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rheinische ART 07/2016

Archiv 2016

AM RANDE DES WAHNSINNS

Der Ohr-Vorfall

 

Warum schnitt sich Vincent van Gogh sein Ohr ab? An welchen Krankheiten litt er und warum beging er Selbstmord? Diese eigentlich nie klar beantworteten Fragen beschäftigen seit über 100 Jahren Kunsthistoriker, Sammler, Museen und Mediziner.

 

Vincent van Gogh Wheatfield with Crows (Weizenfeld mit Krähen), Auvers-sur-Oise, Juli 1890, oil on canvas, 50,5 x 103 cm, van Gogh Museum Amsterdam (Vincent van Gogh Foundation) Foto © Van Gogh Museum Amsterdam 2016

 

Die Krankheiten des niederländischen Impressionisten sind derzeit Thema einer Ausstellung im Amsterdamer Van Gogh Museum. Es ist eine ungewöhnliche Perspektive, die die Kuratoren da bieten und sie zeigt auf, dass noch lange nicht alles zu van Gogh erforscht und veröffentlicht ist.

     An Ausstellungen mangelt es zu diesem bedeutenden Maler nicht. Noch im letzten Jahr zum 125. Todestag hatten mehrere Kunstmuseen so gut wie alle seine Lebensphasen und -orte durchleuchtet und museal aufbereitet (mehr).

 

Vincent van Gogh Portrait of Dr. Félix Rey (Porträt von Dr. Félix Rey), oil on canvas, January 1889, The State Pushkin Museum of Fine Arts, Moscow Foto © Van Gogh Museum Amsterdam 2016

 

Emile Schuffenecker Man with a Pipe (nach Van Gogh´s „Selbstportrait mit verbundenem Ohr und Pfeife“ von 1889), cirka 1892-1900, chalk on paper, Van Gogh Museum Amsterdam (Vincent van Gogh Foundation) Foto © Van Gogh Museeum Amsterdam 2016

 

Die Amsterdamer Schau titelt „Am Rande des Wahnsinns“ und bietet etwa 25 Gemälde und Zeichnungen aus den letzten eineinhalb Lebensjahren von van Gogh (1853-1890). Die Exponate erzählen die Geschichte eines Mannes und seines Kampfes gegen fortschreitende körperliche und seelische Leiden.

     Spitzenstück ist, neben anderen bedeutenden Leihgaben, das berühmte Porträt des Arztes Dr. Félix Rey. Es hat seinen Stammplatz im Moskauer Puschkin-Museum und wird in Amsterdam zum ersten Mal ausgestellt.


Der „Ohr-Vorfall“
, womit sich van Goghs Krankheit während seines Aufenthalts im südfranzösischen Arles im Dezember 1888 manifestierte, wird mit Hilfe von Stellungnahmen und Briefen in der Schau rekonstruiert.

     Besonders interessant: ein kürzlich entdeckter Brief des Arztes Rey, der van Gogh im Krankenhaus betreute. Den Brief fand die Buchautorin Bernadette Murphy bei Recherchen für ihre Publikation Van Gogh‘s Ear: The True Story (Van Goghs Ohr, die wahre Geschichte) in einem US-amerikanischen Archiv. Rey hatte darin Skizzen angefertigt, die nachweisen, dass der Maler sein ganzes linkes Ohr abschnitt und nicht, wie lange Zeit vermutet wurde, nur einen Teil davon.

     Damit sei eine lange biographische Unklarheit ausgeräumt, erklärt das Amsterdamer Museum. Reys Brief wird neben van Goghs prächtigem Gemälde des Arztes präsentiert, das der Künstler ihm als Dank für seine gute Sorge schenkte.

 

Vincent van Gogh The yellow house (Das gelbe Haus), Arles, September 1888, oil on canvas, 72 x 91,5 cm, Van Gogh Museum Amsterdam (Vincent van Gogh Foundation) Foto © Van Gogh Museum Amsterdam 2016. Im Mai 1888 mietete Van Gogh vier Räume in einem Haus am Place Lamartine in Arles. Die grünen Fensterläden zeigen, wo er lebte. Der Maler selbst nannte das Gemälde The Street.


Genie und Wahnsinn?
Die Ausstellung verdeutliche, dass van Goghs Kunst nicht als ein Produkt seiner Krankheit gesehen werden sollte, sondern dass sie trotz dieser Erkrankung entstand, betonen die Kuratoren.

     Mithilfe der Gemälde, Zeichnungen und vieler Dokumente wird der Besucher über die entscheidenden Momente in van Goghs Krankheitsgeschichte informiert. So ist zu erfahren, wie die Umgebung auf seinen besorgniserregenden Zustand reagierte und ob seine seelische Verfassung die Werke beeinflusste. Der psychisch kranke Maler lebte zu diesem Zeitpunkt in Südfrankreich, wo einzigartige Gemälde seiner sogenannten „französischen Periode“ entstanden (mehr).

     Zudem erlauben die ausgestellten Dokumente einen Einblick in die unterschiedlichen Diagnosen, die im Laufe der Zeit von mehreren Ärzten gestellt worden waren.

 

Vincent van Gogh Garden of the Asylum (Garten des Hospitals), Saint-Rémy-de-Provence, Dezember 1889, oil on canvas, 72 cm. Van Gogh Museum Amsterdam (Vincent van Gogh Foundation) Foto © Van Gogh Museum Amsterdam 2016

 

Vincent van Gogh Almond Blossom (Mandelblüte),Saint-Rémy-de-Provence, Februar 1890, oil on canvas, 73,3 x 92,4 cm, Van Gogh Museum Amsterdam (Vincent van Gogh Foundation) Foto © Van Gogh Museum Amsterdam 2016. Van Gogh malte die Blüten des Mandelbaums im Jahr seines Todes, als Symbol für neues Leben. Das Gemälde war ein Geschenk für seinen Bruder Theo und dessen Ehefrau.

