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rheinische ART 02/2016

Archiv 2016

DADA-JUBILÄUMSJAHR 2016

Mit Unsinn gegen Irrsinn


Alles Quatsch! Oder? Es ist Dada-Jahr und alle machen mit! Die internationale Kunst-und Literaturbewegung Dada wird 100 Jahre alt. Ihr Geburtstag, der 5. Februar 1916, markiert den Beginn einer neuen Epoche in der Kunst. Seinen Anfang nahm alles im bürgerlichen Zürich.

 

Raoul Hausmann "P" Collage mit bedrucktem Papier und Tinte, um 1920-1921, 31,2 x 22 cm, Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett © 2016 ProLitteris, Zürich / Kunsthaus Zürich

 

Dadaisten der ersten Stunde (v.l.) Hans Arp, Tristan Tzara und der Filmkünstler Hans Richter vor dem Hotel Elite, Zürich 1918 Foto © Stiftung Arp e.V. Rolandswerth/ Berlin, Arp-Museum Bahnhof Rolandseck 2016, unbekannter Fotograf

 

André Breton auf dem Dada-Festival am 26. Mai 1920 in Paris. Der spätere Surrealist war die Zentralfigur von Dada Paris Foto © Association Atelier André Breton, Fotoquelle Kunsthaus Zürich, dada100Zuerich, 2016

 

Raoul Hausmann Section de merde... allemande, Postkarte an Tristan Tzara, 1921, Silbergelatineabzug auf Postkartenkarton, 14 x 9 cm, Berlinische Galerie, Berlin © 2016 ProLitteris, Zürich / Kunsthaus Zürich

 

Der Dadaismus war so etwas wie ein Urknall für die Avantgarden des 20. Jahrhunderts. Warum die Sache gerade Dada getauft wurde und was es bedeutet, ist bis heute unklar. Mutmaßungen pflastern hier den Dada-Weg. Klar ist lediglich, dass Dada als Programm kein Programm hatte und als Kunstform auch keinen eigenen Stil.

     100 Jahre nach der Gründung sei die Bewegung "zu einem Synonym für artistische Blödelei und Nihilismus" geworden, bemerkt DIE ZEIT. Und die Werke der Dadaisten machten "den Bildungsbürger bis heute ein wenig ratlos". Kaum jemand weiß, was Dada ist. Zu vielfältig, zu unprogrammatisch war die neue Strömung, als dass sie sich (ein)ordnen ließe. Der frühe Dadaist und Aktionskünstler Johannes Baader 1919: „Was Dada ist, wissen nicht einmal die Dadaisten, sondern nur der Ober-Dada, und der sagt es niemand."
     
Im Gedenkjahr gibt es eine große Zahl an Aktivitäten. Dada findet sich in Ausstellungen, Aufführungen und Lesungen, ist Gegenstand von Tagungen, Seminaren und Symposien. Es gibt TV-Dokus und Briefmarken. Dada forever und überall – nicht nur im Geburtsort Zürich, auch in anderen Metropolen wird an Dada erinnert. Zu Recht: Ob Surrealismus (mehr), Fluxus (mehr), Pop-Art (mehr) oder Performancetheater – Dada hatte Einfluss auf alle. Ohne Dada keine Readymades, keine 68er Sit-ins, keinen Klaus Nomi und ohne Dada hätte Beuys vermutlich nie seinen toten Hasen geküsst.


Im Rheinland startet das Jubiläum mit „Genese Dada - 100 Jahre Dada Zürich“ im Arp-Museum Bahnhof Rolandseck. In ideeller Verbundenheit mit seinem Namenspatron Hans Arp (mehr), einem der maßgeblichen Dada-Mitbegründer, widmet das Haus der Kunstbewegung nicht nur eine Ausstellung, sondern ganzjährig mehrere Veranstaltungen.

     Der Blickpunkt der Festivitäten ist natürlich Zürich. Etwa zeitgleich bietet die Dada-Gründerstadt konzertiert drei Expositionen zum runden Geburtstag. Im Kunsthaus Zürich sind bis Mai in "Dadaglobe Reconstructed" Zeichnungen, Texte, Collagen und Fotografien von 40 Künstlern zu sehen, die einst von "Dadazar" Tristan Tzara (mehr) für eine Art Kunst-Atlas namens "Dadaglobe" - der nie realisiert wurde - eingesammelt worden waren. Danach wechseln die Exponate ins New Yorker MoMA.

