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rheinische ART 07/2016

Archiv 2016

JOACHIM RINGELNATZ
Ein Hans im Glück war er nie


Komischer Kauz, Komödiant, Knallcharge, klammer Lebenskünstler und Dichter schräger Reime. Was wurde über den Mann nicht alles an derben Begriffen ausgeschüttet. Eine Retrospektive auf das bildkünstlerische Gesamtwerk zeigt, dass Joachim Ringelnatz weit mehr war als der Schöpfer von Lebensweisheiten und Verfasser skurril-grotesker Nonsense-Gedichte. Er war auch Maler.

 

Joachim Ringelnatz Dachgarten der Irrsinnigen, 1925, Öl auf Leinwand, 46,5 x 64 cm © Clemens-Sels-Museum Neuss, Foto © Zentrum für verfolgte Künste 2016

 
 

„War einmal ein Bumerang. Der Maler Joachim Ringelnatz kehrt zurück“ heißt die Schau, die das Solinger Zentrum für verfolgte Künste (mehr) aufgelegt hat. Sehr zu recht an diesem Ort, denn Ringelnatz (1883-1934) war auch ein Verfolgter.


Sein Leben spiegelt das Elend, aber auch den Glanz der deutschen Vergangenheit wider. Hans Gustav Bötticher, als der er geboren wurde, Sohn aus kunstsinnigem und gutbürgerlichem Hause in Wurzen nördlich von Leipzig, fliegt vom Gymnasium, weil er sich – von exotischen Samoanerinnen auf einer Völkerschau fasziniert – tätowieren lässt. Es ist der Auftakt für ein Leben mit Irr-, Um- und Nebenwegen. Nichts verläuft für den begabten, kreativen jungen Mann gradlinig. Ein Hans im Glück wird er nie.

 

Joachim Ringelnatz Auf dem Kohlendampfer, 1926, Öl auf Leinwand, Privatbesitz © Zentrum für verfolgte Künste Solingen 2016 

 

Es zieht ihn zur See, was eine enge aber zwiespältige Beziehung werden wird. Als Schiffsjunge und Seemann befährt er, immer hart am Existenzminimum, gelegentlich auch darunter, die Welt. Wieder an Land lernt er in München die Bohème kennen und schreibt, stets knapp bei Kasse, erste Gedichte. Die trägt er in der Künstlerkneipe Simplicissimus vor. Dort lernt er auch die Kabarettistin Emmy Hennings kennen, die wenige Jahre später in Zürich den Dadaismus mitbegründet (mehr).

     Der Erste Weltkrieg bricht aus und der kriegsbegeisterte Ringelnatz, der noch Bötticher heißt, meldet sich zur Marine. Zum Ende der Völkerschlacht ist er Reserveoffizier im Rang eines Leutnants zur See und - auf verschlungenen Wegen - Kommandant eines Minenlegers, aber ohne Fronterfahrung.

 

Joachim Ringelnatz Flugzeugblick, 1928, Öl auf Leinwand, 67 x 62,5 cm, Privatbesitz © Zentrum für verfolgte Künste Solingen 2016

 

Joachim Ringelnatz Elefant im Sturm, 1927, Öl auf Leinwand, 32,5 x 41,5 cm, Privatbesitz © Zentrum für verfolgte Künste Solingen 2016

 

Ab 1920 beginnt ein neuer Lebensabschnitt für ihn, es ist sein Jahrzehnt. Unter dem Pseudonym Joachim Ringelnatz veröffentlich der Mittdreißiger Gedichte und wird Vortragskünstler auf Kleinkunstbühnen, und dies durchaus erfolgreich. Am literarischen Berliner Kabarett „Schall und Rauch“ erhält er im September 1920 ein Engagement, er ist gefeierter Star auf der Bühne.

     Ringelnatz ist ein Spieler mit und in der Sprache, der karikiert, der boshaft Spott auszugießen weiß und Scharfzüngiges beherrscht. Bei seinen wilden Shows im Matrosenkleid trinkt, singt und brüllt er, zertrümmert auch mal Stühle - der Dadaismus lässt grüßen. Mit seinen erotischen, zeitkritischen, kuriosen und zum Teil schwermütigen Gedichten wird er so berühmt wie die Comedian Harmonists.

     1925 lernt er bei einer Parisreise Jean Cocteau (mehr) kennen. Er hat im deutschen Westen Auftritte im Essener Alkazar, im Corso in Düsseldorf und im Kölner Atrium. Wahre Elogen werden auf ihn gehalten, so etwa in der Berliner Zeitung vom 17.11.1930. Man könne, so schreibt der Verfasser begeistert, „…ein Wunder erleben, sehen und hören, die allerseltenste und allerkostbarste Spezies der Gattung Mensch: ein ganz großer Dichter.“

 

Joachim Ringelnatz Treibende Schollen, 1928, Öl auf Leinwand, 68,5 x 63,5 cm, Privatbesitz © Zentrum für verfolgte Künste Solingen 2016

 

Joachim Ringelnatz 1932, Fotoquelle © Bildarchiv Stadtmuseum München, Foto Josef Breitenbach

 

Als Ringelnatz, Joachim, Kunstmaler steht er da noch im Telefonbuch der Hauptstadt und mit seinen Gemälden ist er ebenfalls erfolgreich. Seine Werke zeigen oft eine schiefe Welt, sein unsteter Lebenswandel hinterlässt Spuren an der Staffelei. Möglicherweise ist es auch der Mainstream der 1920er-Jahre; Ringelnatz-Gemälde werden mit bedeutenden Künstlern wie Otto Dix und George Grosz gleichzeitig ausgestellt.

