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rheinische ART 01/2016

Archiv 2016

UNBEQUEME KUNST

Anselm Kiefers Geschichtswerkstatt

 

Erstmals seit 30 Jahren zeigt das Centre Pompidou in Paris wieder eine Retrospektive zum Werk des Malers, Bildhauers und „Wahlfranzosen“ Anselm Kiefer. Wer bislang nicht genau wusste, was einer der erfolgreichsten deutschen Künstler der Gegenwart ausdrücken wollte und noch will, kann es hier lernen. Oder zumindest sehen.

 

Anselm Kiefer Osiris et Isis (Osiris und Isis) 1985-1987, Huile, acrylique, émulsion, argile, porcelaine, plomb, fil de cuivre et circuit imprimé sur toile 379,7 x 561,3 x 24,1 cm; San Francisco Museum of Modern Art, purchase through a gift of Jean Stein by exchange, the Mrs. Paul L. Wattis Fund, and the Doris and Donald Fisher Fund © Anselm Kiefer / Photo: Ben Blackwell

 

Die 150 Arbeiten umfassende Werkschau in Paris ist die zweite in kurzer Zeit. In London wurde Kiefer bereits im Herbst 2014 mit einer großen Schau gefeiert. Der an Überraschungen nicht arme Rückblick auf das Lebenswerk Kiefers bietet zentrale Arbeiten aus allen Schaffensphasen. Anselm Kiefer (*1945) hat wie kein anderer bildender Künstler die deutsche Geschichte mit ihren Abgründen und deutsche Mythen zu seinem Thema gemacht.

 

Anselm Kiefer Homme dans la forêt (Mann im Wald) 1971, 174 x 189 cm, Acrylique sur toile de coton, Collection particulière, San Francisco, Photo Centre George-Pompidou Paris 2015 © Ian Reeves

 

Anselm Kiefer Margarethe, 1981, Huile, acrylique, émulsion et paille sur toile 280 x 400 cm, The Doris and Donald Fisher Collection at the San Francisco Museum of Modern Art © Anselm Kiefer / Photo : Ian Reeves

 

 


Anstrengend Das reicht, wenn man so will, etwa von der legendären Varus-Schlacht bei Kalkriese bis zum amerikanischen Morgenthauplan, der vorsah, dass Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg in ein Agrarland verwandelt werden sollte.

     Mit zahlreichen Arbeiten unter Verwendung von schweren Materialien und raffinierten, ungewöhnlichen Materialkombinationen spiegelt Kiefer vorzugsweise die NS-Zeit bis zum seinem Geburtsjahr und untersucht die Auswirkungen der Weltkriegszeit auf seine Landsleute. Das ist nicht immer sofort verständlich und oft auch gar nicht bequem. Eigentlich sogar anstrengend.

     Und Kiefer schließt selbst die jüngere Vergangenheit Deutschlands nicht aus.

 

Anselm Kiefer Pour Madame de Staël: de l’Allemagne (Für Madame de Staël: Über Deutschland) 2015, Installation in situ, Collection particulière, © Centre George Pompidou Photo: Yoan Valat 2015


Zum Beispiel seine monumentalen Installationen mit Themen zur deutschen Geschichte der 1970er Jahre. In seinem Werk „De l´Allemagne“ (Über Deutschland) etwa greift Kiefer den Terrorismus der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) mit Leitfiguren wie Ulrike Meinhof auf. Mit dieser jungen Arbeit aus 2015 zeige er, so wird Kiefer zitiert, „Nebengleise der deutschen Romantik“.

     Der Werktitel stammt vom gleichnamigen bahnbrechenden Buch der französischen Schriftstellerin Germaine de Staël, die 1810 für ihre Landsleute ein Deutschland beschrieb, das sie mehrheitlich als vulgär und brutal verachtete aber gleichwohl für seine Dichter und Denker bewunderte. Bei Kiefers Installation umgeben die Dichter, Denker und Romantiker - Eichendorff, Brentano, Fichte und andere – als giftige Pilze die Terroristin.

 

Anselm Kiefer Pour Paul Celan: Fleur de cendre (Für Paul Celan: Aschenblume) 2006 Huile, émulsion acrylique, shellac et livres brûlés sur toile, 330 x 760 x 40 cm, Collection particulière, Centre George-Pompidou/ Photo: © Charles Duprat

 

Missverstanden Kiefers wuchtige, mächtige und nicht selten erdrückende Kunst, die er mit allerlei dunklen, schweren und hässlichen Materialien konstruiert und kombiniert, war denn auch nicht gerade ein Publikumsmagnet im Heimatland. Düstere Melancholie, Geschichtslast, trübe deutsche Landschaften, verbrannte Erde, Endzeitstimmungen: das sind Konfrontationen mit einer unbequemen Welt und löst Verstörungen aus. Im deutschen Feuilleton war ob der Landschafts- und Materialbilder nicht selten von „Gigantismus“ und „Mythengeraune“ die Rede.

     Seine Erfolge feierte der Schwabe aus Donaueschingen, der Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels (2008) ist, im Ausland, vor allem in den Vereinigten Staaten und in Frankreich, aber auch im Benelux-Raum (mehr). Kiefer erhielt 1997 den Jury-Preis der Kunst-Biennale Venedig und zwei Jahre später den höchst renommierten japanischen „Praemium Imperiale“ der Japan Art Association. Er lebt seit 1993 in Frankeich.

 

Anselm Kiefer in seinem Atelier, 2014, © Anselm Kiefer/ Photo: Renate Graf

 

Der heute siebzigjährige Künstler absolvierte sein Kunststudium an der Kunsthochschule in Karlsruhe und an der Kunstakademie Düsseldorf bei Joseph Beuys. Bereits frühzeitig wandte er sich seinem Interessengebiet NS-Geschichte zu. Das war in den Anfangsjahren nicht populär, nicht erfolgreich und nicht ertragreich. Kiefer löste häufig politische Kontroversen aus und galt als Provokateur par excellence.


In zehn thematischen Räumen präsentiert das Centre Pompidou nun chronologisch aufgebaut Kiefer-Werke vom Ende der 1960er Jahre bis zur Gegenwart.

     Der Besucher kann dort teilweise durch monumentale Installationen wandern und Acrylbilder mit darin verarbeiteten Materialien wie Blei, Asche, Sand, Stroh oder Metall bestaunen. Ergänzend liefern Tausende Fotografien aus des Meisters Hand in einer „Art biografischer Datenbank“ Hilfreiches zum Verständnis der Werke. Unter diesen Monumentalbildern sind etwa die Werke, die sich mit dem Holocaust auseinandersetzen wie Quaternität (1973), Varus (1976), Margarete (1981) und Shulamith (1983).

     Die jüngeren Arbeiten, die einen wichtigen Platz in der Schau einnehmen, zeigen einen Kiefer, der sich mit Alchemie, der jüdischen Mystik und der Kabbala beschäftigt. Diese Arbeiten sind in 40 speziell zu diesem Themenblock entwickelten Vitrinen ausgestellt.
Klaus M. Martinetz


Die Ausstellung „Anselm Kiefer“ wird bis zum 18. April 2016 gezeigt.
Centre George-Pompidou
Paris 75191
Frankreich
+33 (0) 1 44 78 12 33

Öffnungszeiten
täglich 11 - 22 Uhr
DI geschlossen

 

 

 

 


 

 

 

 

 

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