengladbach, Bismarckstraße, 16.7. – 30.8.1970. Foto: Archiv Museum Abteiberg, Mönchengladbach

 

Der Museumsmann Cladders - und nicht nur er - hing dem einfachen wie bestechenden Gedanken an, dass jede Zeit ihre Orte hervorbrachte, wo Kunst gezeigt wurde: Musentempel zur Erbauung am Schönen, Schatzkammern für Preziosen und andere Kostbarkeiten, Wunderkammern zum Staunen … bis sich der Begriff Museum im 16. Jahrhundert manifestierte.
     Die Kunst selbst unterliegt bekanntlich einem permanenten Wandel, einer ständigen Erneuerung. Muss sich die Institution „Museum“ dann nicht ebenfalls wandeln oder - auch eine Möglichkeit - ein neuer Terminus gefunden werden? Cladders: „Das 'Museale' ist (…) längst zum 'Verstaubten' entwertet; die Kunst aber bleibt eine immer lebendige Gegenwart.“


Als Cladders in Mönchengladbach antrat, stellte er „aktuelle“ Kunst in „alten“ Räumen aus. Doch ihm gelang der Spagat. „Hier war eine radikal neue Gegenwart“, sagte die Direktorin Susanne Titz im Gespräch. Mit Mainstream hatte das Geschehene nichts, aber auch gar nichts zu tun, mehr mit Grenzen sprengen, experimentieren, Neues finden: Mit spontaner Inspiration, mit der Idee von Kunst als Kunstwerk und mit der „Entmaterialisierung“ von Kunst.

 

Stanley Brouwn 1970, Einladungskarte zur Ausstellung- Stanley Brouwn durch kosmische strahlen gehen 1970
- Instruktionskarte mit dem Text „gehen sie sehr bewusst durch die kosmischen strahlen in den museumsräumen“, Kassettenkatalog zur Ausstellung durch STANLEY BROUWN, durch kosmische Strahlen gehen , 4. – 20.9.1970, herausgegeben als Unikat, zur Besichtigung im Atelier von Stanley Brouwn, Amsterdam, internes zweites Exemplar produziert für J. Cladders, Lagerort Büro, später privat ,Privatarchiv / Nachlass Johannes Cladders, Foto: Achim Kukulies


Ein zentraler Gedanke dieses Ausstellungsprojektes ist, dem heutigen Publikum aufzuzeigen, was vor fünfzig Jahren bereits neu gedacht und realisiert wurde. Die intensive Auseinandersetzung mit der Kunst der 1960er und -70er Jahre brachte dann auch die „… Vision einer neuartigen Identität von Museen. Cladders prägte hierfür den Begriff 'Antimuseum'...“
     Der Begriff „Antimuseum“ ist nach Cladders Aussage allerdings positiv besetzt. „Das Anti im Antimuseum muss verstanden werden als ein Niederreißen der vier Wände und Aufbau eines geistigen Gebäudes, in dem Kunst und Kunstpflege den sich gegenseitig ergänzenden, weil gegenseitig aufeinander angewiesenen ‚Raum‘ finden…“

 

Ausstellungsansicht: Daniel Buren "À partir de là" Städtisches Museum Mönchengladbach, Bismarckstraße, 21.11. - 14.12. 1975, Foto: Archiv, Museum Abteiberg


Ein Blick auf die Liste der von Cladders präsentierten Künstler ist aufschlussreich: Ein jeder ist für sich heute Legende und hat auf seine Weise die Welt (wenigstens ein bischen) verändert. Es wurden ausgestellt: Carl Andre (1968), Bernd und Hilla Becher (1968), George Brecht / Robert Filliou (1969), Stanley Brouwn (1970), Marcel Broodthaers (mehr) (1971), Daniel Buren (1971,1975), Hanne Darboven (mehr) (1969), Braco Dimitrijevic (1975), Hans Hollein (1970), Richard Long (1970), Palermo (mehr) (1973), Gerhard Richter (mehr) (1974), Ulrich Rückriem (mehr) (1973), Lawrence Weiner (1973). Mit Jannis Kournellis 1978 endete das Programm im alten Haus.

 

Ausstellungsansicht „Jannis Kounellis“, Städtisches Museum Mönchengladbach, Bismarckstraße, 1978, 11.5. – 11.6.1978. Foto: Ruth Kaiser / Archiv Museum Abteiberg, Mönchengladbach


Für diese ungewöhnliche Präsentation, die mit Audio-, Film- und Fotodokumenten mehr die Ideen und Visionen einer Epoche wieder lebendig werden lassen als Kunst zeigt, wurde das alte Museumsgebäude an der Bismarckstraße temporär wiedereröffnet. Das alte städtische Haus mit seinen leerstehenden Originalräumen sei ein grandioser Ort für diesen Rückblick, teilen die Ausstellungsmacher Susanne Titz (Direktorin), Susanne Rennert (Kunsthistorikerin) und Olivier Foulon (Künstler) mit. Zu dieser Schau erklärten sich damalige Akteure bereit, ihre Kunst nochmals zu zeigen. Daniel Buren, Braco Dimitrijevic und Richard Long sind mit eigens für diese Retrospektive produzierten Wiederaufführungen ihrer Werke an diesem Originalschauplatz beteiligt.

 

Ausstellungsansicht Museum Abteiberg, Vitrinen mit Kassettenkatalogen. Foto: Achim Kukulies


Der Standort sei ideal geeignet für die Auseinandersetzung mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Institution Museum, erklärt das Museum. Ihre Fortsetzung findet die Schau zudem im Museum Abteiberg vom Architekten Hans Hollein (der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, dass auch Hollein von Cladders ausgestellt worden war). Es darf davon ausgegangen werden, dass die Erfahrungen aus dem intensiven Zusammenspiel von Kunst und Raum in der Architektur des neuen Hauses Abteiberg ihren Niederschlag gefunden haben.
Irmgard Ruhs-Woitschützke


Die Ausstellung „Von da an – Räume, Werke und Vergegenwärtigungen des Antimuseums“ ist bis zum 18. Februar 2018 zu sehen.
Städtisches Museum Mönchengladbach
Bismarckstraße 97
Museum Abteiberg
Abteistraße 27
41061 Mönchengladbach
Tel. 02161 / 252631
Öffnungszeiten
DI – FR 11 – 17 Uhr
SA + SO 11 – 18 Uhr

 

 

 


 

 

 

FRANK BAUER 

Die Gelassenheit

der Dinge

(Foto: Ausschnitte

Öl auf Leinwand, 2017)

 

17.11.2017 - 13.01.2018

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