rheinische ART
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rheinische ART 01/2017

Archiv 2017

WERKSTATT FÜR PHOTOGRAPHIE
Foto-Rebellen


Es waren Zeiten des Umbruchs. Ende der 1970er Jahre vollzog sich nicht nur in Gesellschaft und Politik, markiert etwa durch den sogenannten „Deutschen Herbst“ ab 1978, ein Wandel. Auch die Medien Film und Fotografie gingen neue Wege.

 

Michael Schmidt Ohne Titel, aus Berlin-Kreuzberg. Stadtbilder, Berlin 1983 © Stiftung für Fotografie und Medienkunst mit Archiv Michael Schmidt. Ausstellung Werkstatt für Photographie 1976-1986 C/O Berlin.  „Wir bemühen uns, dem Schüler zu helfen, seine Persönlichkeit zu erkennen beziehungsweise zu finden, wobei zwangsläufig die Fotografie hinsichtlich ihrer kommerziellen Verwertbarkeit unerheblich wird.“ Michael Schmidt, 1979

 

Fast vierzig Jahre ist das her! Und so manche Entwicklung von damals wäre fast vergessen.

     Drei Ausstellungen, im Essener Museum Folkwang, im Sprengel Museum Hannover und im C/O Berlin, erinnern jetzt gemeinsam in Form einer städteübergreifenden Kooperation an ein besonderes Kapitel deutscher Bildhistorie – an die legendäre Kreuzberger „Werkstatt für Photographie“. Die Schauen präsentieren zeitgleich die Geschichte, Einflüsse und Auswirkungen der daran beteiligten Akteure.

 

Das Folkwang Museum in Essen zeigt, welche Impulse von der Berliner Photo-Werkstatt ausgingen und was sich unter dem griffigen Terminus „junge Essener Szene“ in jenen Jahren an Rhein und Ruhr daraufhin fotografisch vollzog. „Das rebellische Bild“, so der Titel der Schau, liefert Blicke in Urbanität und Jugendkultur der späten Siebziger- und früher Achtzigerjahre. Es ist die Geschichte eines ganz besonderen Zeitraums und seiner Fotografen, jenseits der damals so dominanten und höchst erfolgreichen Düsseldorfer Fotoschule unter Bernd und Hilla Becher (mehr).

 

Uschi Blume aus der Serie: Worauf wartest Du?, 1980 Museum Folkwang, Essen © Uschi Blume. Werkstatt für Photographie 1976-1986 Essen

 

Der kreative Aufbruch ist mit einem Namen besonders verbunden: dem Berliner Fotoautodidakten und Werkstattgründer Michael Schmidt (1945-2014). Der Ex-Polizist kannte die Stadt am Schnittpunkt zwischen Ost und West, das Gefühl der Insellage in einem kommunistischen Meer und der Bedrohung durch den Kalten Krieg. Vor allem kannte er den Arbeiterbezirk Kreuzberg.

     Schmidt portraitierte dieses berühmt-berüchtigte Viertel wie andere Berliner Lokalitäten auf seinen Foto-Streifzügen so realistisch und subjektiv wie möglich. Es war keine klassische, ästhetisch durchgestylte Fotografie, vielmehr eine Lichtbildkunst, die vom Augenblick lebt: spontan, nah, direkt und authentisch. In der Dunkelkammer verzichtete Schmidt auf fast alles, was ein Bild atmosphärisch verstärkt; er stand mehr auf Grau und eliminierte harte Kontraste. Und genau damit wurde er bekannt, ein „Großmeister der Grautöne“, so die Wochenzeitung DIE ZEIT.

 

Gosbert Adler aus der Serie Ohne Titel, 1982-83 © VG Bild-Kunst, Bonn 2016. Ausstellung Werkstatt für Photographie 1976-1986 

  

Schon ab 1969 hatte Schmidt Lehrgänge für Fotografie abgehalten. Schließlich gründete er 1976 nahe dem Grenzübergang Checkpoint Charlie die Werkstatt für Photographie an der Volkshochschule Berlin-Kreuzberg.

     Ihre programmatische Ausrichtung mit dem Fokus auf inhaltliche Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Fotografie war einzigartig. Weder an einer Hoch-, Fachschule oder Akademie in Westberlin konnten seinerzeit Interessierte erfahren, was Schmidts VHS-Gründung bot: Kurse zu einem tiefergehenden Verständnis des Mediums Fotografie als eigenständige Kunstform.

     Schmidts Credo: Nicht das Medium selbst sei das Wichtige, sondern die Persönlichkeit des Fotografen, sein Blick, seine Ehrlichkeit. Danach, so schrieb der Foto-Quereinsteiger einstmals, solle man suchen.


Die Werkstatt war weit mehr als ein Treffpunkt fotointeressierter und bildungsbeflissener Rentner und Hausfrauen. Sie entwickelte sich, von Schmidt forciert, zu einer künstlerischen „Luftbrücke“ in Richtung USA, zu einem Experimentierplatz abseits der traditionellen Fotografen-Ausbildung und politisch-institutioneller Vorgaben.