     Das Landesmuseum Zürich wagt mit "Dada Universal" einen Rundblick auf die globale Ausstrahlung von Dada und präsentiert unter anderem Marcel Duchamps legendäres Urinal Fountain. Und in der Künstlerkneipe Cabaret Voltaire, die noch als Kultureinrichtung unter städtischer Regie existiert, können unter "Obsession Dada" an 165 Tagen in Folge Performances, Konzerte und Lesungen erlebt werden.

 

Marcel Duchamp war der Erfinder des Readymades: Ein Alltagsgegenstand wird zum Kunstwerk erhoben. Unter dem Pseudonym R. Mutt sorgte er 1917 in New York mit der Pissoirschüssel namens Fountain (Fontäne) für einen der grössten Skandale der Kunstgeschichte. Das handelsübliche Urinal gilt als Schlüsselwerk der Modernen Kunst. Das ursprüngliche Werk ging verloren. Fotoquelle Landesmuseum Zürich/ 1917 / Replikat 1964. The Vera and Arturo Schwarz Collection of Dada and Surrealist Art in the Israel Museum, Jerusalem. © Schweizerisches Nationalmuseum.

 

Dada-Zentrum Zürich Warum begannen die Umwälzungen gerade in Zürich? Die Frage lenkt den Blick auf die politische Situation jener Jahre. Der Erste Weltkrieg tobte seit zwei Jahren in Europa und ließ große Teile des Kontinents zu wahren „Killing Fields“ herabsinken. In der neutralen Schweiz war das deutschprachige Zürich ein Treffpunkt für Migranten jeglicher Couleur: für Intellektuelle, Künstler, Politikkritiker und Antimilitaristen (mehr). Dort konnten sie, wenn auch von den Behörden durchaus kritisch beäugt, ungestraft Fragen nach dem Sinn der Massenschlächterei ringsherum stellen.

 

 

John Heartfield (zugeschrieben) Doppelportrait Baader/Hausmann, um 1919/20 Rasterdruck einer Fotomontage auf weiss beschichtetem Holzschliffpapier, 25,4 x 15,8 cm Kunsthaus Zürich
© 2016 ProLitteris, Zürich.

 

Einladung zur Eröffnung der Künstlerkneipe Voltaire, am 5. Februar 1916, © Kunsthaus Zürich 2016

 

Hugo Ball als Magischer Bischof im kubistischen Kostüm, 23. Juni 1916, © Hugo-Ball-Sammlung, Pirmasens, unbekannter Fotograf

 

Max Ernst Chinesische Nachtigall, 1920 Collage (Granate mit Fächer) und Tusche auf Papier, 12,5 x 9 cm Musée de Grenoble © 2016 ProLitteris, Zürich / Kunsthaus Zürich

 

Und was wollte der Dadaismus? Er war eine Revolte der Kunst gegen die Kunst und von Künstlern für Künstler - ein Aufschrei gegen den Irrsinn des Krieges, auch mit Hilfe sprachlichen Unsinns. Seine Verfechter wollten angesichts einer brennenden und mörderischen Welt nichts mehr wissen von anständiger Ordnung, hehren Werten und geordneter Kunst. Das Konventionelle war überholt, die Anti-Kunst das Gebot der Stunde.

     Man kann das, was im Cabarete Voltaire monatelang in kirren Darbietungen zu sehen und zu hören war, Blödsinn und blanken Unsinn nennen oder eleganter als „höheren Unfug“ einstufen. Man kann die Zürcher Dada-Events aber auch als eine Pazifisten-Experimentierbühne verschiedener Strömungen interpretieren. Mit Nonsens-Lyrik - als „Lautgedichte“ tituliert -, merkwürdigen Kostümen, irritierenden Tänzen, polemischen Texten und provozierender Ironie drehten die Dadaisten auf jeden Fall in kurzer Zeit die internationale Kunstwelt um.


Spiritus Rector der neuen Geisteshaltung war der ehemalige Dramaturg Hugo Ball aus Pirmasens. Mit seiner späteren Ehefrau Emmy Hennings, einer Kabarettistin, hatte er auf der Suche nach einer Bühne das Cabaret Voltaire in der Zürcher Spiegelgasse 1 gegründet. Am Samstag, dem 5. Februar 1916, fand sich abends dort zur Dada-Uraufführung eine illustre Künstler-Truppe zusammen, eine Art „anarchistische Boheme“.

