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rheinische ART 07/2016

Archiv 2016

SYNAGOGE STOMMELN

Schacht der Erinnerung

 

Seit einem Vierteljahrhundert ist die ehemalige Synagoge von Pulheim-Stommeln bei Köln ein kleiner aber bemerkenswerter Sammelpunkt für Kunst. Jetzt wurde ein Tunnel als Installation unter das Gebäude gegraben.

 

Walid Raad, SITU Studio Those that are near. Those that are far. Weg in den Untergrund. Erleuchteter Tunneleingang - ein Schacht von wem und wozu? © Synagoge Stommeln/ Stadt Pulheim 2016, Foto Werner J. Hannappel

 

Ist der erleuchtete Grubenbau unter dem Fördergerüst ein Brunnen-, Kanal- oder Kontrollschacht? Eine Erinnerung an Flucht- und Vertreibungswege, an Schutzräume vor Bomben, an Verstecke von Kultur- oder Schmuggelgut, an Leben im Untergrund oder gar das Einfallstor zu unterirdischen Städten?

     Die Projektinitiatoren, der libanesische Performance-Künstler und Fotograf Walid Raad und die Projektgruppe SITU Studio, überlassen die Interpretation und Deutungssuche dem Besucher, seiner Erinnerung, Vorstellungskraft und Phantasie.


In der Tat sei die „Konnotation des Werkes" komplex, wie die Ausstellungsmacher erklären. Von den jüdischen Katakomben in Rom bis zu den weit verzweigten palästinensischen Tunnelsystemen der heutigen Zeit: Immer wieder treibt es religiöse, ethnische wie politische Minderheiten in den Untergrund, um hier versteckt vor der Öffentlichkeit ihren spirituellen Ritualen wie existentiellen Interessen nachzukommen.

     Bisweilen wurden Tunnel, Minen oder Gewölbe auch für die kriminelle Entwendung von Kulturgut genutzt (mehr), ebenso wie für den Schutz in Kriegs- und Krisenzeiten (mehr). Gutes und Schlechtes liegen also eng beieinander. All dies und mehr spiegelt sich in dem Raad-SITU-Projekt in der ehemaligen Synagoge.

 

Die Synagoge in Pulheim-Stommeln: Raum für ein anderes Kunsterlebnis und für intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte. © Synagoge Stommeln/ Stadt Pulheim 2016, Foto Werner J. Hannappel

 

Das Tunnelprojekt in Stommeln titelt “Those that are near. Those that are far”. Der ungewöhnliche Projektort wird seit 1991 für Ausstellungen genutzt und bietet seither jährlich die Möglichkeit, mittels eines Kunstprojektes an den Holocaust zu erinnern.

     Die Liste der bisherigen Künstler ist lang und prominent. Das entweihte jüdische Gotteshaus, das die NS-Zeit durch „Umwidmung“ in eine Scheune überstanden hatte, haben unter anderen Georg Baselitz, Rebecca Horn, Jannis Kounellis, Micha Kuball und Rosemarie Trockel für ihre künstlerische Arbeit genutzt.

     Nicht alle Inszenierungen gelten als gelungen. 2006 stieß der spanische Konzeptkünstler Santiago Sierra mit seinem Projekt „245 Kubikmeter“ auf scharfe Kritik der Synagogengemeinde. Er hatte Auspuffgase von Autos durch Schläuche in das Gebäude geleitet, Besucher konnten hernach mit Gasmasken in das Ex-Gotteshaus eintreten. Nach eigenem Bekunden hatte Sierra damit beabsichtigt, die Banalisierung des Gedenkens an den Holocaust anzuprangern. Geweckt hatte er starke Gefühle.

 

Wie aktuell die Thematik „Tunnelgrabung“ und damit auch die Kunstinstallation in Stommeln ist, verdeutlicht ein neuer Fund. In Paneriai (Ponary) nahe Litauens Hauptstadt Vilnius wurde jüngst erst ein jüdischer Tunnel zur Flucht vor den deutschen Nazi-Verfolgern wiederentdeckt. Bis Ende Dezember 1941 waren drei Viertel der Juden von Vilnius ermordet worden. Nach dem Krieg blieb der Tunnel, den Gefangene zur Flucht benutzten, trotz mehrfacher Suche unauffindbar. Nun soll der historische Gang als Teil einer künftigen Gedenkstätte für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.


Walid Raad, der das Stommelner "Grabungsprojekt" ausstellt, hat eine Professur für Kunst an der Cooper Union (New York) inne. Zu seinen wichtigsten Arbeiten gehören „The Atlas Group“, ein fünfzehnjähriges Projekt zur zeitgenössischen Geschichte des Libanon und die aktuellen Langzeitprojekte „Scratching on Things I Could Disavow“ und „Sweet Talk: Commissions (Beirut)“. Raad hatte Einzelschauen im Pariser Louvre, im MoMA New York, in der Kunsthalle Zürich und in der Londoner Whitechapel Art Gallery. Er wurde ferner auf der Documenta 11 und 13 in Kassel gezeigt und auf der Biennale von Venedig.


SITU wurde 2005 als interdisziplinär arbeitendes Projektstudio für Planung, Visualisierung und Raumanalyse in Brooklyn, New York, gegründet. Es widmet sich Innovationen in angewandter Forschung, Materialversuchen und Großkonstruktionen und erforscht Möglichkeiten, sozial und kulturell relevante Arbeiten zu schaffen, die Neuland in Kunst, Architektur und Design betreten. SITU-Arbeiten zeigten das MoMA und das Guggenheim Museum in New York sowie das österreichische Museum für Angewandte Kunst und das Berliner Haus der Kulturen der Welt.

Klaus M. Martinetz


Die Ausstellung „Those that are near. Those that are far” kann bis zum 25. September 2016 besucht werden.


Synagoge Stommeln
Hauptstraße 85 a,
50259 Pulheim-Stommeln
Tel. 02238 / 808 188
Öffnungszeiten
FR 15 - 18 Uhr
SA, SO 13 - 18 Uhr und nach Vereinbarung


 

 

 

   

 

 

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