     Es gab Gruppenausstellungen mit den großen Vorbildern jenseits des Atlantiks, mit US-Fotografen wie Lewis Baltz und Stephen Shore und Vorträge von amerikanischen Spitzenvertretern der Autorenfotografie: dem „Vater der Farbfotografie“ William Eggleston (mehr), Larry Fink, Lee Friedlander (mehr) und dem Kamerapionier Robert Frank (mehr).

     Als diese kreative und dynamische Einrichtung dann 1986 geschlossen wurde, geriet sie mit der Zeit in Vergessenheit.

 

Joachim Brohm, Revierpark Nienhausen, Gelsenkirchen, 1982 © VG Bild-Kunst, Bonn 2015,  Werkstatt für Photographie 1976-1986 

 

Ausgangspunkt der Schau in Essen ist die Situation der Verunsicherung nach Otto Steinerts Tod im Jahr 1978. Steinert (mehr) war als Fotograf, Lehrer und Kurator am Folkwang insbesondere im Bereich des Bildjournalismus wegweisend gewesen.

     In der Lehre begann sich seinerzeit das Foto-Design durchzusetzen, während mit der Gründung der Fotografischen Sammlung im Museum Folkwang unter Ute Eskildsen die Institutionalisierung der künstlerischen Fotografie einsetzte. Junge Studentinnen und Studenten – darunter Gosbert Adler, Joachim Brohm, Uschi Blume, Andreas Horlitz und Petra Wittmar – entwickeln eine Fotografie fern gängiger Klischees und kommerzieller Verwertbarkeit. 

     Was das mit der Berliner Foto-Werkstatt zu tun hatte? Impulsgeber für die jungen Foto-Rebellen war der Self-Made-Mann Michael Schmidt, der 1979 und 1980 in Essen an der Folkwang-Hochschule einen Lehrauftrag hatte und sowohl den engen Austausch mit der Berliner als auch der US-amerikanischen Foto-Szene förderte. Zum Professor an der renommierten Essener Einrichtung reichte es allerdings nicht. Es mangelte ihm an einem klassischen Abschluss einer Universität. Das dürfte Schmidt à la longue nicht geärgert haben. 1988 zeigte das New Yorker MoMA den Werkstattgründer in einer Gruppenausstellung, 2014 das Londoner Victoria and Albert Museum. Der heutige Starfotograf Andreas Gursky, damals am Folkwang, zähle Schmidt zu seinen wichtigsten Lehrern, so die Ausstellungsmacher.

     In sieben Kapiteln spürt „Das rebellische Bild“ der Fotografie dieser Zeit nach: Die Schau präsentiert die frühe alternative Ausstellungstätigkeit der jungen Akteure, gibt Einblick in die prägenden Projekte der ersten Preisträger des „Stipendiums für Zeitgenössische deutsche Fotografie“ der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung und dokumentiert, wie die jungen Bildautoren die topografische und dokumentarische Fotografie weiterentwickelten und bewusst die Anti-Ästhetik der Amateure aufgriffen.

 

Michael Schmidt, Müller-/Ecke Seestraße, 1976-1978; aus: Berlin-Wedding, 1979, © Stiftung für Fotografie und Medienkunst mit Archiv Michael Schmidt, Ausstellung Werkstatt für Photographie 1976-1986 C/O Berlin

 

Nach und nach wurde Essen zu einem Brückenkopf für den Austausch mit Berlin und zum Kristallisationspunkt für die junge zeitgenössische Fotografie in der Bundesrepublik.

     Die junge Essener Fotografie setzte sich mit den damaligen Tendenzen in der Jugendszene auseinander, entdeckte die Farbe als künstlerische Ausdrucksweise, forderte Antworten auf Fragen nach neuen Formen des Dokumentarischen, nach authentischen Bildern und Haltungen ein und stellte der objektivierenden Distanz der Düsseldorfer Schule mit dem Ehepaar Becher einen forschenden, subjektiven Blick entgegen.
cpw


Die Ausstellungen werden unter dem Leittitel „Werkstatt für Photographie 1976 – 1986“ gezeigt und sind eine Kooperation von C/O Berlin, Museum Folkwang, Essen, und Sprengel Museum Hannover.

 

Werkstatt für Photographie 1976-1986


Das rebellische Bild; Situation 1980: Die Kreuzberger „Werkstatt für Photographie“ und die junge Folkwang-Szene

bis 19. Februar 2017
Museum Folkwang
Museumsplatz 1
45128 Essen
Tel 0201 / 8845 000
Öffnungszeiten
DI - SO 10 - 18 Uhr
DO, FR 10 - 20 Uhr


Werkstatt für Photographie 1976-1986
Und plötzlich diese Weite
Sprengel Museum Hannover
bis 19. März 2017

 

Werkstatt für Photographie 1976-1986
Kreuzberg – Amerika
C/O Berlin
bis 12. Februar 2017

 

 

 

 

 

 


 

 

  

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