rheinische ART
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rheinische ART 01/2023

HANDWERK
Mit Soraya über die Kö


Mit jedem verlorenen Beruf geht auch ein Stück Kultur verloren. Über ausgestorbene oder vom Aussterben bedrohte Berufe informiert eine Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle.

 

Funkenmariechen-Rock und Schützenuniform aus einer Eifeler Schneiderei für Karnevalsuniformen (geschlossen 2002). Foto © LVR-Industriemuseum, Oberhausen, Foto: David Ertl. Bildquelle © Bundeskunsthalle Bonn

 

Soraya, Kaiserin von Persien, bei einem Einkaufsbummel mit ihrer Mutter in der Düsseldorfer Königsallee, 1958. Foto © ullstein bild – ullstein bild, Bildquelle © Bundeskunsthalle Bonn

 

Spekulatiusmaschine der Firma Oveco, vermutlich 1950er-Jahre. Foto © Freilichtmuseum Lindlar, Foto: David Ertl. Bildquelle © Bundeskunsthalle Bonn

 

Die Düsseldorfer Königsallee war einmal eines der Aushängeschilder deutscher Schneider- und Couturier-Kunst. Selbst die Kaiserin von Persien, zweite Ehefrau des Schah von Persien (heute Iran) und ihre deutsche Mutter schauten in den Fünfzigerjahren an der noblen Einkaufsmeile vorbei, in der Maßschneidereien Damenmoden in deutscher Wertarbeit anboten.


Das Rheinland hatte mit zahlreichen Standorten der zum Teil handwerklich ausgerichteten Textil- und Bekleidungsindustrie eine starke Stellung. So etwa Krawattenfertigung aus Seide in Krefeld, Modedesign aus Düsseldorf, Cord aus Mönchengladbach, dem sogenannten Manchester Deutschlands. Lange ist´s her.

     Manche Handwerke und kuriosen Berufe sind verschwunden und vergessen. Veränderungen, wie sie in den vergangenen Jahrzehnten zu beobachten waren, geschehen zunächst auf lokaler Ebene.

 

Daher nimmt die kleine aber feine Ausstellung „Die Letzten ihrer Art“ den beruflichen Wandel in Nordrhein-Westfalen in den Blick und widmet sich fünf gefährdeten Professionen.

     Die fünf Berufe, die die Kuratoren in Bonn ausgesucht haben, sind die regional durch die Industrialisierung und Globalisierung bedrohten Handwerke des Backens und Schneiderns, das Ende des Steinkohlenbergbaus zugunsten des ökologischen Wandels, der infolge der Digitalisierung allmählich verschwindende Dienstleistungsberuf der Kassiererinnen und das nahezu verschwundene Handwerk der Schriftsetzerei.

 

Leider sind es nur fünf Berufe und ein Ausstellungsraum, in dem die Bundeskunsthalle sich diesem hochinteressanten Thema widmet. Gerne hätte man das Doppelte an Berufen in einem zweiten Schauraum gesehen. Denn anhand dieser Beispiele können vergangene, gegenwärtige und zukünftig zu erwartende Auswirkungen der Transformation im Arbeitsleben allgemeingültiger deutlich gemacht werden. Dennoch ist es eine unbedingt sehenswerte Schau über das Handwerk, das oft geschmäht aber doch immer und überall gebraucht wurde und noch gebraucht wird.

 

Blick in die Ausstellung. Foto: Simon Vogel, 2022 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH


Andererseits gilt: Im Laufe der Geschichte verschwanden zwar unzählige Berufe, aber auch neue kamen hinzu, die sich insbesondere durch die Industrialisierung dem gesellschaftlichen und technischen Wandel anpassen. Dieser Prozess hat durch die Globalisierung und Digitalisierung noch einmal zusätzlich an Fahrt aufgenommen, wie es in Bonn heißt.

     Manches Handwerk ist geblieben, erfuhr gar erstaunliche Nachfrage, da sich die Klientel geändert hat. Für den Berufs- wie Hobbyreiter ist ein guter Hufschmied und ein Sattler das Non-Plus-Ultra. Apropos Pferd: Auch der Pferdepfleger ist kaum durch eine Maschine zu ersetzen. Es dürften die Routinejobs sein, die künftig von Automatisierung und Roboterarbeit verdrängt werden, in der Lagerlogistik, im Handel und in den Dienstleistungen. Wer braucht schon noch eine Wäscherin, Telefonistin, eine Posamentenstickerin oder einen Seiler?

 

Registrierkasse aus einer Drogerie, Nationale Registrierkassen GmbH, Berlin um 1900. Foto © Freilichtmuseum Lindlar, Foto: David Ertl. Bildquelle © Bundeskunsthalle Bonn

 

Die Ausstellung verdeutlicht, dass sich die weltweiten Transformationsprozesse auch im Berufsalltag einzelner widerspiegeln. So werden Aspekte des sozialen, wirtschaftlichen und auch ökologischen Wandels in den einzelnen Berufsgruppen sichtbar, wie etwa körperliche, psychische und soziale Entfremdung, persönlicher, familiärer und regionaler Identitätsverlust oder auch Zukunftsangst.

     Gesellschaftlicher Wandel birgt aber auch Chancen auf eine Verbesserung des beruflichen Alltags, besonders mit Blick auf die aktuelle Nachhaltigkeitsdebatte. Handwerkliche Kreativität und der Wissenstransfer von Kulturtechniken spielen eine wichtige Rolle für unser aller Bildung und Wohlbefinden. Einige Handwerksberufe gilt es darum als immaterielles Kulturerbe zu bewahren.


Der US-amerikanische Soziologe Richard Sennett (*1943), bekannt für seine Forderung, den Eigenwert der praktischen Arbeit wiederherzustellen und die Arbeitsumstände so zu gestalten, dass die Menschen ihre Tätigkeiten möglichst gut verrichten können, formulierte in seinem Buch „Handwerk“ 2008: „Der emotionale Lohn für die Erlangung handwerklicher Fertigkeiten ist ein doppelter: Die Menschen sind in einer greifbaren Realität verankert und sie können stolz auf ihre Arbeit sein.“
rART/K2M


Die Ausstellung „Die Letzten ihrer Art – Handwerk und Berufe im Wandel“ wird bis zum 2. April 2023 gezeigt.
Kunst- und Ausstellungshalle
der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Museumsmeile Bonn
Helmut-Kohl-Allee 4
53113 Bonn
Tel. 0228 / 9171–200
Öffnungszeiten
DI + MI 10 – 21 Uhr
DO - SO 10 – 19 Uhr


 Lesetipp: Sennetts Liebeserklärung an das Handwerk.
Richard Sennett, Handwerk, Hrsg. Berlin Verlag, Taschenbuch 2009, Deutsch, 432 Seiten, ISBN-10: 3833306327 ISBN-13: 978-3833306327


► Die Ausstellung auf YouTube hier

 

 

 

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