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rheinische ART 06/2016

Archiv 2016

FOTOGRAF DES NEUEN LANDES

Berbens Erbe

 

Der Düsseldorfer Journalist Hans Berben (1914 -1979) war weder Historikern, Lokalkennern noch einer breiten rheinischen Öffentlichkeit hinlänglich bekannt. Seine Reportagen für die Tageszeitung „Rhein-Echo“ wurden über die Jahrzehnte vergessen, seine beeindruckenden Fotografien ebenfalls. Erst vor wenigen Jahren stieß man zufällig auf sein Archiv.

 

Hans Berben Spieler von Fortuna Düsseldorf während des Trainings unter Sepp Herberger auf dem Gelände der Sporthochschule Köln, o.J. Foto © ZMB

 

Es war einer jener Zufallsfunde, deren Tragweite sich Kunsthistorikern und Archivaren erst allmählich erschloss. Denn als am 23. August 1946 aus Teilen der britischen Besatzungszone das neue Land Nordrhein-Westfalen gebildet wurde und damit ein völlig neuer territorialer Zuschnitt entstand, war Hans Berben vor Ort.

 

Hans Berben Arbeiter bei der Wiederherstellung der Oberkasseler Rheinbrücke, Oktober 1947. Foto © ZMB

 

Hans Berben Der schnellste Kellner Düsseldorfs: Erstes „Kellnerrennen“ über die Kö im April 1946. Vorne: Der spätere Sieger Albert Kahn vom „Benrather Hof“. Foto © ZMB

 

Er fotografierte in Schwarz-Weiß nicht nur das Geschehen nach Ende der Kampfhandlungen, sondern das alltägliche Leben mit all seinen Beschwernissen zwischen Trümmern, Kriegsschrott und bescheidenem Neuaufbau. Berben wurde damit, wie sich heute zeigt, zu einem der wenigen rheinischen Chronisten der ersten Nachkriegsjahre, ein Fotozeuge des Alltags zwischen Kriegsende und neuer gesellschaftlicher Orientierung.

     Zu sehen sind derzeit rund 100 seiner Bilddokumente in der sehenswerten Ausstellung „Neues Land. Hans Berben: Fotografien 1946-1951“ in der Mahn- und Gedenkstätte in der Düsseldorfer Mühlenstraße.

     Hans Berbens journalistisches Arbeitsfeld war Düsseldorf und die weitere Umgebung. Er hinterließ einen fotografischen Bestand von nahezu 11.000 Negativen, die heute als einzigartige und höchst seltene Bildbelege der rheinischen Wiederaufbaujahre nach dem Zweiten Weltkrieg gelten dürfen. Es ist, wie der Ausstellungskatalog formuliert, der "Nachlass eines Unbekannten".


Das Besondere an Berbens Erbe: Nicht vorrangig düstere, endzeitartige Ruinenlandschaften und Zerstörungen standen, wie bei anderen Lichtbildnern (mehr), im Fokus seiner Tätigkeit als Fotograf, sondern die Menschen.

     Es sind oft eindringliche Fotos mit einem „unverwechselbaren, teils recht privatem Blick“, so die Kuratoren. Sie zeigen etwa jüdische Kinder im Auffanglager, Zuschauer, die - auf einem Trümmerhügel stehend - aus der Ferne einen Boxkampf verfolgen, die ersten schnellen Kellner im Laufwettbewerb an der zerbombten Königsallee, Bauarbeiter auf der Montagestelle Oberkasseler Brücke oder die feierliche Eröffnung des NRW-Landtags im Ständehaus am 15. März 1949.

 

Hans Berben Eröffnung des neuen Kunstzentrums von Johanna Ey (Bildmitte) im Juli 1946. Vorne rechts sitzt der Künstler Otto Pankok (mehr), links mit Brille der Maler und Bühnenbildner Robert Pudlich. Hinter Ey der Akademie-Direktor Werner Heuser. Foto © ZMB

 

Prominenz Und dann Einzigartiges aus der Politik- und Kunstszene der gerade zur Landeshauptstadt gekürten Stadt Düsseldorf. Die zurückgekehrte legendäre Mutter Ey (mehr) im Kreise kreativer Zeitgenossen, die Gründer des Kom(m)ödchens Kay und Lore Lorentz auf der Bühne. Oder der erschöpfte CDU-Mitbegründer Karl Arnold, ab 1947 zweiter Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, bei einer Zigarettenpause in der Kantine des noch provisorischen Landtags des neuen Landes Nordrhein-Westfalen.