     Sein Bühnentalent weiß der sächsische Schriftsteller und Schöpfer der knurrigen Seemanns-Kunstfigur Kuttel Daddeldu, die ihn bekannt gemacht hat, auch anderweitig gut einzusetzen. 1923 bei Versteigerungen von eigenen Gemälden in der berühmten Berliner Galerie von Alfred Flechtheim (mehr), mit dem er befreundet ist, gibt er den „herumkaspernden“ Mitbieter und macht zum Gaudi des Publikums die Auktionen zu Liaisons von Kabarett und Kommerz. Es sollen - wie man heute zu sagen pflegt - „Events“ der Sonderklasse und den Gemälden nicht abträglich gewesen sein.


In Kassel wird 1929 die „Vierte Große Kunstausstellung - Neue Kunst in der Orangerie“ gezeigt. Die Teilnehmerliste dieses documenta-Vorläufers ist äußerst erlesen. Die Avantgarde Deutschlands gibt sich ein Stelldichein: Von Josef Albers bis Oskar Schlemmer ist alles vertreten – einschließlich Feininger, Heckel, Mataré, Kandinsky und Klee.

 

Joachim Ringelnatz Urwald, 1928, Öl auf Leinwand, 53,5 x 59,5 cm, Privatbesitz Foto: Jörg von Bruchhausen © Zentrum für verfolgte Künste Solingen 2016

 

Der Maler Ringelnatz stellt zusammen mit Hans Feibusch, Felix Nussbaum und Milly Steger aus. Ihre Arbeiten gehören wenige Jahre später zur „entarteten Kunst“. Feibusch emigriert nach England, Nussbaum wird 1944 im KZ-Auschwitz ermordet. Von Milly Steger, der Bildhauerin vom Niederrhein, werden zwei Plastiken beschlagnahmt.

     Stegers Skulptur „Kniende“ entdecken 2010 in Berlin Archäologen im Bauschutt (mehr). Alle drei sind im Übrigen in der Sammlung der „Bürgerstiftung für verfolgte Künste“ in Solingen vertreten und jetzt wieder mit Ringelnatz vereint.

 

Verfehmt Wie ein böser Schatten liegt bis heute die „Aktion Entartete Kunst“ auch auf Ringelnatz` außergewöhnlichen Bildern. Die „Säuberungen“ der Bibliotheken Anfang der 1930er Jahre richteten für Ringelnatz dichterisches Werk im Nachhinein keinen Schaden an. Dafür war er zu populär, kommentieren die Solinger Kuratoren.

     Das komplexe malerische Werk hingegen existiert bis heute nur im Verborgenen der Museumsdepots oder im Privaten. Erste Klarsicht über Ringelnatz´ Ölgemälde, Aquarelle und Zeichnungen brachte vor rund 16 Jahren ein Göttinger Forschungsprojekt mit anschließender Ausstellung. Die Solinger Exposition zeigt einen Ringelnatz, der sich ebenso sehr als Maler wie als Dichter verstand. Es ist ein Baustein mehr, seine Bild-Kunst vor der vollständigen Vergessenheit zu retten.
cpw


Das aktuelle Werkverzeichnis vermerkt 213 Bilder aus Privatbesitz und öffentlichen Institutionen. 50 Originale und 50 Faksimiles verschollener Werke, die anhand von alten Fotografien rekonstruiert wurden, zeigt das „Zentrum für verfolgte Künste“. Die verschollenen Arbeiten stehen somit erstmals wieder den erhaltenen Gemälden gegenüber. Die Schau wird um eine separate Ausstellung zum literarischen Werk Ringelnatz`ergänzt.


► Als Supplementband zur Biografie „War einmal ein Bumerang“ des Co-Kurators und Autors Hilmar Klute erscheint ein Katalog mit allen Bildern der Ausstellung und Texten von Thilo Bock, Elke Heidenreich, Rolf Jessewitsch, Jürgen Kaumkötter, Stefan Koldehoff, Frank Schulz, Alain Claude Sulze und Peter Wawerzinek.


Die Ausstellung „War einmal ein Bumerang. Der Maler Joachim Ringelnatz kehrt zurück“ ist bis zum 17. Juli 2016 zu sehen.
Zentrum für verfolgte Künste

im Kunstmuseum Solingen
Wuppertaler Str. 160
42653 Solingen
Tel. 0212 / 258 140
Öffnungszeiten
DI – SO 10 – 17 Uhr

 

 

 

 

 

 

 

   

 

 

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