     Zu Ball und Hennings gesellten sich der Straßburger Hans Arp, die Rumänen Marcel Janco und Tristan Tzara sowie die Schweizer Malerin und Bildhauerin Sophie Taeuber. Tage später kam aus Berlin noch der Medizinstudent Richard Huelsenbeck hinzu. Alle waren Kriegsgegner, lehnten hierarchische Strukturen ab, waren gegen alles Bürgerliche und proklamierten Nonsens, Unvernunft und Magie zu ihren höchsten Gütern.


Die Premiere war eine brave künstlerische Performance mit Kostüm-Tanz, Klaviereinlagen, Chansons von Emmy Hennings und Lasker-Schüler-Versen (mehr). Dada als Unsinn und Klamauk gab es im Monat darauf mit Simultangedichten, durcheinander gehenden Rezitationen, Gesängen, Getrommel, Getriller und Gepfeife. Die Resonanz der Besucher - so ist überliefert - reichte von Entzücken hin zu vollständigem Entsetzen. Die mehrsprachigen Wort-Kompositionen verstand niemand und die später aus gepuzzelten Collagen und Fotoschnipseln zusammengeklebten Bildwerke blieben den meisten ein Rätsel.

      Die spektakulären Aktionen des künstlerisch-literarischen Exilanten-Kollektivs wurden zum Grundstein für eine internationale Jahrhundertbewegung. Wie ein Virus breitete sich der Dadaismus aus. Ableger gab es unter anderem mit Max Ernst in Köln (mehr), mit Richard Huelsenbeck in Berlin und mit Kurt Schwitters (mehr) in Hannover, in Paris, Madrid und New York und selbst auch in Tokio.

 

Gruppenfoto zum "Internationalen Kongress fortschrittlicher Künstler" in Düsseldorf 1922, organisiert von der Künstlervereinigung Junges Rheinland (mehr). Mit dabei die Dadaisten Raoul Hausmann (mit Fliege 2. v.l.) und Hans Richter (mit Hut 4. v.l.). Foto © Netherlands Institute for History (Rijksbureau voor Kunsthistorische Documentatie) Van Doesburgarchief 2016, Fotograf unbekannt.

 

 Das Arp Museum hat für die Ausstellung "Genese Dada" eine interessante Inszenierung gewählt. In zwei Kuben werden das Cabaret Voltaire und die bürgerlich orientierte Galerie Dada, in der Ball & Co. ihre Arbeiten und die namhafter Avantgardisten an die Wände hängten, räumlich nachgebildet. Der Besucher erreicht sie erst, wenn er zuvor eine multimediale Bild- und Klangcollage in der „Dada-Schleuse“ durchschritten hat.


► Bespielt wird die Schau mit Kunst aus dem engen Dada-Kreis, etwa von Arp, Janco und Hans Richter, sowie aus dem Umfeld mit Werken von Arthur Segal, Max Oppenheim und Adya und Otto van Rees. Arbeiten der Avantgarde von Heinrich Campendonk, Giorgio de Chirico, August Macke (mehr), Pablo Picasso oder Paul Klee (mehr) komplettieren das Bild. Leihgeber der Exponate sind das Guggenheim Museum, das MoMA New York, das Kunsthaus Zürich und das Folkwang Museum Essen.
Claus P. Woitschützke

 

Die Ausstellung „Genese Dada – 100 Jahre Dada Zürich“ wird bis zum 10. Juli 2016 gezeigt.
Arp Museum Bahnhof Rolandseck
Hans-Arp-Allee 1
53424 Remagen
Tel. 022 28/94 25-0
Öffnungszeiten
DI-SO 11 – 18 Uhr

 

Die Ausstellung „Dadaglobe Reconstructed“ läuft bis zum 1. Mai 2016

Kunsthaus Zürich
Heimplatz 1
CH–8001 Zürich
Tel +41 (0)44 253 84 84
Öffnungszeiten
DI, FR, SA, SO 10-18 Uhr

MI, DO 10-20 Uhr

 

Die Ausstellung "Dada Universal" kann bis zum 28. März 2016 besucht werden.

Landesmuseum Zürich

Museumsstraße 2

8001 Zürich

Tel +41 44 218 65 11

Öffnungszeiten

DI, MI, FR-SO 10-17 Uhr

DO 10-19 Uhr

 

 


  

LOST

IN 
NOTHINGNESS

 

SANDRA 

ACKERMANN

 

24.03. - 06.05.2017
 

GALERIE VOSS

 


 

 

 

 

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