 

Hans Berben Lore und Kay Lorentz, die Gründer der Düsseldorfer politisch-literarischen Kabarettbühne „Kom(m)ödchen“ im März 1947 mit dem Programm „Positiv dagegen!“ Foto © ZMB

 

 

Hans Berben Ministerpräsident Karl Arnold in der Kantine des Landtags, der damals provisorisch im Gesolei-Saal der Henkel-Werke tagte. Der Saal blieb bis 1949 Sitzungsort des neugegründeten NRW-Landtags, o.J. Foto © ZMB

 

Der Fotograf Hans Berben auf einem Frachtschiff auf dem Rhein, während einer Reportage über das Leben der Rheinschiffer, 1946. Foto © ZMB

 

Die Ausstellung ist anlässlich des 70. Geburtstags des Bindestrichlandes Nordrhein-Westfalen von der Gedenkstätte in Kooperation mit dem LVR-Zentrum für Medien und Bildung (ZMB) kuratiert und kommentiert worden. Dass 2010 beiden Institutionen übergebene, unkommentierte Fotokonvolut, das in jahrelanger Kleinarbeit aufgearbeitet wurde, hat auch das Interesse an der Person Hans Berben geweckt.


Die Sachlage ist diesbezüglich allerdings erstaunlich bescheiden. Hans Berben wurde 1914 in Dudweiler an der Saar geboren. Fünf Jahre später zog die Familie nach Düsseldorf. Mit 18 Jahren hielt sich Hans Berben ein halbes Jahr in Amsterdam auf, im Sommer1932 reiste er nach Addis Abeba (Äthiopien) und kehrte Anfang 1933 wieder nach Düsseldorf zurück. Zwei Jahre später begann seine militärische Ausbildung. Berben fotografierte bereits als Soldat bei einer Fernmeldeeinheit.


Nachkriegsfotografie Die meisten seiner erhaltenen Fotografien stammen aus seiner Tätigkeit für die Zeitung "Rhein-Echo" zwischen 1946 und 1951. Er war in jenen Jahren freier Text- und Bildjournalist und arbeitete nachweislich auch für gewerkschaftsnahe Publikationen, für den Düsseldorfer Industriekurier - der später in der Wirtschaftszeitung Handelsblatt aufging - und den Hamburger Spiegel.

     Berbens Bilder zeigen den politischen und gesellschaftlichen Neubeginn des Rheinlandes ebenso wie den Alltag der Bevölkerung zwischen Trümmern und den Folgen der NS-Zeit. Berben hatte auch intime Einblicke in den Nachkriegsalltag von NS-Verfolgten und Holocaust-Überlebenden. So beinhaltet sein Foto-Nachlass Aufnahmen von der Neugründung der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf und dem Landesverband der jüdischen Gemeinden der Nordrheinprovinz.

 

Hans Berben Jüdische Kinder im DP-Camp (Displaced Personens Camp) im Stadtwald von Bocholt, 1947. Foto © ZMB

 

Mit dem Politiker und Staatskommissar für Nazi-Opfer Philipp Auerbach (1906-1952) war er bei der Einweihung des jüdischen Mahnmals im ehemaligen KZ Bergen-Belsen. Den aus dem Saarland stammenden Journalisten Karl Marx, ab 1946 Herausgeber des „Jüdischen Gemeindeblattes für die Nord-Rheinprovinz und Westfalen“, eines der ersten jüdischen Presseorgane in Deutschland, begleitete er anlässlich einer Inspektion des britischen DP-Camps 87 („Displaced Persons-Camp“) im Stadtwald von Bocholt. Berben war mit seiner Kamera ferner bei Treffen der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) und der SPD dabei.

     Und er gilt als einer der wenigen Fotografen, die am 9. September 1947 die vom britischen Militär angeordnete Zwangs-Unterbringung von fast 4.500 jüdischen Passagieren des berühmten Flüchtlingsschiffes „Exodus“ in zwei Lager nahe Lübeck dokumentierten. Die weltweit Empörung auslösende „Exodus-Affäre“ förderte die Auflösung des britischen Mandats in Palästina und die Etablierung des Staates Israel.
Claus-Peter Woitschützke


 Die Ausstellung wurde kuratiert und kommentiert von Peter Henkel und Hildegard Jakobs von der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf sowie von Renate Rütten vom ZMB und Thomas Ullrich.

 

Die Ausstellung „Neues Land. Hans Berben: Fotografien 1946-1951“ wird bis zum 30. Oktober 2016 gezeigt. Der Eintritt ist frei.
Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf
Mühlenstraße 29
40213 Düsseldorf
Tel. 0211 / 89 96 205
Öffnungszeiten
DI - FR, SO 11 - 17 Uhr
SA 13 - 17 Uhr

 

 


 

 

 

   

 

 

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