 

Revolver, type ‘Lefaucheux à broche’, 7 mm, 1865-1893, private collection Foto © Van Gogh Museum Amsterdam 2016

 

Im Hospital Andere Zeitzeugnisse, etwa aus dem Gemeindearchiv von Arles, die noch nie zuvor ausgestellt wurden, ermöglichen eine Sicht auf van Goghs geistigen Zustand und seine schwierige Situation.

     So leiteten seine Nachbarn eine Unterschriftenaktion in die Wege, um ihn einsperren zu lassen oder eine Hospital-Einweisung zu erreichen. Letztendlich beschloss der Maler im Mai 1889, sich freiwillig im Hospital von Saint-Rémy-de-Provence aufnehmen zu lassen, wo er ein Jahr lang bleiben sollte. Gemälde und Zeichnungen aus jenen Monaten, wie Der Garten des Hospitals und Mandelblüte - beides im Bestand des Van Gogh Museums - veranschaulichen, wie er mit seiner Krankheit kämpfte und in seiner Arbeit Halt suchte, um nicht zugrunde zu gehen.


Selbstmord oder Unfall? Die Ausstellung beleuchtet ferner eingehend die Umstände rund um van Goghs selbstgewählten Tod am 29. Juli 1890 in dem Dorf Auvers-sur-Oise in Nordfrankreich. Zu sehen sind unter anderem sein letztes Gemälde Baumwurzeln und Baumstämme sowie das Porträt des Arztes Paul-Ferdinand Gachet, der van Gogh auf seinem Sterbebett zeichnete.

     Zudem wird erstmals jener kleine, stark verrostete Revolver präsentiert, der möglicherweise die Waffe war, mit der sich van Gogh das Leben nehmen wollte. Dieser Taschenrevolver aus einer Privatsammlung wurde um 1960 von einem Bauern in Auvers bei Ackerarbeiten gefunden. Es handelt sich um eine Handfeuerwaffe vom Typ „Lefaucheux à broche“, kleines Kaliber, 7 mm.

     Der Korrosionszustand lasse auf ein Alter von 50 bis 80 Jahre schließen, vermerkt das Museum. Die geringe Feuerkraft der Suizidwaffe könnte eine Erklärung dafür sein, dass die abgeschossene Kugel an einer Rippe des Malers abgeprallt war, wie der Arzt Gachet konstatiert hatte. Das Geschoss änderte daraufhin seine Richtung nach unten und saß dann zu tief, um gefahrlos entfernt werden zu können. Van Gogh starb auf Grund dieser Verwundung etwa 30 Stunden später.

     Wenig Akzeptanz fand bislang eine andere Unfallthese aus dem Jahre 2011, wonach der Künstler sich nicht selbst anschoss, sondern unabsichtlich von einem Bauernjungen bei Waffenspielerein getroffen wurde (mehr).

 

Funeral card for the death of Vincent van Gogh (Beerdigungskarte zum Tode von Vincent van Gogh) July 1890, Van Gogh Museum Amsterdam (Vincent van Gogh Foundation), Foto © Van Gogh Museum Amsterdam 2016


Bis heute
ist noch immer unklar, an welcher Krankheit der Künstler litt. Es gab so viele Diagnosen wie Ärzte. Handelte es sich um Epilepsie, eine bipolare manisch-depressive Störung, bereits Schizophrenie oder eine Alkoholvergiftung?

     In unzähligen Publikationen wurde über die Ursachen von van Goghs Anfällen, seine Identitätskrisen und den möglichen Einfluss auf seine Kunst spekuliert. Manche Diagnosen wurden inzwischen verworfen, andere sind noch immer reelle Möglichkeiten. Die Schau in Amsterdam liefert keinen weiteren Beleg und auch keine finale Aufklärung - was auch nicht gewollt ist. Aber sie liefert einen bemerkenswerten Blick in die seelische Konstitution des Jahrhundertmalers, dessen Faszination ungebrochen ist.

rART/K2M


 In einem Symposium am Mittwoch, dem 14. September 2016, befasst sich ein internationales und interdisziplinäres Team aus medizinischen Spezialisten und van Gogh-Experten mit der Problematik seiner Krankheit. Die Ergebnisse werden einen Tag später in einer öffentlich zugänglichen Veranstaltung präsentiert.


► Zu der Ausstellung ist ein reich illustriertes Buch erschienen: Am Rande des Wahnsinns. Van Gogh und seine Krankheit, Nienke Bakker, Louis van Tilborgh, Laura Prins, u. M. v. Teio Meedendorp. Herausgeber: Mercatorfonds, Brüssel. Erhältlich auf Niederländisch, Englisch und Französisch. Internationale Distribution: Yale University Press, Actes Sud


Die Ausstellung „Am Rande des Wahnsinns“ wird bis zum 25. September 2016 gezeigt.
Van Gogh Museum
Museumsplain 6
1071 DJ Amsterdam NL
Tel 31 205 705 200
Öffnungszeiten
Bis 4. September 2016
Täglich 9 – 19 Uhr
FR bis 22 Uhr
SA bis 21 Uhr
Ab 5. September 2016
Täglich 9 – 18 Uhr

 

 

 

 


 

 

  

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